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Die alte und die neue Reichspost

Helmut Schwaiger über Höhen und Tiefen deutscher (Post-)Geschichte und die Herkunft des Wortes „Schmiergeld“

(Mai 2005)

Der Mann ist ein Phänomen. Wohl wenige andere vermögen historische Zusammenhänge anhand philatelistischer und postgeschichtlicher Ereignisse anschaulich zu machen wie Helmut Schwaiger. Rechtsanwalt Gerhard Frey hat mit ihm gesprochen.

„Eine Familie germanischer Herkunft“

Herr Schwaiger, vor 700 Jahren, 1305, schlug die Geburtstunde der modernen Post. Wie haben wir uns das vorzustellen?

Schwaiger: 1305 erging in Venedig der erste bekannte staatliche Erlass zur Gründung einer Postorganisation. Aus dem damit geschaffenen Postwesen ging letztlich alles hervor, was wir heute weltweit an Post haben, weil alle anderen Posten nicht konkurrenzfähig waren.

Welche anderen Postorganisationen existierten zu dieser Zeit?

Schwaiger: Das ganz andersartige und sehr komplexe chinesische Postwesen. Dann die Inkapost, die ohne Rad und ohne Pferd 160 bis 170 Kilometer am Tag bewältigte und durch die Spanier vernichtet wurde. Auch in Indien und Japan gab es hochentwickelte Postwesen. Nicht zu vergessen die Post des Deutschen Ordens, die als die erste deutsche Staatspost gilt und von der Marienburg aus alle Ordenskomtureien miteinander verband.

Was war das Besondere an der Post in Venedig?

Schwaiger: Die Kommunikation im Mittelalter spielte sich auf privater Ebene ab. Handelshäuser, Zünfte, Klöster, Universitäten unterhielten Botenanstalten, die aber keine öffentliche Post darstellten, sondern nur einzelnen Gruppen dienten. Mit dem Erlass des Großen Rates und des Dogen wurde 1305 ein staatlich geordnetes und überwachtes Postwesen geschaffen, eine öffentliche Post, auch wenn diese nach wie vor privatwirtschaftlich funktionierte.

Diese venezianische Post befand sich in den Händen einer Familie, die für die weitere Entwicklung der Post von ganz einmaliger Bedeutung ist, nämlich einer Bergamasker Familie germanischer, genauer: langobardischer Herkunft mit dem Namen Dax oder Tassis, die 1650 ihren Namen erweiterte in „Thurn und Taxis“.

„Abschaffung des Briefmonopols – ein Rückschritt“

Kann man sagen, dass das Jahr 1305 letztlich den Ursprung der Thurn und Taxisschen Reichspost markiert?

Schwaiger: So ist es. Weil die Familie Taxis im Postdienst führend wurde, hat Kaiser Friedrich III. sie Ende des 15. Jahrhunderts, als er ein besser organisiertes, allgemeineres Postwesen schaffen wollte, belehnt. 1489 haben wir die erste Erwähnung und Abrechnung von Johannes Dax – also Taxis – als „Obrister Postmeister“ des Kaisers. 1490 wird dann die erste große Postroute zwischen Innsbruck und Mecheln bei Brüssel eingerichtet.

Was an der Taxispost als so bedeutsam herausgestellt wird, finden wir schon in Venedig. Dass man zum Beispiel Strecken so unterteilte, dass die Belastung für Pferd und Reiter kalkulierbar war und man eine Art Fahrplan einhalten konnte. Dann der Stafettendienst – eine Eilpost, bei der der Absender bestimmen konnte, wie viele Pferdewechsel stattfinden. Auf den Briefen findet man die entsprechende Anzahl stilisierter Steigbügel aufgezeichnet.

Wie ging es dann weiter mit der Taxisschen Post?

