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Bayerische oder baierische Särge?

(Juli 2007)

Die grauenerregende Enthüllung der „Bild“-Zeitung vom 26. Juli 2007

Zwietracht säen und niedrige Instinkte anstacheln – darauf versteht sich niemand so wie die „Bild“-Zeitung, der Deutschen unfreiwilliger Mr. Hyde. Ösis, Ossis, Wessis, Preißn und dergleichen mehr sind die Kategorien, mit denen uns das Springer-Flaggschiff gerne füttern möchte. Und so ist es tatsächlich gelungen, manchen nicht sonderlich geschichtsmächtigen Münchner, Regensburger oder Straubinger gegen seine Stammesbrüder in Graz, Salzburg oder Wien aufzuhetzen.

Zum Beispiel mit folgendem Enthüllungsbericht der „Bild“ vom 26. Juli 2007 über einen veritablen Skandal: „Städtische Bestattungsunternehmen werden aus Salzburg beliefert / Münchner finden letzte Ruhe in Ösi-Särgen“.

Aufpreis für ein y?

Der das „aufdeckt“, ist Redakteur für Münchner Kommunalpolitik. Er trägt den nicht eben baierischen Namens „Riechers“, was an sich kein Problem wäre. Aber der Herr Riechers mandelt sich mächtig als Lokalpatriot auf: „Doch wo kommen die Särge der Münchner her? Die letzte Behausung liefert fast ausschließlich ein österreichischer Sargbauer.“ Nur wer „bereit ist, für Eiche massiv, rustikal gebeizt, tief in die Tasche zu greifen, tritt die letzte Reise garantiert in einem bayerischen Sarg an.“

Bevor Sie diesen Aufpreis zahlen, sollten Sie überlegen, ob Ihnen ein y soviel wert ist. Das y nämlich, das im Jahre 1825 aufgrund einer philhellenischen Laune des damals in München regierenden Königs Ludwig I. in den Staatsnamen geraten ist (aus Baiern wurde Bayern), aber – mangels entsprechender Regelungsmacht – nicht in den Stammesnamen.

Bei der Sargfabrik Moser in St. Michael im österreichischen Bundesland Salzburg bekommen Sie einen echt baierischen Sarg! Dort leben Baiern (also Angehörige jenes germanischen Stammes, der heute neben Altbayern den Großteil Österreichs einschließlich Südtirols besiedelt), dort spricht man bairische Mundart, wenn man auch nicht Teil des bayerischen Staates ist.

Bei der von „Bild“ favorisierten Konkurrenz in Dinkelsbühl bekommen Sie zwar einen bayerischen Sarg, weil die Stadt zum Freistaat Bayern gehört, aber keinen baierischen, weil dort Franken leben und fränkische Mundart gesprochen wird.

Mein Tipp lautet daher: Ganz besonders stammesbewusste Baiern greifen zu Moser-Särgen aus Österreich, die anderen können ohne Gewissensbisse auch dem fränkischen Modell den Vorzug geben. Tropenhölzer wie zum Beispiel Mahagoni und Ebenholz bleiben dagegen auch für diese besonderen Kisten tabu.

Noch was für die Psychohygiene

Aber noch viel tabuer, wenn nicht gar am tabusten hat die „Bild“-Zeitung zu sein. Dieses Blatt, mögen seine Redakteure nun Huber heißen oder Riechers, lassen alle anständigen Menschen fortan links liegen! Im Sinne der Psychohygiene. Ganz egal, wo das Zeitungspapier hergestellt wird.

PS: Man hat mir den beanstandeten Artikel ausgeschnitten in die Hand gedrückt.

Gerhard Frey