Gespräch mit Dr. Robert Fisk,
britischer Kriegsberichterstatter und Nahostkorrespondent
(Oktober 2004)
Er wird als „nahezu heroisch“ beschrieben, als „rühmliche Ausnahme“, die die besten journalistischen Traditionen fortführe: Dr. Robert Fisk, Nahost- Chefkorrespondent der britischen Tageszeitung „Independent“. Der renommierte Kriegsberichterstatter und Schriftsteller lebt in Irland und im Libanon. Rechtsanwalt Gerhard Frey hat ihn befragt.
„Bush und Kerry in einer Phantasiewelt“
Herr Dr. Fisk, wie beurteilen Sie die Debatten zwischen Präsident Bush und John Kerry?
Fisk: Weder Bush noch Kerry und ebenso wenig Blair, der australische Premier Howard oder Berlusconi sprechen über das, worauf es wirklich ankommt. Sie befinden sich in einer Phantasiewelt, die sie sich entsprechend ihren persönlichen Ambitionen oder Ideologien geschaffen haben. Im Irak herrschen höllische Zustände, jede Woche sterben Hunderte und jeden Monat Tausende. Nur Teile von Bagdad sind derzeit unter der Kontrolle der Zentralregierung. Der so genannte Premierminister ist eine Marionette der USA. Die Amerikaner müssen das Land verlassen, sie werden es verlassen, aber sie wissen nicht wie. Und das ist es, was keiner der Politiker, die ich gerade erwähnt habe, anpackt, denn das ist das Ergebnis ihrer widerrechtlichen Invasion im Irak.
Es hilft nicht zu behaupten: „Saddam hatte Massenvernichtungswaffen“ denn er hatte sie nicht. Oder: „Saddam war in den 11. September verwickelt“ denn er war es nicht. Oder die letzte Ausflucht: „Unter Saddam wären mehr Leute ums Leben gekommen.“ Ich bezweifle das. Wahrscheinlich übertreffen wir in unserer Regierungszeit Saddam, was die Verluste an Menschenleben angeht.
Paul Bremer, der ehemalige US-Zivilverwalter im Irak, sagte vergangene Woche in Bezug auf die Nachkriegsstrategie: „Mein Eindruck ist, dass beide Präsidentschaftskandidaten mehr oder weniger denselben Plan haben.”
Fisk: Bremer, der in den Irak gesandt wurde, weil er als Antiterrorexperte galt, hat schwere Schuld auf sich geladen. Es waren er und seine Misswirtschaft, die das Ausmaß der jetzigen Erhebung maßgeblich mitverursachten. Er löste die irakische Armee auf und setzte damit eineinhalb Millionen junge Iraker mit Waffen und ohne Geld auf die Straße. Er entschied, eine Zeitung mit einer Auflage von 10.000 Exemplaren zu verbieten, weil sie ihn durch einen Artikel persönlich beleidigt hatte. Er rief dadurch eine schiitische Erhebung hervor, die immer noch anhält. Das alles hat viele Menschenleben gekostet und Blut klebt an Bremers Händen. Er war ein extrem arroganter, erfolgloser Verwalter nach Kolonialherrenart. Sogar der britische Beauftragte, obwohl selbst ein ziemlich arroganter Schulmeister, kam mit ihm nicht zurecht.
„Kaum Unterschied zwischen beiden Kandidaten“
Ich wollte darauf hinaus, ob es einen substanziellen Unterschied zwischen Bush und Kerry gibt.
Fisk: Nein. Übrigens auch nicht, was den israelisch-palästinensischen Konflikt angeht. Zu einer Gruppe arabischer Amerikaner sagte Kerry, er sei gegen die Mauer in Palästina den „Zaun“, wie man die Mauer zu nennen beliebt. Wenn er sich an jüdische Amerikaner wendet, sagt er, die Mauer sei in Ordnung, sie gehöre dorthin. Aber vergleichen Sie, was Kerrys Nahost-Sprecher erklärt und was Bush äußert! Es ist ziemlich dasselbe. Es wird keine Änderung geben.
Wer wird denn die Präsidentenwahl am 2. November gewinnen?