Schwaiger: Besonders dank Kaiser Karl V. schuf die Taxispost bis Mitte des 16. Jahrhunderts ein Netz, das von den Niederlanden bis zur Straße von Messina – Sizilien – reichte, Wien mit Amsterdam, Paris und Madrid verband. Mit zwei Erlassen von 1595 und 1596 begründete Kaiser Rudolf II. das kaiserliche Postregal, das Reichspostmonopol. Und von da an haben wir die kaiserliche Reichspost im engeren Sinn.

Bis heute ist Gelb als Farbe des Kaisers die Farbe der Post.

Schwaiger: Was aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass die für Ende 2007 geplante Abschaffung des Briefmonopols einen gewaltigen Rückschritt darstellt. 1615 wird das Reichspostmonopol als Reichslehen an das Haus Taxis vergeben. Das Geschlecht steigt weiter kometenhaft auf, wird schließlich 1695 in den Reichsfürstenstand erhoben. Doch mit dem Niederlegen der Kaiserkrone durch Franz II. hört 1806 die kaiserliche Reichspost zu bestehen auf. In zahlreichen Gebieten wurde das Postwesen trotzdem bruchlos von Thurn und Taxis weitergeführt, nur eben nicht mehr als kaiserliche Reichspost, sondern aufgrund vertraglicher Vereinbarung mit den Staaten.

„1945: Deutschland ohne Postverkehr“

1852 erscheint die erste Thurn und Taxissche Briefmarke.

Schwaiger: Aber nach dem Deutschen Krieg besetzt Preußen 1866 die Hauptverwaltung der Taxisschen Post in Frankfurt. Und am 1. Juli 1867 übernimmt Preußen die Taxispost gegen Zahlung von drei Millionen Talern an das Haus Thurn und Taxis. Bis auf den Titel eines bayerischen Erbgeneralpostmeisters und Kronoberstpostmeisters sowie die Zusicherung vollkommener Portofreiheit für den Fürsten und seine Nachkommen gehen die deutsche Post und die Familie Thurn und Taxis nun getrennte Wege.

Was gibt es 2005 noch an postgeschichtlichen Jahrestagen?

Schwaiger: 805 errichtete Karl der Große an den wichtigsten Strecken seines Reiches Pferdewechselstellen. 1855, vor 150 Jahren, erschien die erste Briefmarke der Freien und Hansestadt Bremen, die bis 1867 eigene Posthoheit besaß.

Und 1945? Hat damals das Herz der deutschen Post vorübergehend zu schlagen aufgehört?

Schwaiger: Das ist noch untertrieben. Die meisten Deutschen waren monatelang ohne Postverkehr. Die Westalliierten unterbanden mit der Besetzung der jeweiligen Orte jeglichen Postdienst. Am härtesten traf es die Bewohner der französischen Besatzungszone, wo der private Postverkehr erst im September 1945 wieder aufgenommen werden durfte. Die Amerikaner ließen den zivilen Postverkehr von Ausnahmen abgesehen Mitte Juni, vereinzelt auch erst Mitte Juli wieder zu. Am relativ kürzesten, bezogen auf die Westalliierten, unterbrachen die Briten die Post. In der sowjetischen Zone bot sich ein uneinheitliches Bild. Dort gab es Orte mit praktisch keiner Unterbrechung und andere mit einer Nullperiode von zwei Monaten. Der Postverkehr zwischen den Zonen wurde erst am 24. Oktober 1945 wieder zugelassen. Die postlose Zeit hat Not und Mangel in Deutschland noch verschärft, die durch die Maßnahmen der Militärregierung wie Demontage, Konfiszierungen, Arbeitsverbote und Betriebsschließungen hervorgerufen wurden.

„Nichts kam der Reichspost gleich“

Im Film „Tatis Schützenfest“ spielt Jacques Tati einen französischen Landbriefträger, der von der Modernität der amerikanischen Post geplättet ist. War die US-Post wirklich so fortschrittlich?

