EU-Aufnahme der Türkei:
Versteht Europa die Gefahr?
Stefan Zweigs Mahnung in „Die Eroberung von Byzanz“
(September 2003)
Versteht Europa noch immer nicht die Gefahr für die Kultur des Abendlandes? So fragt Stefan Zweig in seiner historischen Novelle "Die Eroberung von Byzanz". Europa verstand nicht. Es überließ Byzanz, das zu einem Stadtstaat auf dem Gebiet seiner Hauptstadt Konstantinopel herabgesunken war, seinem Schicksal. Die Stadt brach unter den Schlägen der übermächtigen türkischen Armeen zusammen, wurde Stambul, wurde Istanbul.
Das einstige Konstantinopel, das 1453 von Sultan Mehmet II. erobert worden ist, soll der Türkei nun als Eintrittskarte in die Europäische Union dienen. Befürworter des EU-Beitritts der Türkei verweisen auf die Metropole, die mit ihrem westlichen Teil auf europäischem Gebiet liegt.
"Gemeinsame Kultur der abendländischen Welt"
Aber gerade Geschichte und Beispiel Istanbuls müssen Europa von einer Aufnahme der Türkei in die EU mit der damit verbundenen Freizügigkeit abschrecken. Zweig hat in seine Schilderung eine Mahnung aufgenommen: "Immer wiederholen sich in der Geschichte diese tragischen Augenblicke, dass, wo höchste Zusammenfassung aller geeinten Kräfte zum Schutze der europäischen Kultur erforderlich wäre, auch nicht für eine Spanne die Fürsten und Staaten ihre kleinen Rivalitäten niederzuhalten vermögen."
Worum ging es 1453? "Weil von den Türken schon umstellt und weil geheiligt der ganzen abendländischen Welt durch gemeinsame, Jahrtausende alte Kultur, bedeutet dieses Byzanz für Europa ein Symbol seiner Ehre, nur wenn die geeinte Christenheit dieses letzte und zerfallende Bollwerk im Osten beschirmt, kann die Hagia Sophia weiterhin eine Basilika des Glaubens bleiben, der letzte und zugleich schönste Dom des oströmischen Christentums."
Sultan Mehmet nach ihm heißt in Istanbul die 1988 eröffnete zweite Brücke über den Bosporus Fatih-Sultan-Mehmet-Brücke ("Fatih" bedeutet Eroberer) versuchte, seine Absichten zu verschleiern. Wie Zweig schreibt, empfing er "bei seiner Thronbesteigung gerade die Gesandten Kaiser Konstantins mit den allerfreundlichsten und beruhigendsten Worten."
Achttausend gegen hundertfünfzigtausend
Doch schon zwei Jahre später beginnt der Zweikampf zwischen der alten Mauer der oströmischen Kaiser und den neuen Kanonen des Sultans. Es entschied die Zahl: "Mit Schrecken denken die achttausend hinter den Wällen an die entscheidende Stunde, in der dann die hundertfünfzigtausend Mahomets (Mehmets; Anm. d. Red.) zum entscheidenden Angriff gegen die schon durchhöhlte Befestigung vorprellen werden. Es ist Zeit, höchste Zeit, dass Europa, dass die Christenheit sich ihres Versprechens entsinne."
Die gegensätzlichen Interessen der abendländischen Mächte verhinderten jede wirksame Hilfe für Byzanz. 700 Genuesen unter dem Befehl von Giovanni Giustiniani Longo, die im Januar 1453 in Konstantinopel eintreffen, sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Mehmet weiß, schreibt Zweig, "wie am besten die Kampfeslust der hundertfünfzigtausend bis zum Äußersten zu entfachen ist, und so gibt er ein Versprechen, das er zu seiner Ehre und Unehre auf das Vollkommenste erfüllt hat". Er schwört beim Namen Allahs, "dass seinen Truppen nach der Erstürmung der Stadt unbeschränktes Recht auf drei Tage Plünderung gegeben wird. Alles, was in diesen Mauern ist: Hausrat, Habe, Schmuck und Juwelen, Münzen und Schätze, die Männer, die Frauen, die Kinder sollen den siegreichen Soldaten gehören."
"Die Belagerten benötigen keine Kundschafter, keine Überläufer, um zu wissen, was ihnen bevorsteht... Damit allen gegenwärtig sei, was ihnen zu verteidigen obliege: der Glaube, die große Vergangenheit, die gemeinsame Kultur, ordnet der Basileus (so lautete der Titel des byzantinischen Kaisers; Anm. d. Red.) eine ergreifende Zeremonie an. Auf seinen Befehl sammelt sich das ganze Volk, Orthodoxe und Katholiken, Priester und Laien, Kinder und Greise, zu einer einzigen Prozession... Mahomet und Konstantin, beide wissen sie: dieser Tag entscheidet auf Jahrhunderte Geschichte."
Bei der letzten Messe in der Hagia Sophia ertönt noch einmal "die ewige Stimme des Abendlandes" in dieser "damals noch herrlichsten Kathedrale der Welt". Als am nächsten Tag, dem 29. Mai, mit einem einzigen Schrei "Allah, Allah il Allah" die Männer Mehmets zum Sturm ansetzen, wehren sich die Verteidiger mit dem Mut der Verzweiflung. Kaiser Konstantin XI. kämpft bis zur letzten Stunde: "Vergeblich, dass Konstantin sich mit ein paar Getreuen den Eindringlingen entgegenstellt, er fällt, unerkannt erschlagen, mitten im Gewühl."
