"Wir versuchen alles, um diesen Krieg zu verhindern"
(Januar 2003)
Der angesehene amerikanische Völkerrechtslehrer Francis A. Boyle, Professor an der Universität von Illinois, kritisiert in unmissverständlichen Worten die Kriegspolitik von George Bush. Jetzt verlangt er die Einleitung eines Amtsenthebungsverfahrens (Impeachment) gegen den Präsidenten. Boyles facettenreiche Karriere reicht von der Mitwirkung am "Biological Weapons Anti-Terrorism Act von 1989 und an der amerikanischen Gesetzgebung zur Umsetzung des Biowaffen-Übereinkommens von 1972 über Vorlesungen zum Völkerrecht an der Militärakademie West Point ebenso wie vor sowjetischen Juristen bis hin zur Vertretung der Republik Bosnien-Herzegowina vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) in den Jahren 1993 und 1994. Von 1988 bis 1992 gehörte Boyle dem Vorstand von Amnesty International an. Mit Professor Boyle sprach Rechtsanwalt Gerhard Frey.
Herr
Professor Boyle, Sie verlangen eine Präsidentenanklage gegen
George Bush?
Boyle: Ja. Wir
haben eine Kampagne vorbereitet, um zu versuchen, ein Impeachment
gegen ihn einzuleiten, und um diesen Krieg abzuwenden. Er spricht
von einem Präventivkrieg, wir setzen uns für ein präventives
Impeachment ein. Wir versuchen, ein Mitglied im neuen Repräsentantenhaus
dafür zu gewinnen, eine Impeachment-Vorlage einzubringen,
und dann möglichst viele dazu zu bewegen, das zu unterstützen,
um diesen Krieg zu stoppen. Wir haben ein Komitee von zehn sehr
intelligenten und hart arbeitenden Studenten hier, die derzeit
die Büros aller Mitglieder des Kongresses kontaktieren, die
die Kriegsresolution gegen den Irak nicht mitgetragen haben.
Sie
sagen, die USA verletzen internationales Recht. Das Thema Präventivkrieg
haben Sie schon angesprochen. Was ist mit der Ermordung von Gegnern
als Instrument der Außenpolitik?
Boyle: Das ist eindeutig illegal. In Kriegszeiten ist das ein Kriegsverbrechen. Außerhalb einer Situation bewaffneten Konflikts ist es eine schwere Verletzung der internationalen Menschenrechte.
Was
ist mit den Häftlingen in Guantanamo Bay auf Kuba und ihrer
Behandlung?
Boyle: Ihre Inhaftierung verletzt klar die Dritte Genfer Konvention über die Behandlung der Kriegsgefangenen. Und im Falle jener, die nicht in irgendeine Form von Kampf involviert waren,
die Vierte Genfer Konvention zum Schutz von Zivilpersonen. Sie verletzt auch den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte. Anscheinend wurden viele dieser Männer Folter oder grausamer, unmenschlicher und erniedrigender Behandlung unterworfen unter Verletzung der UN-Folterkonvention. Die Vereinigten Staaten sind Vertragspartei dieser vier Verträge. Leider hatten US-Bezirksgerichte nicht die Courage, eine Zuständigkeit für Guantanamo zu beanspruchen, um dem Recht Geltung zu verschaffen. Dort ist also eine Art rechtliches Niemandsland. Das ist eine grauenhafte Situation.
Ein
US-Bundesgericht hat am 8. Januar entschieden, dass Präsident
Bush die Befugnis hat, einen amerikanischen Bürger zum "feindlichen
Kombattanten" zu erklären, der in einer Kampfzone auf
einem ausländischen Kriegsschauplatz gefangengenommen wird.
Das bedeutet, dass der Präsident solche Bürger unbegrenzt
unter Arrest stellen kann. Diese Entscheidung ist beunruhigend.
Es wird wenig richterliche Kontrolle geben, wenn diese Entwicklung
sich fortsetzt?
Boyle: Das ist
richtig. Zur Zeit sind zwei US-Bürger in der Haft des Militärs.
Mr. Hamdi, der in Afghanistan gefangengenommen wurde, und Mr.
Padilla, der in Chicago festgenommen wurde. In beiden Fällen
hat der Präsident entschieden, dass sie "feindliche
Kombattanten" seien. Die von Ihnen erwähnte Entscheidung
im Falle von Mr. Hamdi ist ein sehr gefährlicher Präzedenzfall.