Schwaiger: Die US-amerikanische Post verfügte noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein außerhalb der Städte nur über einen rudimentären Zustelldienst. Die Landzustellung ist in den USA bis heute nicht vollständig. Als die neue Deutsche Reichspost 1871 ihre Tätigkeit aufnahm, hat sie sofort die flächendeckende Zustellung eingeführt, auf dem letzten Bauernhof, der letzten Alm, dem letzten Leuchtturm. Wobei der Landpostdienst in Deutschland schon im 18. Jahrhundert begonnen hat. Mit Ausnahme vielleicht der Schweizer Post gab es bis 1945 weltweit keine Post, die in Sachen Modernität, Geschwindigkeit, Effizienz und Dienstleistung der Deutschen Reichspost gleichkam. Zustellung am nächsten Tag war bei ihr schon Ende des 19. Jahrhunderts üblich, im näheren Bereich am selben Tag. Montags bis samstags fanden fünf Zustellungen am Tag statt, sonntags eine. Frühzeitige Verwendung von motorisierten Fahrzeugen und eine extrem niedrige Verlustrate zeichneten die Reichspost aus. 1909 führte man gebührenermäßigte Blindensendungen ein. Der erste regelmäßige Luftpostdienst, wenn auch halbamtlich, wurde 1912 eingerichtet. 1928 folgte die Postwurfsendung, 1941 die ersten Postleitzahlen.

Der verstorbene SPD-Politiker Hans-Jürgen Wischnewski meinte, Briefmarken seien „das Geschichtsbuch eines Landes“.

Schwaiger: Ich würde es nicht auf Briefmarken beschränken. Sagen wir: die postalischen Dokumente. Zumindest in den vergangenen 230 Jahren hat da praktisch jedes nennenswerte Ereignis seine Spuren hinterlassen.

Wer sammelt heute?

Schwaiger: In den Auktionssälen sieht man erstaunlich viele junge Leute, auch viele Frauen. Dass der Briefmarkenhandel im Internet immer mehr zunimmt, deutet ebenfalls auf ein jüngeres Publikum hin. Schon 12-Jährige sind oft gut informiert, sammeln intelligent.

„Entwicklung zum individualisierten Sammeln“

Welche Tendenzen gibt es derzeit in der Philatelie?

Schwaiger: Immer stärkere Betonung liegt auf dem Ganzbrief, also dem gesamten postalischen Dokument. Man löst Briefmarken nicht mehr ab und schneidet sie auch nicht aus, weil erst die postalischen Merkmale und die Benutzermerkmale den Kontext verraten.

Außerdem geht die Entwicklung zum individualisierten Sammeln, das heißt postgeschichtliches und thematisches Sammeln. Zum Beispiel „Die Postgeschichte des Landkreises Miesbach“ oder „Die gesellschaftliche Stellung der Frau im Spiegel von Postdokumenten“. Es kann auch um den Wandel der Sprache gehen. Woran denken Sie beim Wort „Schmiergeld“?

An Holger Pfahls und an die Kölner SPD.

Schwaiger: Woher kommt der Begriff?

Vielleicht aus der Gaunersprache? Einer steht Schmiere und bekommt dafür Geld.

Schwaiger: Mit einer postgeschichtlichen Sammlung lässt sich belegen, dass der Begriff aus der Amtssprache der kaiserlichen Reichspost stammt. Das können Sie wunderschön anhand von Postscheinen dokumentieren. Da stehen die einzelnen Gebührenzeilen, darunter eine für „Schmiergeld“. Es handelte sich um eine postamtliche Gebühr für das Schmieren der Achsen der Postkutsche. Der Bedeutungswandel ergab sich daraus, dass betuchte Reisende die Fahrt dadurch etwas weniger qualvoll machten, dass sie dem Kutscher ein Extra-Schmiergeld zahlten, damit der die Achsen häufiger und besser schmiert. Im 19. Jahrhundert verschob sich der Begriff – dann sind wir bei den Herren Pfahls und Schreiber.

Sie erreichen Helmut Schwaiger per E-Post unter helmut-schwaiger@web.de.