Fisk: George Bush.
Welche Ausweg-Strategie für den Irak würden Sie bevorzugen?
Fisk: Wir haben dort nichts zu suchen. Bei jeder größeren Krise gibt es eine Diskussion nach dem Muster: Lasst uns nicht über die Fehler reden, lasst uns darüber reden, was wir nun machen. Zuerst haben wir Saddam aufgebaut, ihn mit Geld, Gas und Waffen ausgestattet, ihn im Iran einmarschieren lassen, wie wir es wollten, haben ihn bei dieser Aggression unterstützt. Als er Kuwait besetzte, wurde er zu einem schrecklichen Monster erklärt. Und sobald jemand darauf hinweist, dass wir dieses Monster geschaffen haben, heißt es: Lasst uns jetzt nicht davon sprechen, Vergangenheit ist Vergangenheit.
Als Erstes müssen wir uns fragen, wen wir derzeit großziehen. Wer könnte der neue Saddam werden? Welche anderen Monster füttern wir, um sie demnächst loszulassen? Welche Kreaturen brüten wir für die nächste Tragödie aus. Wer sind die Leute in der so genannten Übergangsregierung? Wer ist Ministerpräsident Ijad Alawi? Was ist mit den Mordanschuldigungen, die gegen ihn vorgebracht werden?
„Unsere Armeen kamen immer als ‚Befreier’“
Welche Alternative schlagen Sie vor?
Fisk: Vor allem müssen wir den geschichtlichen Zusammenhang erkennen. Seit dem 11. Jahrhundert sind wir in den Vorderen Orient gezogen, haben Frieden gepredigt und unsere Bogenschützen und Reiter, später unsere Panzer, Infanterie und Flugzeuge mitgebracht. Napoleon landete an der ägyptischen Küste mit der Botschaft an die Bevölkerung von Kairo, er käme, um sie von der grausamen Herrschaft der osmanischen Paschas zu befreien. Der britische General Sir Stanley Maude gab, als er 1917 Bagdad einnahm, eine Deklaration heraus, in der es hieß: „Unsere Armeen kommen nicht als Eroberer oder Feinde, sondern als Befreier.“ Wir sind immer in den Nahen Osten gezogen, um zu „befreien“. Und es hat immer damit geendet, dass wir die Menschen bekämpfen, die wir angeblich befreit haben und die wir dann Terroristen nennen. Wir müssen aufhören, uns im Nahen Osten einzumischen.
Sie haben über zahlreiche Konflikte berichtet: Nordirland, Libanon…
Fisk: … Algerien, Bosnien-Herzegowina, den armenisch-aserbeidschanischen Konflikt, den iranisch-irakischen Krieg, den Golfkrieg von 1991 und so weiter.
Was wollen Sie mit Ihren ungeschminkten Berichten erreichen?
Fisk: Über die Schrecken des Krieges wird nicht wahrheitsgemäß berichtet. 1991 kam ich im Südirak an einer großen Zahl irakischer Soldaten vorbei, die durch Bomben getötet worden waren. Bei mir befand sich ein Fernsehteam aus Großbritannien. Sie filmten Hunde, die die Körper in Stücke rissen. Ein Hund zog mit dem Arm eines toten Soldaten davon, wobei die Finger über den Sand schleiften. Ich fragte: Warum filmt ihr das? Und sie sagten: Das wird nie gesendet, das ist nur fürs Archiv.
Dadurch, dass man ständig behauptet, solche Bilder seien dem Publikum nicht zuzumuten, leisten Medien den Regierungen, die Kriege führen, Vorschub. Wenn die Menschen in meinem Land, Großbritannien, oder in Irland, wo ich heute lebe, sehen könnten, was ich auf den Schlachtfeldern sehe, würde praktisch niemand mehr einen Krieg unterstützen. Also werden sie daran gehindert, diese Szenen zu sehen. Als Wortjournalist kann ich darüber schreiben. Und in den Briefen der Leser heißt es: „Gott sei Dank sagt uns jemand, wie es ist.“ Aber sie sehen nicht die Bilder. Wir im Westen sind abgeschirmt durch die Entfernung, durch Lügen und dadurch, dass die Leute nicht zu sehen bekommen, wie Krieg wirklich ist. Sie riechen weder die Leichen noch sehen sie sie.
