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Baukultur in Deutschland:

„Von genial bis scheußlich“

Eine Bestandsaufnahme mit dem Autor, Maler und Illustrator Ferry Ahrlé

(September 2005)

Bundesbauminister Stolpe hat jüngst den Abgeordneten des Bundestages den zweiten „Bericht zur Lage der Baukultur in Deutschland“ zugeleitet. Der bekannte Autor, Maler, Grafiker und Illustrator Ferry Ahrlé hat sich in mehreren Büchern, darunter „Türme der Macht und des Geistes“, „Straßen – Lebenslinien europäischer Städte“ und „Von Gönnern und Könnern – Finanzgenies und ihre Baukünstler“ mit der Baukunst von der Antike bis zur Moderne auseinandergesetzt. Rechtsanwalt Gerhard Frey wollte jenseits offiziöser Verlautbarungen von ihm wissen, wie es um die Baukultur in Deutschland bestellt ist.

„Strandkörbe an der Glasfront“

Herr Ahrlé, wie beurteilen Sie die Lage der Baukultur in Deutschland?

Ahrlé: Da muss man differenzieren. Ich pendle zwischen Frankfurt am Main und Berlin. Das Sony-Center am Potsdamer Platz ist gelungen. Das von Meinhard von Gerkan entworfene Gebäude der Dresdner Bank am Pariser Platz ist genial. Dagegen befinden sich unter den Vertretungen der Bundesländer zwischen Potsdamer Platz und Wilhelmstraße eine Reihe von Scheußlichkeiten. Die niedersächsische und die schleswig-holsteinische Landesvertretung versuchen noch etwas zu retten, indem sie Strandkörbe an der Glasfront des gemeinsamen Gebäudes angebracht haben. Das ist in der Großstadt wohl kaum eine Lösung. Was Frankfurt angeht, bin ich ein Anhänger der Hochhaussilhouette.

„Zu München passen keine Hochhäuser“

Die Münchner haben sich im November 2004 mehrheitlich dafür entschieden, dass keine Hochhäuser von mehr als 100 Meter Höhe gebaut werden. Und wer nach Rom kommt, ist beeindruckt, dass außer dem Petersdom und den Kirchen nichts die Dächer überragt.

Ahrlé: Frankfurt ist ein Sonderfall. Der Raum der Stadt, die einen mittelalterlichen Grundriss hat, ist so klein gewesen, dass man nicht in die Breite bauen konnte. Man musste einfach in die Höhe, um hier den Bankenplatz Deutschlands zu schaffen. Das war sozusagen eine Notlösung – und dafür sieht es ganz gut aus. Das ist um Gottes willen kein verallgemeinerbares Rezept. Zu München passen keine Hochhäuser, zu Rom auch nicht und in Paris ist schon das Montparnasse-Hochhaus ein Schrecken.

Der Architekt der Wiener Hofoper, Eduard van der Nüll (1812- 1868 , Anm. d. Red.), hat sich aus Verzweiflung über die harsche Kritik, die an seinem Bauwerk – man nannte es unberechtigterweise das „Königgrätz der Baukunst“ – geübt worden war, das Leben genommen.

Ahrlé: Das würde ich manchen Architekten heute auch raten angesichts der Scheußlichkeiten, die sie hinterlassen.

Wem würden Sie das nahe legen?

Ahrlé: Das werde ich nicht verraten. Ich bin ein friedlicher Mensch.

„Heute wird oft ohne Geschmack finanziert“

In Ihrem Buch „Von Gönnern und Könnern“ behandeln Sie die Finanziers hinter den Baumeistern.

