Medienkonzerne Ringier und Springer:
Globalisiertes Geschäft mit dem Hass
(Juni 2008)
http://www.reflex.cz/Clanek32343.html
veröffentlichter Comic der in Prag erscheinenden Wochenzeitung „Reflex” stellt dar, wie ein Österreicher ein tschechisches Dienstmädchen sexuell missbraucht, wie Österreicher Hitler verehren und Österreichs Bundespräsident der Jahre 1986 bis 1992, Kurt Waldheim, als KZ-Wächter (!) vom Wachturm schießt. Es geht weiter mit dem Kampusch-Entführer Wolfgang Priklopil, dem Inzest-Verbrecher Fritzl und einem Hackenmörder. Am Ende heißt es: „Der Österreicher Fahnenträger europäischer Kultur“. Aber wer trägt eigentlich die verlegerische Verantwortung für „Reflex“?
Der Erfinder der Schiffsschraube, Josef Ressel, und derjenige der Nähmaschine, Joseph Madersperger, waren Österreicher wie auch OSRAM-Begründer Carl Auer von Welsbach „ein Deutscher, und zwar ein Österreicher“ (so die Formulierung von Egon Friedell in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“) war. Die Dichter und Komponisten aus Österreich sind so zahlreich, dass eine Aufzählung jeden Rahmen sprengt. Sie wäre auch müßig, würde sie doch die Autoren des antiösterreichischen Hetz-Comic in „Reflex“ ebenso wenig berühren wie die Tatsache, dass sämtliche namhaften Schulen der Tiefenpsychologie ihren Ursprung in Österreichs Hauptstadt Wien haben. Dass Musik und Theater in der Donaumetropole auf eine glanzvolle Entwicklung blicken können wie in kaum einer anderen Stadt, werden sie nicht begreifen. Und dass Charme, Eleganz und Takt in Wien beheimatet sind wie vielleicht nirgendwo anders auf der Welt, vermag sie sicher noch weniger zu erreichen. Leben sie doch offenbar in einem um im Bild zu bleiben geistigen Verlies, in dem nur die Schlagzeilen der Schmutz- und Schundpresse zugänglich sind.
„Bajuwaren und Franken”
Nun kann man diesen unterirdisch niveaulosen Angriff in „Reflex” als solchen nicht nur auf Österreich, sondern auf die ganze deutsche Nation auffassen. Der einstige österreichische Bundespräsident Michael Hainisch hat ja schon 1929 im Gedenkbuch der deutschen Reichsregierung zum 10. Verfassungstag niedergeschrieben: „Wir Österreicher sind nicht bloß Deutsche, sondern in überwiegender Mehrzahl Bajuwaren und Franken.“ Ein Blick auf die Karte „Deutsche Mundarten der Gegenwart“ aus der aktuellen Brockhaus-Enzyklopädie, Band 5, gibt ihm Recht. Da sieht man, dass im Osten bis Wien und im Süden bis Bozen und Klagenfurt Baiern leben und Bairisch gesprochen wird. (Das y ist im Jahre 1825 aufgrund einer philhellenischen Laune des damals in München regierenden Königs Ludwig I. in den Staatsnamen geraten aus Baiern wurde Bayern , hat aber in den Stammesnamen nicht Eingang gefunden.)
Dohlen und Turteltauben in Wien
Es wäre eine zu billige Replik, darauf hinzuweisen, dass der Vater des integren Kurt Waldheim noch Vaclavec hieß und auch der alles andere als integre Priklopil einen tschechischen Namen trug.
Trotzdem können wir, Bundesdeutsche und Österreicher, den Zeichner Štépán Mareš und die Verfasser des Textes, Dan Hrubý, Milan Tesař und Tomáš Baldýnský (zusammen firmieren Sie unter: HRUTEBA), getrost links liegen lassen.
Erstens weil es der gerade in Österreich besonders ausgeprägten Konzilianz und Verbindlichkeit widerspräche, auf gleicher Ebene zu antworten.