"Tausend Jahre kaufen nicht zurück, was eine Stunde versäumt"
Nachdem die Stadt gefallen ist, überlässt Mehmet "nach dem ersten Massaker seinen Kriegern Häuser und Paläste, Kirchen und Klöster, Männer, Frauen und Kinder zur Beute, und wie Höllenteufel jagen die Tausende durch die Gassen, um einer dem anderen zuvorzukommen".
Mehmet zieht in die Stadt ein: "Stolz reitet er hin zur Kathedrale, dem strahlenden Haupt von Byzanz... Sofort lässt er einen Imam holen, der die Kanzel besteigt und von dort das mohammedanische Bekenntnis verkündet, während der Padischah, das Antlitz gegen Mekka gewendet, das erste Gebet zu Allah, dem Herrscher der Welten, in diesem christlichen Dome spricht." Bald sind die Altäre weggerissen, die Mosaiken übertüncht "und das hocherhobene Kreuz von Hagia Sophia... stürzt dumpf polternd zu Boden".
Von diesem Sturz, hält Stefan Zweig fest, erbebte das ganze Abendland. "Aber in der Geschichte wie im menschlichen Leben bringt Bedauern einen verlorenen Augenblick nicht mehr wieder, und tausend Jahre kaufen nicht zurück, was eine einzige Stunde versäumt."
Die Schilderung Zweigs (die nach seinem Tod in seinen Band "Sternstunden der Menschheit" eingefügt wurde), sollte zu denken geben. Eine Konfrontation, wie sie sich damals bis vor Wien fortsetzte, könnte sich nach einem EU-Beitritt der Türkei in anderen Formen natürlich und keineswegs militärisch wiederholen.
Es geht nicht darum, eine seit Herodot immer wieder behauptete Frontstellung "Europa gegen Asien" etc. aufzuwärmen, im Gegenteil. Die europäischen Staaten würden vielmehr ein Aufbrechen alter, an sich längst zur Ruhe gekommener Konflikte gerade herbeiführen, indem sie die Türkei in die EU aufnehmen. Wenn das politische Europa seine Eigenart nicht bewahrt, werden es die Einzelnen in ihrem Alltag versuchen. Sie werden gezwungen sein, sich abzugrenzen, wo sie sonst gelassen bleiben könnten.
Dass Türken in Deutschland bei Wahlen den entscheidenden Ausschlag geben, ist bekanntlich bereits jetzt keine Utopie mehr. Und wenn Deutsche beispielsweise sich "erdreisten" sollten, in Berlin von der Versammlungsfreiheit Gebrauch zu machen und gegen eine EU-Aufnahme der Türkei zu demonstrieren, muss man nicht lange raten, mit wem sie dabei unsanfte Bekanntschaft machen werden.
Enormes Potenzial an Migranten
Die Bevölkerungszahl der Türkei hat sich im Zeitraum von 1927 (14 Millionen Einwohner) bis 2002 (65,3 Millionen Einwohner) verfünffacht. Die jährliche natürliche Wachstumsrate der türkischen Bevölkerung liegt gegenwärtig bei 1,3 Prozent (2002). Für das Jahr 2050 prognostiziert das Staatliche Institut für Statistik der Türkei eine Einwohnerzahl von 95 Millionen.
Das Wanderungspotenzial der Türkei wird deutlich an der Entwicklung Istanbuls. 1927 hatte die Stadt 669.900 Einwohner, im Jahre 2000 durchbrach sie vor allem aufgrund der anhaltenden Landflucht aus Anatolien die Zehn-Millionen-Grenze. Jährlich kommen etwa 400.000 türkische Binnenwanderer hinzu. Aber Istanbul kann die Sehnsüchte der Migranten nicht befriedigen. Sie sind weitgehend verarmt. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung Istanbuls lebt in den "Gecekondus", über Nacht illegal errichteten Bauten.
Der Bevölkerungswissenschaftler Steffen Kröhnert vom "Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung" stellt fest:
"Die Bevölkerungsentwicklung in der Türkei, als einem möglichen künftigen Mitgliedsland der Europäischen Union, könnte für Deutschland von besonderem Interesse sein. Immerhin leben in Deutschland zirka zwei Millionen Türken. Damit war Deutschland in der Vergangenheit das wichtigste Zielland türkischer Emigration. Unter den Ländern, die derzeit eine Mitgliedschaft in der EU anstreben, ist die Türkei das einzige Land, das über eine zahlenmäßig bedeutende, junge und wachsende Bevölkerung verfügt."
Kröhnert außerdem: "Es entsteht ein enormes Potenzial an unqualifizierten Migranten, die in den türkischen Ballungszentren, aber auch in anderen europäischen Ländern eine wirtschaftliche Perspektive suchen werden. Für Deutschland, das den größten Teil der im Ausland lebenden Türken beherbergt, könnte dies eine besondere Herausforderung darstellen."
Gerhard Frey