Wenn Mr. Hamdi an Kampfhandlungen gegen bewaffnete Kräfte
der Vereinigten Staaten beteiligt war, hätte er zumindest
das Recht, als Kriegsgefangener und gemäß der Dritten
Genfer Konvention behandelt zu werden. Wenn er nicht an Kampfhandlungen
teilgenommen hat, gibt es wirklich keine Grundlage, ihn in Haft
zu halten.
Kann
das Hamdi-Urteil auf den Fall Padilla angewendet werden?
Boyle: Es gibt die Befürchtung, der nächste Schritt könnte sein, dass diese Grundsätze auf Mr. Padilla angewendet werden, der nicht in irgendeinem Kriegsgebiet gefangen wurde. Unabhängig davon: In den Vereinigten Staaten bewegen wir uns unter dem Vorwand des "Kriegs gegen den Terrorismus" auf einen Polizeistaat zu. Auch die europäischen Staaten, Deutschland eingeschlossen, beschränken die Rechte und Freiheiten ihrer Bürger. Das ist überall das Muster.
Laut
Präsident Bush ist der Irak eine Gefahr, weil er Terroristen
helfen könnte, Massenvernichtungswaffen gegen die USA oder
ihre Alliierten einzusetzen. Kritiker halten dagegen, die USA
wollten in dem Land einmarschieren, um Zugang zu seinen Ölvorkommen
zu erhalten. Was stimmt?
Boyle: Sogar die
CIA hat die Behauptung widerlegt, dass der Irak mit El Kaida oder
einer ähnlichen Organisation in Verbindung stehe. Das ist
völlig lächerlich. Natürlich hat das alles mit
Öl zu tun. Der Irak hat zehn Prozent der Weltölreserven.
Man plant, das Land zu besetzen, zu bleiben und das Öl des
Irak zu nutzen. Darum geht es. Darum ging es schon im ersten Golfkrieg
von Bush senior. Wir müssen verstehen: Das sind dieselben
Leute. Cheney war damals Verteidigungsminister, nun ist er Vizepräsident.
Powell war Generalstabschef, nun ist er Außenminister. Auch
Wolfowitz wurde befördert. Die Agenda ist dieselbe, da reinzugehen
und das Öl zu übernehmen.
Der
Irak soll neue Beweise liefern oder er muss mit einem Angriff
rechnen. Das hört sich nach Umkehr der Beweislast an?
Boyle: Stimmt.
Das ist so wie die Frage: Wann haben Sie aufgehört, Ihre
Frau zu schlagen? Man erwartet vom Irak, sich selbst zu belasten.
Der Irak sagt, er habe keine Massenvernichtungswaffen. Man muss
abwarten, wie die Inspektionen weitergehen. Aber sehen Sie: Das
ist alles eine Farce. Es ist egal, welches Argument herangezogen
wird, um einen Krieg gegen den Irak zu rechtfertigen. Die Massenvernichtungswaffen
haben damit wenig zu tun.
Wie
schätzen Sie die möglichen Konsequenzen eines solchen
Krieges ein? Wird es eine humanitäre Katastrophe mit Hunderttausenden
Toten geben?
Boyle: Ja, das wird eintreten. Wenn Sie schauen, wie dieser Krieg geführt werden soll. Man wird gegen die irakischen Städte vorgehen. Im Krieg von Bush senior, im Krieg selbst, sind Schätzungen zufolge 200.000 Menschen getötet worden. 100.000 Soldaten und 100.000 Zivilisten. Von den getöteten Soldaten waren viele keine legitimen Angriffsziele, weil sie außer Gefecht waren. Die Vereinten Nationen haben bereits geschätzt, dass es jetzt mindestens 500.000 Opfer geben wird. Offensichtlich wird Bagdad bombardiert werden, eine Stadt mit fünf Millionen Einwohnern, Tikrit wird bombardiert werden, Basra wird bombardiert werden. Es wird ein Krieg gegen die Städte, ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung werden.
Das
klingt nicht gut in deutschen Ohren, wenn wir an unsere Städte
denken und was mit ihnen geschehen ist. Diese Methode, Probleme
aus der Luft zu "lösen"
Boyle: Richtig. Im ersten Golfkrieg sagte ein mit den Luftoperationen beauftragter General, die Bombardierung irakischer Städte sei am Vorbild der Bombardierung Dresdens orientiert. Und wir wissen, was in Dresden geschah. Es war ein reines Abschlachten unschuldiger Zivilisten. Es ist offensichtlich, dass man das mit Bagdad und mit den anderen irakischen Städten machen wird. Man wird alles kurz und klein schlagen und, sobald das getan ist, eindringen. Es könnte eine überraschend hohe Zahl ziviler Opfer geben. Ich möchte das nicht einmal schätzen.
