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"Ein Angriff auf den Irak wäre illegal"

Gespräch mit dem Labour-Abgeordneten Sir Thomas Dalyell

(Februar 2003)

Sir Thomas Dalyell of the Binns, der sich schlicht Tam Dalyell nennt, wurde 1932 in Edinburgh geboren und ist in Eton zur Schule gegangen. 1950-1952 war er Soldat bei den "Royal Scots Greys", dem Kavallerieregiment, das sein Vorfahre General Tam Dalyell 1681 aufgestellt hatte. Er studierte in Cambridge und Edinburgh und war dann als Lehrer tätig. Seit 1962 gehört der Labour-Abgeordnete im Stande eines Baronets ununterbrochen dem Unterhaus an und ist damit der "Father of the House", der dem Unterhaus zu Beginn einer neuen Wahlperiode oder beim Ausscheiden des "Speaker" präsidiert. Der streitbare Volksvertreter ist beim politischen Gegner wie auch in den eigenen Reihen gefürchtet. Zahlreiche Veröffentlichungen Dalyells zu politischen Themen sind erschienen. Er hat mehrere Bücher geschrieben, darunter "One Man's Falklands" (1982) und "Thatcher's Torpedo" (1983), sowie das Vorwort zu dem Buch "Libyen – der Kampf ums Überleben" (1996), in dem die US-Politik gegenüber Libyen kritisch beleuchtet wird. Sir Thomas Dalyell hält Ehrendoktorate der Universität Edinburgh (1994) und der City Universität London (1998). Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.
Sir Thomas Dalyell, als dienstältester Abgeordneter des britischen Unterhauses "Father of the House", ist ein unbeugsamer Gegner des Kriegskurses seines Parteifreundes Premierminister Tony Blair. "Wenn Blair Krieg macht, protestiert dieser Mann am lautesten", schrieb der "Guardian" über ihn. Im Unterhaus, in einem Offenen Brief an Blair und als Redner auf Demonstrationen, wie am 15. Februar in Glasgow, tritt er für sein Credo ein: Kein Krieg gegen den Irak! Mit Sir Thomas Dalyell sprach Rechtsanwalt Gerhard Frey.

Sir Thomas, wie beurteilen Sie die Rede und die Argumentation von US-Außenminister Colin Powell vor dem Sicherheitsrat? War das überzeugend?

Dalyell: Nein, überhaupt nicht. Und noch weniger überzeugend war das von Blair vorgelegte Dossier, für das aus der Arbeit eines amerikanischen Studenten abgeschrieben worden ist. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen. Powell behauptete, dass seit Jahrzehnten Kontakt zwischen El Kaida und dem Regime von Saddam Hussein bestanden habe. El Kaida existiert seit vier Jahren. Wie kann also seit Jahrzehnten eine Verbindung bestehen? Eine Beziehung bestand bei zwei Gelegenheiten, als nämlich El Kaida versuchte, Saddam Hussein zu ermorden.

Was halten Sie von der Darstellung, die angeblichen irakischen Massenvernichtungswaffen seien so gut versteckt, dass niemand sie finden könne?

Dalyell: Ich weiß nicht, was diese Massenvernichtungswaffen sind. Wenn es um Nuklearwaffen geht, meine ich nicht, dass ernsthafte Forschung auf diesem Gebiet verborgen gehalten werden kann. Chemische und biologische Waffen sind eine andere Sache. Die ganze Diskussion, ob der Irak chemische oder biologische Waffen hat oder nicht, ist verquer. Die Wahrheit ist, dass man sehr gefährliche Substanzen innerhalb einer Woche herstellen kann. Es kommt also auf das Wissen an, das vorhanden ist. Und das Wissen kann man nicht beseitigen.

"Blair ist ein Mann voller Kriegslust"

Sie neigen zu der Auffassung des früheren Waffeninspekteurs Scott Ritter, der erklärt, dass der Irak für niemanden eine Gefahr darstelle?

Dalyell: Das ist richtig. Ich habe Scott Ritter gehört. Er kam zweimal hierher und hat im Unterhaus ausführliche Erläuterungen gegeben.

Und das war überzeugender als Mr. Powells Auftritt?

Dalyell: Ja.

Was sind die wahren Gründe, dass Premierminister Blair Präsident Bush unterstützt?

Dalyell: Blair ist ein Mann voller Kriegslust. Nehmen Sie Jugoslawien. Er brachte die Amerikaner dazu, Jugoslawien zu bombardieren. Er war sehr glücklich, Afghanistan zu bombardieren. Aber Afghanistan war in keiner Weise ein Erfolg. Außerdem liebten es britische Premierminister – mit Ausnahme von Edward Heath – schon immer, im Weißen Haus gern gesehene Gäste zu sein. Die Leute, die die Regierung in den Vereinigten Staaten übernommen haben – Wolfowitz, Powell, Abrams, Cheney, Rumsfeld – haben eine Agenda. Meines Erachtens hat man die Regierung eines großen Landes, der Vereinigten Staaten, an sich gerissen.

Wer hat die Regierung an sich gerissen?

Dalyell: Jene extremen Elemente der Republikanischen Partei, die an Öl interessiert sind und teilweise auch an Revanche für das Scheitern von Bushs Vater.

Wie stark ist die Friedensbewegung in Großbritannien?

Dalyell: Stark. Aber es ist nicht nur die Friedensbewegung, die ihr Urteil fällt. Es sind auch die ganz normalen Leute. Es ist auch das britische Militär.

"Sehr viele Militärs sind gegen den Krieg"

Ist die Armee gegen den Krieg?

