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„Möglichst viel Natur, möglichst wenig Colani“

Fragen an Designer Luigi Colani

(Juli 2005)

Professor Luigi Colani ist einer der bekanntesten, wenn nicht der bekannteste Formgestalter der Welt. Er zählt zu den richtungweisenden Pionieren der organischen Gestaltung, des Biodesigns. Bis Ende 2005 ist in der Nancyhalle des Karlsruher Kongresszentrums die große Ausstellung „COLANI – Das Lebenswerk“ zu sehen, in der auf 4.000 Quadratmetern über 1.000 Großobjekte, Modelle und Entwürfe des Meisters aus fünf Jahrzehnten gezeigt werden. Anlässlich des Deutschlandjahres in Japan eröffnete das Museum für Kunst und Design im Kyoto-Institut für Technologie in Kyoto am 21. Juni eine große Ausstellung über den deutschen Gestalter. Rechtsanwalt Gerhard Frey hat Colani befragt.

„Containerweise Mist“

Herr Professor Colani, lässt sich Ihre unverkennbare gestalterische Handschrift auf eine einprägsame Formel bringen?

Colani: Meine Handschrift setzt sich aus möglichst viel Natur und möglichst wenig Colani zusammen. Unsere so dumme Designwelt hat noch nicht begriffen, dass vermutlich 99 Prozent aller Fragen von der Natur schon vor Millionen von Jahren beantwortet wurden.

Wie halten Sie es mit dem Satz, dass die Form der Funktion zu folgen habe?

Colani: „Form follows function“ wird nur von einem Prozent des Designs befolgt. Mist wird containerweise mit Riesen-Werbeaufwand in die verdummten Massen gepresst.

Eine Frage an den Autogestalter: Welche Anforderungen muss ein guter Autoentwurf heute erfüllen?

Colani: Anforderungen, die keines der heute immer dämlicher werdenden Autos zu erfüllen imstande ist.

Könnten Sie das kurz erläutern? Ist Ihre Formel „4 mal L“ – langsam, leise, lustig, leicht – noch gültig? Und wieso langsam?

Colani: Langsam: Wir sind das einzige Land ohne generelle Geschwindigkeitsbegrenzung – und die ganze Welt baut 250 Stundenkilometer schnelle Autos! Daher langsam.

Leise: Dicke PS sind laut!

Lustig: Anstelle des idiotischen PS-Rennens sollte der Spaßfaktor – hin zu erfreulichen Details! – gesucht werden.

Leicht: Exotische Baustoffe erfordern Umdenken. Schon 1963 baute ich für BMW einen Monocoque-Sportwagen mit 700 Kubikzentimeter Hubraum und 400 Kilo Gewicht, der 200 km/h erreichte.

„Die Regierung hat kein Interesse am Benzinsparen“

In den 70er-Jahren entwarfen Sie Ökologieautos, die mit 1,7 Liter Spritverbrauch Weltrekorde erzielten. Verfügen Sie über ein praktikables Konzept, um im großen Rahmen Benzinverbrauch und Kohlendioxid-Emissionen zu senken?

Colani: Mein LKW beispielsweise braucht 40 Prozent weniger Treibstoff. Aber die Regierung hat kein Interesse, drastische Einsparungen zuzulassen. Denken Sie an die Mineralölsteuer!

Gerade ist in München wieder ein Kind vom rückwärts fahrenden Auto seines Vaters erfasst worden und gestorben. Früher hatten die Fahrzeuge eine viel tiefere Gürtellinie und dünnere C-Säulen. Räumen die Autohersteller der Rundumsicht und der Sicht nach hinten genügend Bedeutung ein?

Colani: Schauen Sie mal mit offenen Augen die Riesen-Heckscheiben an und sehen Sie dann, wie viel Prozent der Oberfläche von den Idioten schwarz zugekleistert werden!

Sie gestalteten das 1985 vorgestellte Propellerflugzeug "Pontresina", das die gleiche Geschwindigkeit wie ein Düsentransportflugzeug erreichte, dabei aber 30 Prozent Treibstoff einsparte. Heute setzen Sie auf Nurflügel-Propellerflugzeuge. Was hat sich an den Nurflüglern seit den Gebrüdern Horten verändert?

Colani: Die Horten-Brüder waren ihrer Zeit um 50 Jahre und mehr voraus. Ich entwickle zur Zeit eine Antwort auf den Airbus A 380 für die chinesische Luftfahrtindustrie. Natürlich ein lupenreiner Horten mit riesigem Fracht- und Passagieraufkommen.

„Hundertwasser – nach Gaudí der Größte“

Ihr gar nicht mehr zu überblickendes Œuvre reicht von Armbanduhren, Zahnbürsten, Regenmänteln, Uniformen über die „Kugelküche" bis hin zu Flugzeugen, Autos und Schiffen. Gibt es eigentlich etwas, das Sie nicht gestalten können oder wollen?

Colani: Waffen.

Sie haben nie die Auseinandersetzung mit den Ideen anderer Gestalter gescheut. Wie beurteilen Sie zum Beispiel das Werk von Raymond Loewy? (Loewy, 1893-1986, gilt als der bedeutendste Industriedesigner der USA; Anm. d. Red.)

Colani: Loewy war ein Designmanager, der Hunderte von Kreateuren beschäftigte.

Und Paul Bracq? (Bracq, 1933 in Bordeaux geboren, war von 1957 bis 1967 Chefdesigner bei Mercedes-Benz, von 1970 bis 1974 bei BMW, von 1974 bis 1996 bei Peugeot; Anm. d. Red.)

Colani: Paul Bracq ist ein verkannter Könner.

Könnten Sie uns außerdem noch Ihre Meinung über den Maler und Baukünstler Friedensreich Hundertwasser verraten, der ja auch bei der Natur Anleihen machte?

Colani: Hundertwasser kannte ich persönlich und schätzte ihn. Er hat der verkalkten Architektur die Narrenkappe als brillante Alternative aufgezeigt. Er war nach Gaudí (Antonio Gaudí, 1852-1926; Anm. d. Red.) der Größte.

Wenn Colani Kanzler wäre...

Sie sind bekannt für Ihre kritische Sicht der deutschen Politik. Was würden Sie ändern, wenn Sie deutscher Kanzler wären?

Colani: Die Dämlichkeit der Rot-Grünen schreit zum Himmel. Ich würde all die vielen Zuschüsse und Privilegien sofort streichen und dem Betrieb, der einen Arbeitslosen einstellt, einen Anreiz anbieten. In einem Monat gäbe es in diesem Land keine Arbeitslosen mehr. Die einzigen Arbeitslosen wären die Angestellten der Arbeitsämter, die man schließen sollte. Sie verwalten doch nur ihre Paläste.