Ahrlé: Früher hatten die meisten Finanziers, die die Bauten ja erst ermöglichten, viel Geschmack. Heute wird oft ohne Geschmack finanziert. Ich denke da an so bedeutende Mäzene wie den Bankier Carl Fürstenberg, der in Berlin Villenviertel errichtete. Oder an Georg von Siemens, unter dessen Leitung die Deutsche Bank ab 1897 den Bau von elektrischen Hoch- und Untergrundbahnen finanzierte. Er sorgte zusammen mit dem nachmaligen Hausarchitekten der Hoch- und U-Bahn, Alfred Grenander, für die schönen U-Bahnhöfe und machte auch selbst Skizzen. Aber auch François Mitterrand war für mich ein großer Förderer: Die gläserne Pyramide im Louvre, die zuerst auf so viel Widerspruch stieß. Oder die Grande Arche (deutsch: der große Bogen; Anm. d. Red.) und die Nationalbibliothek. Mitterrand hatte Sinn für Bauten, er hatte Geschmack.

Wie stehen Sie zur von Adolf Loos ausgegebenen Devise „Ornament ist Verbrechen“?

Ahrlé: Das habe ich nie verstanden. Davon abgesehen hat Loos diesen Grundsatz selbst nicht durchgehalten. Heute würde man sich nach den Gründerzeitfassaden, die am Ku'damm in Berlin bei Kriegsende noch standen, die Finger lecken. Und auch wenn Jürgen Schneider ein Gangster war, so muss man ihm doch lassen, dass er in Leipzig die Mädlerpassage und in Frankfurt das Haus der Dresdner Bank hervorragend renoviert hat. Das gibt einer Stadt Atmosphäre. Gegenbeispiel ist die Frankfurter Kaiserstraße, wo alte Bauten abgerissen und neue hineingestellt wurden. Das sieht aus wie ein schlecht gemachtes Gebiss. Aber es gibt auch gelungene Verbindungen von alt und modern: Das Zeughaus und daneben die Ausstellungshalle des Deutschen Historischen Museums von Ieoh Ming Pei, einer der gelungensten Bauten Berlins.

„Abwechslung macht Freude“

In Magdeburg wird am 3. Oktober ein neues Hundertwasser-Haus eingeweiht – die „Grüne Zitadelle“.

Ahrlé: Ich kenne das Hundertwasser-Haus in Bad Soden. Wohnen möchte ich darin nicht. Die schrägen, ineinander laufenden Wohnflächen sind nicht toll. Andererseits hat Hundertwasser in Frankfurt eine Kindertagesstätte gebaut. Die hat ein putziges Ambiente, bunt und lustig. Abwechslung macht Freude. Es muss ja nicht überall dasselbe sein.

Eine Frage an den Maler und Grafiker: Sie haben ein sehr engagiertes Plädoyer für das kleine Format verfasst.

Ahrlé: Es müssen nicht immer Riesenschinken sein. Die Kunst ist auch für Private da. Und weil die meisten Wohnungen nicht so riesig sind, ist das kleine Format wichtig. Man kann im Kleinen manchmal mehr aussagen als mit manchen großen Dingern, etwa von Joerg Immendorff. Wenn ich da an seine Bilderserie „Café Deutschland“ denke und das mit einer Zeichnung von Rembrandt im Format von 13 mal 18 Zentimetern vergleiche – die hat mehr ausgesagt. Diese Riesenformate sind teilweise grauenhaft.

Eisenman-Denkmal und Neue Wache

Das führt uns fast zwangsläufig zum Eisenman-Denkmal.

Ahrlé: Vier Fußballfelder! Dort spielen Kinder Fangen und Erwachsene Verstecken. Ob da überhaupt ein Gedanke an irgendetwas aufkommt, wage ich zu bezweifeln. Das figürliche Denkmal des Warschauer Aufstands in der polnischen Hauptstadt etwa löst Gedanken aus. Und die viel gescholtene Figur „Mutter mit totem Sohn“ nach Käthe Kollwitz in der Neuen Wache, die an alle Opfer von Krieg und Gewalt erinnert, ist sehr angemessen. Das regt zum Nachdenken an, wenn man davor steht. Mein Bruder ist am 8. Mai 1945 bei Luckenwalde bei Berlin gefallen. Ich höre noch heute den Schrei meiner Mutter, als sie die Erkennungsmarke zugeschickt bekam.