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Das andere Unwort des Jahres

(Januar 2010)


Penetranz siegt. Foto vom Kurfürstendamm in Berlin. Nur frankophone Länder bleiben verschont, weil „sale“ dort schmutzig, dreckig, schmierig bedeutet.
Welches Wort ist Ihnen 2009 besonders negativ aufgefallen? Bei der sprachkritischen Aktion „Unwort des Jahres“ sind alle Bürgerinnen und Bürger aufgefordert, sprachliche Missgriffe zu nennen:

„Gesucht werden Wörter und Formulierungen aus der öffentlichen Sprache, die sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen. Die Vorschläge können aus allen Bereichen der öffentlichen Kommunikation stammen, aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Technik, Wissenschaft, Kulturinstitutionen oder Medien, und sollen in jedem Fall eine Quellenangabe enthalten.“

Die Entscheidung über das „Unwort des Jahres“ trifft eine Jury, die aus den Sprachwissenschaftlern Prof. Dr. Nina Janich (Darmstadt), Prof. Dr. Margot Heinemann (Zittau), Prof. Dr. Martin Wengeler (Düsseldorf), Prof. Dr. Horst Dieter Schlosser (Frankfurt a. M.) und zwei „Vertretern der öffentlichen Sprachpraxis“ besteht. 2008 hieß das „Unwort des Jahres“ „notleidende Banken“, 2007 „Herdprämie“. Dass manche Begriffe, wie zum Beispiel „Entlassungsproduktivität“ (2005), im tatsächlichen Sprachalltag kaum vorkommen, stört die Juroren nicht.

Warum nicht diese hier?

Folgende im letzten Jahr in der Öffentlichkeit präsente Begriffe finde ich unwortverdächtig, wenn sie auch nicht auf dem Siegertreppchen stehen werden:

„Politik-Beratung“ (Euphemismus für Lobbyismus mächtiger Konzerne und ihrer teils hauseigenen Denkfabriken)
„Militärisch angemessen“ (Guttenbergs Bezeichnung für die Tötung Unschuldiger bei Kundus)
„Aufständische“ (so nennt das Bundesverteidigungsministerium in Kolonialherrenmanier Afghanen, mit denen sich die Bundeswehr Gefechte liefert, wenn sie Deutschland am Hindukusch verteidigt)
„Gegenderte Sprache“ (besonders wichtig nach dem Politiker-Aufruhr in Hamburg im Sommer 2009 wegen des PIXI-Schulbuchs „Politik und Demokratie”, in dem sexistischerweise von „Schulleiter“, „Bewohner“ und „Wähler“ nicht in der weiblichen Form die Rede war)
„Nacktscanner“ (seit Ende 2009 groß in Mode)

Mein persönlicher Unwort-Favorit aber ist:

„Sale“. Dies Wort für (Aus-)Verkauf, das in deutschen Landen derzeit den Winterschlussverkauf vollkommen abgelöst zu haben scheint, siegt einfach aufgrund penetranten Gebrauchs.

Gerhard Frey