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Theologe soll ein Jahr ohne Bewährung sitzen:

Ausgerechnet Lerle

Ein schockierendes Strafurteil

(Juli 2007)

Die 1981 angelegte „OPK-Akte ‚Drucker’“ (OPK=Operative Personenkontrolle) des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit über den seinerzeitigen Theologie-Studenten Johannes Lerle. Der Versuch, abweichende Meinungen zu äußern, stand in der DDR als „staatsfeindliche Hetze“ (§ 106 StGB) unter Strafe. Lerle war verdächtig und wurde intensiv bespitzelt, weil „er Vervielfältigungen von kirchlichem Schriftgut ohne staatliche Genehmigung anfertigt und verschickt“.

Wann ich das erste Mal mit ihm telefonierte, weiß ich nicht mehr. Es ist bestimmt zehn Jahre her. Vom praktischen Standpunkt aus tat mir Johannes Lerle schon damals leid. Und das ist gewiss nicht herablassend gemeint. Er tat mir leid, weil er so gar nicht in der Lage ist, seinen Vorteil zu suchen. Weil ihm trotz seiner Intelligenz jede Form von Schlauheit fehlt. Er ist furchtbar ungeschickt; sagt einfach, wovon er überzeugt ist. Bereits als Schüler in Halle war er 1965 in Schwierigkeiten geraten, weil er die Mitgliedschaft in der DDR-Staatsjugend FDJ ablehnte und sich mit einem Aufsatz politisch in die Nesseln setzte.

Wenn er einen Brief verschickt, dann steht da nur „Johannes Lerle“, obwohl er 1988 an der Universität Erlangen mit einer Arbeit über die Theologie August Ebrards zum Dr. theol. promoviert worden war. Wenn man ihm rät, seinen akademischen Grad zu führen, reagiert Johannes Lerle verständnislos. Warum sollte er? Er hat ganz andere Sorgen. Er will nicht gut dastehen, will niemanden beeindrucken. Er will einfach Gottes Weg folgen.

Wir anderen sind auch auf manchen Widerspruch gestoßen, manches Unrecht hat uns umgetrieben, das so nicht einfach hingenommen werden sollte. Aber wir haben uns meist rasch wieder abgewandt. Positiv denken, heißt die Devise. Nicht zu grundsätzlich werden. Sich nicht verrennen. Sich nicht aufreiben. Alles Maximen einer Lebensklugkeit, die Johannes Lerle fremd ist. Er will nämlich immer noch nur Gottes Weg folgen.

Prozess in Erlangen

Anfang Juni rief er mich an und machte mich darauf aufmerksam, dass ihm am 14. des Monats in Erlangen der Prozess gemacht würde. Ob ich darüber nichts berichten möchte? Ich hatte anderes zu tun, denn als Prozessbeobachter nach Erlangen zu fahren. Doch ich wünschte ihm viel Glück. Wie früher, kamen wir rasch auf alle möglichen Themen zu sprechen. Er beklagte das – ich zitiere – „Raubmördertum“, das sich von „Friedrich dem Zweiten” von Preußen über Bismarck bis hin zu Hitler durch die deutsche Geschichte gezogen habe. Ich widersprach ihm. Bismarck habe doch Maß zu halten gewusst und das Reich für „saturiert“ erklärt. Na gut, sicher, der sei schon etwas besser gewesen, ließ sich Lerle herbei. Aber dieser unsägliche Hitler. Lerle war nicht mehr zu bremsen, so groß war seine Empörung bei dem Thema. Es klang wie aus den eindringlichen „Tag- und Nachtbüchern“ Theodor Haeckers: Sünde, Götzen, die Macht des Bösen...

Kurz und gut: Ich empfahl Dr. Lerle, seine Ansichten vom „Raubmördertum“ und alles weitere, was er mir gerade eröffnet hatte, so dem Amtsgericht vorzutragen, damit man ihn und seine durch und durch antinazistische Einstellung besser einschätzen kann. Dr. Lerle meinte, das sei dort nicht der Punkt. Ihm fehlt eben jede Schlauheit.

Warum regt er sich denn so auf?

Jetzt lese ich, dass Johannes Lerle vom Amtsgericht Erlangen zu einem Jahr Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt worden ist. Noch nicht rechtskräftig. Wegen Verharmlosung unter der Herrschaft des Nationalsozialismus begangener Völkermordhandlungen. Mein Gott, ausgerechnet Lerle. Ob die Richterin sich bewusst war, wen sie da einrücken lassen will? Der Lerle mag aus der Sicht mancher Zeitgenossen ja etwas verrückt sein. Warum regt er sich denn wegen der paar hunderttausend Abtreibungen jährlich so auf? Warum lenkt er sich nicht ein bisschen ab? Er könnte ja mal mit einem Ferienbomber meinetwegen auf Ibiza oder sonstwo einfallen und dort die Seele baumeln lassen – so wie das richtige Stützen der Gesellschaft tun. Aber dazu fehlt dem Johannes Lerle jedes Talent. Leider.

Zur Last gelegt wurde ihm ein Text, der mit den Worten „Der Völkermord der Nationalsozialisten ist inzwischen eindeutig Geschichte“ beginnt. Mit dem Dritten Reich hat er ja nichts, aber auch gar nichts am Hut. Siehe oben. Lerle kommt nur nicht damit klar, dass es ihm verboten sein soll, mit seinen Schriften – O-Ton Lerle – „Menschen von dem Verbrechen des Kindermordes abzuhalten und auf Jesus Christus hinzuweisen, ohne dabei den eigentlichen Sachverhalt, dass ein Mensch getötet wird, zu verschleiern“. Er ist nämlich bereits wegen Beleidigung eines Mediziners verurteilt, der sich auf Abtreibungen spezialisiert und Zehntausende vorgenommen hat und den Lerle als „Berufskiller“ bezeichnet hatte.

Wie ein mittelalterlicher Scholar

Wie ein mittelalterlicher Scholar bedient sich derselbe Lerle auf durchaus verzwickte Weise der Waffen von Grammatik und Logik. Manchmal greift er Begriffe aus anderen Zusammenhängen auf, wirbelt damit umeinander. Ein argumentum ad absurdum hier, eine rhetorische Frage da. In dem Zuge hat er ein paar Vergleiche und Erwägungen angestellt und in diese offenbar auch die alleroffenkundigsten Tatsachen miteinbezogen. Das wäre freilich höchst verdächtig – wenn ich nicht hundertprozentig wüsste, dass dem Johannes Lerle nicht das Geringste daran liegt, den „Raubmörder“ Hitler zu entlasten!

Ich bin ja so naiv, an den liberalen Rechtsstaat zu glauben – aber bei Fällen wie dem des Johannes Lerle stellt man fest, wie weit wir davon entfernt sind.

Gerhard Frey