Gibt
es noch eine Chance, dass der Friede gerettet wird?
Boyle: Alles was
ich sagen kann, ist: Wir in der Friedensbewegung werden hier in
den Vereinigten Staaten alles Menschenmögliche versuchen,
um diesen Krieg zu verhindern. Es ist jedoch sehr wichtig, dass
das deutsche Volk Kanzler Schröder auf Linie hält. Er
kommt unter enormen Druck der Bush-Regierung, diesen Krieg zu
unterstützen. Er hat bereits Überflugrechte gewährt.
Es gibt dafür keine rechtliche Grundlage. Man wird den Druck
auf Kanzler Schröder verstärken. Deutschland ist derzeit
im UN-Sicherheitsrat. Das ist eine entscheidende Position. Das
deutsche Volk muss seinerseits Druck auf den Kanzler ausüben,
dass er sein Wahlversprechen, Deutschland auf jeden Fall aus diesem
Krieg herauszuhalten, einlöst. Und dass er Deutschlands Sitz
im Sicherheitsrat nutzt, alles Menschenmögliche zu tun, um
eine friedliche Lösung des Konflikts zu fördern. Das
ist möglich, aber es wird einen sehr starken Verbündeten
wie Deutschland brauchen, um sich hier einzuschalten. Deutschland
muss versuchen, seine Position zu nutzen, um diesen Krieg zu stoppen,
vor allem jetzt im Sicherheitsrat.
Ich
glaube, da gibt es viel Angst aufgrund unserer kollektiven Erinnerung.
Boyle: Aber das
ist sechzig Jahre her. Deutschland hat genügend für
die Sünden der Vergangenheit gebüßt. Deutschland
muss für die Prinzipien eintreten, die in Nürnberg auf
Deutschland angewendet wurden.
Ich
meinte etwas anderes: Die Deutschen fürchten den großen
Knüppel der USA.
Boyle: Deutschland ist nach der Wiedervereinigung ein sehr mächtiges Land. Sie haben eine starke Wirtschaft, enorme Reserven Ihrer Bevölkerung. Deutschland ist heute de facto die Führungsmacht in Europa. Es sollte beginnen, in diesem Punkt Führung zu zeigen, und versuchen, diese Katastrophe zu stoppen.
"Es folgte eine Provokation nach der anderen und Nord-Korea hat geantwortet"
Erlauben
Sie einige Fragen zum Thema Nord-Korea. Pjöngjang ist aus
dem Atomwaffensperrvertrag ausgestiegen. Einige Beobachter sagen,
Nord-Korea hätte liebend gerne gute Beziehungen mit den USA.
Ist die Kündigung des Vertrages ein feindseliger Akt oder
nur eine Reaktion Nord-Koreas auf feindselige Akte wie die Erklärung
des Landes zu einem Teil der "Achse des Bösen"?
Boyle: Das ist ziemlich klar, wenn Sie auf die Geschichte der Verhandlungen blicken. Nord-Korea hat versucht, sein nukleares Potential, sein Raketenpotential als Druckmittel zu nutzen, um einen Friedensvertrag mit den USA zu erhalten. Nach dem Koreakrieg hat es nie einen Friedensvertrag gegeben. Nord-Korea hätte gerne normale diplomatische Beziehungen mit den Vereinigten Staaten, würde gerne Botschafter austauschen. Wir haben gesehen, dass die Clinton-Regierung versucht hat, langsam Fortschritte zu machen. Aber als die Bush-Regierung an die Macht kam, änderte sich sofort die Politik. Als der Präsident von Süd-Korea, der für seine "Sunshine"-Politik (der aktiven Zusammenarbeit mit Nord-Korea, Anm. d. Red.) den Friedensnobelpreis erhielt, in das Weiße Haus kam, wurde er von Präsident Bush gedemütigt. Da ist die "Achse des Bösen"-Rede, da ist das "Nuclear Posture Review"-Papier des Pentagon, in dem Pläne für den Ersteinsatz von Atomwaffen gegen Nord-Korea entworfen werden. Es folgte also eine Provokation nach der anderen und bedauerlicherweise hat Nord-Korea in dieser Weise geantwortet.
Japans
Ministerpräsident Koizumi hat jetzt in Moskau an die Tatsache
erinnert, dass Japan das einzige Land ist, das mit Atombomben
angegriffen worden ist. Er erklärte, alle Nuklearwaffen sollten
abgeschafft werden. Dieser Vorschlag entspricht dem völkerrechtlichen
Prinzip der souveränen Gleichheit der Staaten.