Sie waren immer wieder Zeuge schauerlicher Taten. 1996 brachten Sie die Umstände der israelischen Artilleriebeschießung des UNO-Stützpunkts Kana im Libanon ans Licht der Öffentlichkeit.
Fisk: Was ich aufdeckte, war, dass die israelische Armee die Beschießung mitverfolgen konnte, weil sie ein unbemanntes Aufklärungsflugzeug, eine Drohne, über Kana hatte.
„Ich sah die Massaker von Kana, von Sabra und Schatila“
Sie und Ihre Frau waren Augenzeugen. Sie schrieben danach einen Bericht unter dem Titel „Massaker im Flüchtlingslager“. Wie gehen Sie persönlich mit solchen Erlebnissen um?
Fisk: Meine Aufgabe ist es, Zeuge zu sein. Ich teile die Auffassung von Amira Hass, einer herausragenden israelischen Journalistin. Sie definierte unlängst mir gegenüber Journalismus als „Überwachung der Zentren der Macht“. Das ist unsere Aufgabe. Auch ein Arzt erleidet keinen Schwächeanfall, wenn er eine Operation an einem Schwerkranken durchführt. Sicherlich bin ich wütend und versuche, die Schuldigen zu benennen. Aber ich breche nicht unter Tränen zusammen. Ich habe viel über die Auswirkungen traumatischer Erlebnisse auf Journalisten gelesen. Journalisten sind recht gut bezahlte Leute natürlich nicht so gut, wie wir es verdienen würden. Wenn wir am Schauplatz einer schrecklichen Katastrophe, einer Tragödie, einer Grausamkeit oder eines niederträchtig geführten Krieges sind, können wir Leine ziehen. Wir können nach Hause fliegen und ein Glas Champagner trinken. Die wirklichen Opfer können nicht fort, sie müssen bleiben und müssen alles versuchen, dass ihre Familien nicht umgebracht werden. Das sind die Leute, um die man sich Sorgen machen muss. Wir sind freiwillig dort, niemand zwingt uns, in den Krieg zu gehen. Natürlich tun einem Journalisten Leid, die bestürzt sind von dem, was sie sehen. Aber ich kann ihnen nur raten: Dann fahrt nicht wieder dahin! Hört auf, Kriegsberichterstatter zu spielen! Berichtet über etwas anderes!
Sie waren auch im September 1982 in Sabra und Schatila, als dort das Massaker an palästinensischen Flüchtlingen stattfand.
Fisk: Ich kam dort an, bevor die Mörder weggingen, und kletterte buchstäblich über Leichen. Ja, ich war dort. In der folgenden Nacht hatte ich zum ersten und einzigen Mal einen Albtraum.
„Lasst uns einen Neubeginn versuchen!“
Derzeit schreiben Sie an Ihrem vierten Buch. Wovon handelt es?
Fisk: Es heißt: „Der große Krieg für die Zivilisation Die Eroberung des Nahen Ostens“. Den Titel habe ich von einer Medaille meines Vaters aus dem Ersten Weltkrieg er hatte als Leutnant 1918 an der Schlacht an der Somme teilgenommen. Auf der Rückseite der Medaille steht die Inschrift: „The great war for civilization“. Nach diesem „Krieg für die Zivilisation“ zogen die Sieger 1919 und 1920 binnen achtzehn Monaten die Grenzen unter anderem von Nordirland, Jugoslawien und dem Großteil des Nahen Ostens. Während meiner gesamten beruflichen Laufbahn habe ich Menschen innerhalb dieser Grenzen brennen gesehen. Mein Buch handelt besonders davon, was wir 1917 im Irak, was wir 1917 in Palästina, was wir 1842 in Afghanistan getan haben. Nicht um anzuklagen, sondern um zu fragen, ob wir irgendwann sagen können: Genug jetzt! Lasst uns einen Neubeginn versuchen!