-> zurück

„Der Westen muss die islamische Welt fair behandeln“

Die zehn Thesen des Jürgen Todenhöfer und ein Blick in Franz Werfels „Vierzig Tage des Musa Dagh“

(März 2008)

Jürgen Möllemann, Jürgen Todenhöfer, Hans-Jürgen Wischnewski – das waren die drei prominenten „Araberfreunde“ im Bundestag. Möllemann und Wischnewski sind tot. Todenhöfer, CDU, gehört dem Parlament seit 1990 nicht mehr an. Dafür ist er Vizechef der Burda Holding – und macht jetzt wieder von sich reden. Im Berliner Reichstag gibt es zwar noch immer eine Deutsch-Arabische Parlamentariergruppe unter dem Vorsitz von Joachim Hörster. Doch Hand aufs Herz: Wer hat von ihr schon gehört?

„Milliardenschwere Propaganda-Maschinerie“

Mit zwei zweiseitigen Anzeigen in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ meldete sich Todenhöfer nun zu Wort. Die Inserate erschienen auch in der „New York Times“ und bei „Al Quds al Arabi“. Zehn Thesen, schockierende Bildern und lange Erläuterungen, die sich streckenweise wie eine Tour d’Horizon durch die Geistesgeschichte ausnehmen, damit will der Ex-Politiker gegen das antreten, was er „die milliardenschwere Propaganda-Maschinerie der US-Administration“ nennt.

Apropos „milliardenschwere Propaganda-Maschinerie“:

Todenhöfer ist 1987 bei Burda eingetreten. Seit 1990 ist er stellvertretender Vorsitzender der „Dr. Hubert Burda Holding GmbH & Co. KG“. In ihrer Hand befinden sich 260 Titel, davon gut ein Viertel im Inland. Der Umsatz der Verlage beläuft sich auf über eine Milliarde Euro. Die Reichweite der Burda-Zeitschriften, darunter die Flaggschiffe „Focus“ und „Bunte“, liegt bei 80 Prozent der deutschen Bevölkerung ab 14 Jahre. Über Todenhöfer heißt es in der Burda-Biografie von Gisela Freisinger, alle geschäftlichen Fäden bei Burda liefen bei ihm zusammen, er sei „der heimliche Herrscher“. Und: „Härte ist sein Markenzeichen.“ Mit dem Verleger ist er seit Jugendzeiten befreundet. Er gilt als „der Mann, auf den sich Hubert Burda verlässt, ohne je enttäuscht worden zu sein“. Von sich selbst sagte Todenhöfer einmal: „Während Hubert Burda nach vorne geht, um Tore zu schießen, sichere ich nach hinten ab.“

Bereits Todenhöfers 2003 erschienenes Buch „Wer weint schon um Abdul und Tanya? – Die Irrtümer des Kreuzzugs gegen den Terror“ erregte großes Aufsehen. Aus Honoraren seiner Bücher finanzierte er ein Heim für kriegsversehrte Kinder in Kabul sowie ein Ausbildungszentrum für Straßenkinder in Bagdad. Überhaupt die Kinder – sie spielen auch in Todenhöfers neuer Aktion eine Hauptrolle. Sein gerade erschienenes Buch „Warum tötest du, Zaid?“ ist die Geschichte eines 22-jährigen Irakers, der seine Brüder verlor und sich nun an Anschlägen gegen die amerikanischen Truppen beteiligt.

„Die Welt aus der Sicht eines Muslims“

Die zehn Thesen des Jürgen Todenhöfer kommen daher als „der Versuch, die Welt einmal auch aus der Sicht eines Muslims darzustellen“. Er hoffe, dadurch „die Fenster zu öffnen zu einer anderen Sicht der muslimischen Welt – oder wenigstens zu einer fairen Diskussion“. Sie lauten, um die Erläuterungen gekürzt, so:

1. Der Westen ist viel gewalttätiger als die muslimische Welt. Millionen arabische Zivilisten wurden seit Beginn der Kolonialisierung getötet.

