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Das Muskelkraft-Mekka

Auf der Spezialradmesse im pfälzischen Germersheim

(
Mai 2011)


Vom Motorsport zum Fahrrad: TroyTec-Geschäftsführer und Mitbegründer Dominik Rodatus (rechts) aus München erklärt einem Interessenten das neue Karbon-Liegerad.

Schnell faltbares Liegedreirad Gekko fx von HP Velotechnik aus Frankfurt. Gegen stattlichen Aufpreis auch mit Elektroantrieb.
Foto: HPVelotechnik, cc-by-nd 3.0

Brandneues Familien- und Lastenrad: Das Trimobil aus Holstein.

Das vor über 100 Jahren konstruierte Pedersen-Rad, hier die Damenversion, her- und ausgestellt von Michael Kemper (Mitte).

Auch Germersheims Straßen sind während der „Spezi“ anders bevölkert: Das von Diplom-Ingenieur Eggert Bülk aerodynamisch optimierte Velomobil „Milan SL“, mit dem 2010 drei Langstrecken-Weltrekorde aufgestellt wurden. Einer davon: 665 Kilometer in 12 Stunden bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 55,41 km/h.
Mancher erinnert sich an die Behauptung einer 2007 verbreiteten Studie aus Oregon, ein drei Tonnen schwerer US-Geländewagen „Hummer” sei auf die Gesamtlebensdauer berechnet energiesparender als der doch für seine Umweltfreundlichkeit gerühmte Toyota Prius mit Hybridantrieb. Das war natürlich keine unparteiische Untersuchung. Trotzdem steckte etwas Wahrheit darin: Hybridfahrzeuge haben den Nachteil, dass Energiespeicher (Tank/Batterie) und Antrieb (Verbrennungsmotor/Elektromotor) doppelt angelegt sind und auch der Antriebsstrang kompliziert ausfällt. Ein BMW X 6 Hybrid zum Beispiel bringt damit fast 2,6 Tonnen auf die Waage. Aber auch reine Elektroautos ohne zusätzlichen Verbrennungsmotor weisen einen hohen Primärenergieverbrauch auf, was unter anderem an der relativ kurzen Lebensdauer der schweren und aufwendig herzustellenden Akkus liegt.

Leichtfahrzeuge aller Art

Solche und ähnliche Überlegungen beflügeln schon lange die Konstrukteure muskelbetriebener Leichtfahrzeuge, die mit einem Bruchteil des Gewichts auskommen. Ihr Mekka war am Wochenende zum nunmehr 16. Mal die Spezialradmesse in Germersheim. In Zeiten, da die Gewinnung von Energie – sei es im Nahen Osten, sei es mit der RWE-Dea-Bohrinsel „Mittelplate” im Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer oder mit Atomkraftwerken – immer problematischer beziehungsweise umstrittener wird, war zu erwarten, dass die Messe besonderen Zuspruch finden würde. Und tatsächlich waren die drei Hallen und das Freigelände überfüllt. Über 100 Aussteller boten das gesamte Spektrum von Spezialrädern – Liegeräder, Falträder, Tandems, Velomobile, Elektroräder, Reha-Mobile, Sonderkonstruktionen – und ohne Ende Zubehör.

Welche Neuerungen waren bei der diesjährigen „Spezi” in Germersheim zu beobachten? Auffallend viele Räder waren auf die Bedürfnisse von Familien und auf die Nutzung im Alltag ausgerichtet. Der für hochwertigen Maschinenbau bekannte holsteinische Hersteller Toxy stellte beispielsweise ein Drei- bis Vierpersonenrad – Trimobil genannt – vor. Dabei handelt es sich um das erste deutsche Fahrradprojekt überhaupt, das aus öffentlichen Mitteln gefördert wurde: Für das „Modulare Leichtfahrzeug mit optionalem E-Antrieb“ ließ das Land Schleswig-Holstein einen Entwicklungszuschuss von 51.000 Euro springen. Das „Trimobil” mit seinen zwei unabhängigen Pedal-Antrieben und bis zu 300 Kilogramm Zuladung eignet sich als Familien-, Touristen- und Lastenfahrzeug oder auch als Rikscha. Überhaupt nimmt die Zahl der Mehrsitzer zu – und sei es, dass sie wie beim „Kettwiesel” von Hase aus dem Ruhrgebiet durch Zusammenkuppeln entstehen.