Boyle: Artikel 6 des Atomwaffensperrvertrags besagt eindeutig, dass die Atomwaffenstaaten verpflichtet sind, in redlicher Absicht über die Eliminierung nuklearer Waffen zu verhandeln. Und im Gutachten des Internationalen Gerichtshofs über die Frage der Legalität von Nuklearwaffen wurde diese Verpflichtung so ausgelegt, dass nicht nur ernstlich verhandelt werden muss, sondern auch schnell ein konkretes Ergebnis erreicht werden muss. Es haben jedoch keine derartigen Verhandlungen unter den fünf anerkannten Atommächten stattgefunden. Wahrscheinlich müsste man bis zu den McCloy-Sorin-Vorschlägen von 1961 zurückgehen. Die einzige Ausnahme könnte das Angebot von Präsident Gorbatschow von 1986 sein. Daher verstoßen die anerkannten Atomwaffenstaaten eindeutig gegen Artikel 6 des Atomwaffensperrvertrags. Nord-Korea hat das hervorgehoben. Es gab einen Deal: Wir verzichten auf Nuklearwaffen, wenn ihr ernstlich darüber verhandelt, sie zu eliminieren. Das wurde bei der Verlängerung des Atomwaffensperrvertrags auf unbegrenzte Zeit nochmals hervorgehoben, als die Atommächte in einer Resolution des UN-Sicherheitsrates sagten, dass sie beabsichtigten, über die Eliminierung von Atomwaffen zu verhandeln. Natürlich haben sie es nie getan. Der Standpunkt von Ministerpräsident Koizumi ist also zweifellos sehr gut und stichhaltig. Destabilisierende Handlungen der Großmächte rufen Antworten der anderen Staaten hervor. Ich habe in meinem 2002 erschienenen Buch über den kriminellen Charakter der nuklearen Abschreckung vorhergesagt, dass Bushs Rückzug aus dem ABM-Vertrag (1) sich auf den Atomwaffensperrvertrag auswirken wird, der eine ähnliche Rücktrittsklausel enthält. Nord-Korea hat in der Begründung seines Ausstiegs genau das gesagt.
Der
Internationale Gerichtshof hat in dem von Ihnen erwähnten
Gutachten von 1996 auch entschieden, dass die Androhung und der
Einsatz von Atomwaffen generell im Widerspruch zum Völkerrecht
und den Regeln des humanitären Kriegsvölkerrechts stehen.
Auch in dieser Hinsicht verstoßen die USA gegen internationales
Recht, indem sie für eine Reihe von Fällen mit dem Einsatz
von Atomwaffen drohen.
Boyle: Ja, das stimmt. Außerdem verletzt die Drohung mit Atomwaffen gegenüber Staaten ohne Atomwaffen eindeutig die so genannten "negativen Sicherheitsgarantien", die von den ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrates als Voraussetzung für die unbegrenzte Verlängerung des Atomwaffensperrvertrags abgegeben worden sind. (2)
"Es kann zu einem großen Krieg kommen"
Droht
ein Dritter Weltkrieg?
Boyle: Wenn Bush
den Krieg gegen den Irak in dem Maßstab führt, wie
er es erwägt, kann Ariel Scharon, falls er die Wahlen übersteht,
diesen Krieg als Vorwand nutzen, um massive ethnische Säuberungen
auszulösen, und die Palästinenser nach Jordanien und
in die Wüste Sinai treiben. Es könnte zu einer Explosion
im ganzen Mittleren Osten kommen wie 1948, 1967 und 1973. Wir
wissen, dass 1973 der Einsatz von Atomwaffen drohte. Damals wurden
die US-Nuklearstreitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt.
Es kann zu einem großen regionalen Krieg im Mittleren Osten
kommen, möglicherweise mit den Folgen eines Weltkriegs. Und
Rumsfeld sagt mit Blick auf Korea und Irak: Wir können zwei
Kriege gleichzeitig führen.
Vielen Dank!
(1)
Vertrag über die Begrenzung von Systemen zur Abwehr ballistischer
Raketen vom 26. Mai 1972. Am 13. Dezember 2001 verkündete
Präsident Bush den Ausstieg aus dem Vertrag.
(2) Die Atommächte garantieren darin, ihre Atomwaffen nicht gegen Mitglieder des Atomwaffensperrvertrags, die nicht über solche Waffen verfügen, einzusetzen.