2. Angesichts der Kriegspolitik des Westens ist es nicht wirklich erstaunlich, dass muslimische Extremisten immer mehr Zulauf bekommen.

3. Islamisch getarnte Terroristen sind Mörder. Für christlich getarnte Anführer völkerrechtswidriger Angriffskriege kann nichts anderes gelten.

4. Muslime waren und sind mindestens so tolerant wie Juden und Christen. Sie haben die westliche Kultur entscheidend mitgeprägt.

5. Nicht nur in der Bibel, auch im Koran sind die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten die zentralen Gebote.

6. Die westliche Politik gegenüber der muslimischen Welt leidet unter einer erschreckenden Ignoranz einfachster Fakten.

7. Der Westen muss die islamische Welt genauso fair behandeln, wie er Israel behandelt. Muslime sind so viel wert wie Juden und Christen.

8. Die Muslime müssen sich wie ihr Prophet Mohammed für einen Islam des Fortschritts und der Toleranz einsetzen. Sie müssen dem Terrorismus die religiöse Maske vom Gesicht reißen.

9. Nichts fördert den Terrorismus mehr als die „Antiterrorkriege“ des Westens. Die muslimischen Länder müssen ihre Probleme mit dem radikalen Islamismus selber ausfechten.

10. Das Gebot der Stunde heißt Staatskunst, nicht Kriegskunst – im Irankonflikt, im Irakkonflikt und im Palästinakonflikt.

Der Westen kehre vor seiner eigenen Tür

Über Todenhöfer heißt es, er sei ein Taktiker, sage sogar die Wahrheit aus taktischen Gründen. Ernst und Leidenschaft seines Appells sprechen dennoch dafür, dass es sich bei seinem neuen Zwischenruf nicht nur um einen Fall von Aufgabenteilung handelt nach dem erwähnten Motto „Burda schießt die Tore, ich sichere nach hinten ab“.

Schon 1980 war Todenhöfer mit einem Fotoreporter und einer Gruppe afghanischer Freiheitskämpfer von Pakistan aus in das von der damaligen Sowjetunion besetzte Afghanistan gereist. Als 2001 die USA das Land angriffen, muss es in ihm wieder aufgebrochen sein.

Und ist es nicht bitter notwendig, das „Seht den Balken im eigenen Auge“ und „Der Westen kehre vor seiner eigenen Tür“? Selbst Franz Werfel hat sich dafür entschieden, im letzten Drittel seines anklagenden Romans „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ (über die Vernichtung der Armenier durch die „modern“ ausgerichtete jungtürkische Regierung des Osmanischen Reiches) einen literarischen Gegenschuss aufzunehmen. Gläubige Türken, Angehörige eines Derwisch-Ordens, erklären dabei ihre Sicht der Dinge. Mehrere von Todenhöfers Thesen finden schon in Werfels 1933 erschienenem Werk Anklang. So spricht der alte Scheich: „Weißt du, welches das Wort ist, das nach dem Namen Gottes am häufigsten den Koran ziert? Das Wort: Frieden!“ Die These vom vielfach gewalttätigeren Westen bringt der Türbedar, der Grabhüter, in folgende Form: „Ihr habt einige oberflächliche Erkenntnisse über das Wesen der chemischen Elemente. Was aber ist die Folge, wenn ihr diese mangelhaften Erkenntnisse in Taten und Tätigkeiten umsetzt. Die Erzeugung von Giftgasen, mit denen ihr eure hündisch feigen Kriege führt! Und ist es mit euren Flugzeugen etwa anders bestellt. Sie dienen euch dazu, ganze Städte in die Luft zu sprengen. In der Zwischenzeit aber befördern sie die Wucherer und Geschäftemacher ... Wir hätten daher gern auf die Reformen, Entwicklungen und Segnungen eurer Kultur verzichtet.“

Werfels Leser, nach 600 Seiten Metzelei schon ganz in Rage gegen „die“ Türken, hält inne und denkt sich wie der Milchmann Tevje in „Anatevka“: „Weißt du was: du hast auch recht.“

Gerhard Frey