Flotte Dreiräder made in Germany

Bei den Liegerädern ziehen die Dreiräder – „Trikes” – gewaltig an. Ihre Vorteile spielen diese Gefährte besonders im Winter aus, wenn mit Zweirädern die Sturzgefahr groß ist. Auch ältere und körperlich eingeschränkte Menschen machen von ihnen durchaus sportlichen Gebrauch. Zum jetzigen Durchbruch hat maßgeblich die in Germersheim vom Branchenverband VSF gerade zum fünften Mal als „bester Fahrradhersteller” Deutschlands ausgezeichnete Frankfurter Firma HP Velotechnik mit ihren Modellen Scorpion und Gekko fx beigetragen.

Schon deutlich länger bedient den Liegedreiradmarkt die fränkische AnthroTech Leichtfahrzeugtechnik. Auffallend an ihrem fahrbaren Untersatz ist die schnelle und einfache Längenverstellbarkeit. Fahrer zwischen 1,50 und 1,95 Metern Größe finden darauf Platz. Das AnthroTech-Credo lautet: „Die hervorragende Qualität unserer Liegeräder erreichen wir durch die Fertigung in Deutschland. Der größte Teil der Fertigung findet im eigenen Haus statt. Bei Zulieferern setzen wir weitestmöglich auf Unternehmen aus der Region, um gute Kommunikation und Qualitätskontrolle sicherzustellen.“ Dass bei AnthroTech auch der Rahmen in Deutschland hergestellt wird, ist eine große Ausnahme. HP Velotechnik zum Beispiel hat die Rahmenfertigung, wie in der Fahrradbranche üblich, 2009 nach Taiwan „ausgelagert”.

Elektrounterstützung?

Alle Bereiche werden derzeit von dem Trend zum (zur Unterstützung zuschaltbaren) Elektroantrieb erfasst. Deswegen gab es dieses Jahr in Germersheim neben den traditionellen Erwachsenen- und Kinder-Parcours auch eine große Teststrecke, auf der man derart ausgestattete Fahrzeuge ausprobieren konnte. Elektroantriebe sind inzwischen für praktisch jedes Rad verfügbar oder nachrüstbar. Dem schon länger eingeführten BionX-Motor aus Kanada macht dabei der neue, in Frankreich produzierte Bosch-Antrieb zunehmend Konkurrenz.

Das Thema Elektroantrieb spaltet die Fahrradgemeinde allerdings. Ein kostspielig ausgestatteter Liegeradler aus Frankfurt meint: „Ich will Energie nicht verbrauchen, sondern allenfalls über den Dynamo erzeugen.” Dagegen verrät ein Schlosser aus Basel, der sich sein Liegerad selbst gebaut hat: „Bei uns ist es hügelig, da ist der Elektroantrieb manchmal sehr hilfreich.” Nicht umsonst kommen die unter dem Namen „Flyer” bekannten Räder des derzeit wohl bekanntesten Elektroradherstellers aus dem Schweizer Kanton Bern. Auch sie sind in Germersheim vertreten, wirken als Aufrechträder dort aber recht konventionell. Aus dem gleichen Grund stehen Hersteller wie „riese und müller”, Darmstadt, oder Kemper aus der Nähe von Düsseldorf in Germersheim eher in der zweiten Reihe – trotz der innovativen Technik der Hessen und der sehr traditionellen (über hundert Jahre alten, auf den Dänen Mikael Pedersen zurückgehenden) Rahmenformen der Rheinländer.

Zwei Renningenieure

Mehr Aufsehen erregt ein Karbon-Liegerad der Münchner „TroyTec Speedbikes“. Zwei Maschinenbauer, Tobias Albert und Dominik Rodatus, die als Renningenieure im Autorennsport Erfahrungen sammelten, bauen unter diesem Namen nun schnelle Liegeräder, die „neue Maßstäbe im Bereich Funktionalität, Design, Gewicht, Alltagstauglichkeit, Aerodynamik und technischer Perfektion“ setzen sollen. Mit einem Gewicht ab 7,9 Kilogramm, einer Sitzhöhe von 29 Zentimetern und einem Preis „ab 4.490 Euro“ fällt dieses Fahrzeug aber auch im Liegeradbereich deutlich aus dem Rahmen des Üblichen. Trotzdem deutet die intensive Befassung der beiden vom Motorsport kommenden Techniker mit dem Thema Muskelkraftfahrzeug darauf hin, dass auch der bislang unterschätzte Beruf des Zweiradmechanikers mit Spezialisierung auf Fahrradtechnik bald mehr Zuspruch finden könnte. Heiße Öfen, das spricht sich allmählich herum, müssen nicht unbedingt nach Benzin riechen.

Gerhard Frey