Dalyell: Sehr viele Militärs sind dagegen. Aktive Soldaten und Offiziere können sich natürlich nicht äußern. Aber wer sich im Ruhestand befindet, kann sprechen. Nehmen Sie Feldmarschall Lord Bramall und Feldmarschall Sir John Stanier. Oder Generalmajor Patrick Cordingley, der im ersten Golfkrieg Kommandeur der siebten Panzerbrigade war und sich jetzt öffentlich gegen einen Krieg ausgesprochen hat. Einer der Unterschiede zwischen Blair und mir ist, dass ich, aufgrund meines Alters, Militärdienst geleistet habe und er nicht.

Wenn, wie Sie sagen, die Mehrheit gegen den Krieg ist: Wird Tony Blairs Kriegskurs ihn am Ende den Posten als Premierminister kosten?

Dalyell: Ja. Aber ich muss dazusagen: Ein jüngeres Mitglied des Parlaments, das Blair in diesem Punkt verärgert, das ihn da nicht unterstützt, kann niemals eine Beförderung von ihm erwarten. In den 70er-Jahren, als ich Mitglied des Europäischen Parlaments war, hatten viele meiner deutschen Kollegen Angst vor Herbert Wehner.

Er hatte, um es zurückhaltend zu sagen, eine sehr direkte Art.

Dalyell (lacht): Wehner disziplinierte seine Kollegen. Genauso macht es Blairs Mannschaft. Sie sind zwar nicht sehr direkt, aber sie ergreifen Sanktionen gegen alle, die aus der Reihe tanzen: Die Betreffenden werden keine Karriere machen.

Hat Blair die Rechte des Parlaments respektiert, als er die britischen Truppen aufmarschieren ließ?

Dalyell
: Er respektiert das Parlament überhaupt nicht. Er ist der erste britische Premierminister, der keinen Respekt vor dem Parlament hat.

Gibt es keine Möglichkeit, ihn da zu stoppen?

Dalyell: Das ist sehr schwierig. Der Premierminister hat vom "Royal Prerogative"(1) Gebrauch gemacht. Er hat die Befugnis und kann die Truppen entsenden. Aber da ist ein zweiter Punkt: Es ging bisher immer um die Reaktion auf eine Aggression. Ich war gegen den Falklandkrieg, aber damals handelte es sich um eine Reaktion auf eine Aggression. Ich war gegen den Golfkrieg von 1991, aber auch hier ging es um eine solche Reaktion. Übrigens bin ich keineswegs ein Gegner des Militärs. Ich bin Ehrenmitglied der "officer’s mess" der "Scots Dragoon Guards".

Ich hoffe, dass die Deutschen an ihrer Sicht festhalten"

Was sind die wirklichen Gründe für den Plan, den Irak anzugreifen?

Dalyell: Öl.

Was soll Deutschland im Konflikt mit der Regierung der Vereinigten Staaten und der Regierung Großbritanniens tun? Soll es selbstbewusst auftreten, soll es Konzessionen machen?

Dalyell
: Ich bin auf der Seite der deutschen Regierung. Und ich hoffe, dass die Deutschen an der Sicht festhalten, die auch die Sicht beinahe aller auf der Welt ist. Die Menschen sind weltweit gegen diesen Krieg.

Welche Konsequenzen hätte ein Angriff auf den Irak für das Völkerrecht?

Dalyell: Die Konsequenzen sind unfassbar. Ein solcher Angriff unterminiert die Stellung der Vereinten Nationen. Er wäre nach meiner Meinung illegal.

Die gegen den Irak verhängten Sanktionen sollen den Tod von mehr als 500.000 Kindern verursacht haben.

Dalyell
: Ich glaube, dass es so ist. Ich war 1994 und 1998 im Irak. Als ich das erste Mal dort war, gab es viele Kritiker der Baath-Partei. Ich gehe davon aus, dass jetzt alle hinter Saddam Hussein stehen.

Die Sanktionen gehören weg?

Dalyell: Ja, sofort. Und ich bin dafür, mit der irakischen Regierung zu sprechen.

Sehen Sie noch eine Chance, den Krieg zu verhindern?

Dalyell: Die Chance ist sehr gering. Es ist erschütternd.

"Das bedeutet den Tod vieler Unschuldiger"

Was planen Sie als Nächstes? Am 15. Februar finden auch in Großbritannien große Veranstaltungen gegen den Krieg statt.

Dalyell: Es wird eine Demonstration in London geben. Ich werde auf der Demonstration in Glasgow in Schottland sprechen.

Erwarten Sie eine Wirkung auf Ihre Regierung?

Dalyell: Sie wird das ignorieren. Lassen Sie mich noch eines hinzufügen: Die Amerikaner sind absolut dazu entschlossen, dass nicht eine große Zahl von Leichensäcken in die USA zurückkehrt. Und das bedeutet massive Bombardierungen. Das bedeutet den Tod vieler Unschuldiger. Und auch die Zerstörung vieler der wundervollen historischen Baudenkmäler im Irak.

Das geht Ihnen nahe.

Dalyell: Ich bin sehr wütend darüber. Ich möchte nicht, dass mein Land daran teilnimmt.

(1) Als "Royal Prerogative" werden ursprünglich der Krone zustehende Befugnisse bezeichnet, die ohne die Zustimmung des Parlaments ausgeübt werden können. Zu diesen heute der Regierung und dem Premierminister zustehenden Befugnissen gehört unter anderem, das Unterhaus aufzulösen oder einem anderen Staat den Krieg zu erklären. "Dieses mysteriöse Etwas, das Royal Prerogative genannt wird" (Tony Wright, Unterhausabgeordneter) gibt dem Premierminister die Möglichkeit, ohne das Parlament Krieg zu führen.