Gerechtigkeit oder Lynchjustiz?
Zur Tötung von Osama bin Laden
(2. Mai 2011)
Was ein Prozess gebracht hätte
Dass Osama bin Laden getötet und nicht festgenommen wurde, erspart Washington nicht nur möglicherweise diese 25 Millionen, sondern auch einen Prozess, in dem bin Laden aussagen hätte können, bis wann und in welchem Umfang er von der CIA unterstützt wurde. In dem er die Gelegenheit gehabt hätte, zu den Vorwürfen im Zusammenhang mit dem 11. September Stellung zu nehmen. In dem aufzuklären gewesen wäre, ob der Bericht von „Le Figaro” zutrifft, wonach bin Laden sich noch im Juli 2001 im amerikanischen Krankenhaus von Dubai behandeln ließ und in dieser Zeit von zwei CIA-Agenten und hochgestellten Persönlichkeiten Saudi-Arabiens besucht wurde. Und in dem die Anklagebehörde es nicht bei einer politischen Rede hätte belassen können, sondern darlegen und beweisen hätte müssen, welchen Tatbeitrag Osama bin Laden denn nun konkret geleistet haben soll. Viele amerikanische Richter sind von großer Unabhängigkeit (Frank Billings Kellogg am Ständigen Internationalen Gerichtshof in Den Haag ist ein leuchtendes Beispiel) ein solcher Prozess hätte ausgesprochen unangenehm werden können.
Vor allem aber wäre noch deutlicher geworden, dass der US-Angriff auf Afghanistan vom Oktober 2001 nicht mit den Anschlägen vom Vormonat begründet werden kann. 15 der 19 Attentäter stammten wie bin Laden aus Saudi-Arabien, zwei aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, einer aus Ägypten und einer aus dem Libanon. Mehrere hatten in Hamburg studiert. Aber einmarschiert wurde in Afghanistan.
So war es die einfachste Lösung, Osama bin Laden zu liquidieren. Vielleicht hatte er seine Funktion erfüllt? Ida Wells-Barnett wollte das Lynchen aus Liebe zu Amerika abgeschafft wissen: „Kein Amerikaner reist ins Ausland, ohne wegen dieses Themas vor Scham für sein Land rot zu werden. Und wie auch immer die Entschuldigung aussehen mag, die in den Vereinigten Staaten im Umlauf ist, sie hilft im Ausland gar nichts.“ Es gibt, schrieb sie, keine Entschuldigung dafür, ordentliche Justiz durch barbarisches Lynchen zu ersetzen.
Gerhard Frey