Zweitens weil, wer als Tscheche Deutsche hasst oder als Deutscher Tschechen, sich immer auch ins eigene Fleisch schneidet. Peter Parler aus Schwäbisch Gmünd hat den Veitsdom in Prag (einer noch 1857 zu 50 Prozent deutsch besiedelten Stadt) gebaut. Nicht wenige Deutsche haben die legendäre „böhmische Großmutter“. Der Dichter Georg Trakl, der Historiker Hellmuth Diwald und der SPD-Normalo Peter Glotz hatten eine tschechische Mutter. Gerade Wien hat Abertausende Tschechen „verwienert”, wie ein Blick ins Telefonbuch zeigt. Tschechische Vogelnamen zieren Österreichs Gelbe Seiten: Kafka (Dohle), Holub (Taube) oder Hrdlička (Turteltaube). Apropos! Alfred Hrdlicka erklärte im Februar im ORF-Interview: „Ich bin ein Großdeutscher, aber kein Nazi.” Eine klare Ansage. Aurel Wolfram hatte offenbar recht, als er in seinem 1943 erschienenen, erstaunlich offen NS-kritischen Buch „Glaube an Wien” schrieb: „Immer ist Wien geblieben, was es ist, und jede scheinbare Überfremdung wurde zuletzt eine Bereicherung eigener Art, die im innersten deutsch war wie kaum eine andere.”
Ein Tagebuch aus Prag
Doch eine kleine Literaturempfehlung wird man den vier Hetzern von „Reflex” noch auf den Weg geben müssen: Das Tagebuch von Margarete Schell, einer in Prag beheimateten deutschen Schauspielerin, die ihre grausamen Erlebnisse 1945 / 46 in der Hauptstadt Böhmens aufzeichnete. Erschienen ist das Tagebuch 1957 als Beiheft zur von der deutschen Bundesregierung herausgegebenen „Dokumentation der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa“. Nach der Lektüre reden wir weiter, ob ein Volk und gegebenfalls welches den Titel des „Fahnenträgers europäischer Kultur“ für sich beanspruchen kann ...
Für den Fall, dass die vier Comicer dann einwenden sollten, das sei ja nur eine Reaktion auf die vorangegangene NS-Herrschaft gewesen, sei noch folgender Hinweis erlaubt:
Deutschböhmen hatte sich beim Zerfall des Habsburgerreiches im Oktober 1918 zum Teil Deutsch-Österreichs erklärt. Landeshauptmann wurde Lodgman von Auen. Tschechisches Militär zerschlug das Bundesland um die Jahreswende 1918/19. Lodgman und seine Regierung mussten im Dezember 1918 aus Reichenberg dem Sitz der Landesregierung über Dresden nach Wien fliehen. Hätte man die drei Millionen Sudetendeutschen nicht gewaltsam von Österreich getrennt, wie anders wäre dann die Geschichte verlaufen!
Da schreibt das Geld!
Bis hierher scheint alles so zu sein wie gewohnt: Tschechen und Deutsche hauen sich die Geschichte um die Ohren und/oder pflegen Ressentiments. Und doch ist da etwas ganz anders: Die Wochenzeitschrift „Reflex” gehört dem international agierenden Medienkonzern Ringier mit Sitz in der deutschen Schweiz. Ringier, Inhaber der größten Schweizer Boulevardzeitung „Blick” und mit 50 % an „Sat.1 Schweiz”, beteiligt, verlegt auch in China und Vietnam, in Rumänien, Serbien, der Slowakei, der Tschechei, der Ukraine und in Ungarn zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften. Ringier, so feixt das Unternehmen, „ist der führende und bedeutendste Verlag in Tschechien“. Denn: „Ringier ČR verlegt über zehn Zeitungen und Zeitschriften, darunter die Boulevardzeitung ‚Blesk’, die auflagenstärkste Tageszeitung des Landes.“
Und wenn’s die Auflage hebt, verdient man sein Geld eben mit Hetze. So wie Springer in Polen mit den Blättern „Dziennik” und „Fakt” antideutsche Gefühle schürt und in der Bundesrepublik mit der „Bild” vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun gegen „Ösi-Würstchen” herzieht, so macht Ringier in der Tschechei sein Geschäft mit dem Hass.
Wenn Rupert Murdochs „Sun” auf „Krauts“ einprügelt, dann mag das vielleicht noch mit den gewohnten Denkkategorien zu erklären sein. Aber wenn deutsche und deutschschweizer Verlage im Ausland antideutsche Kampagnen betreiben, zeigt sich das wahre Gesicht der globalisierten und in den Händen weniger konzentrierten Medienlandschaft. Da schreibt das Geld. Und was es in Europa und darüber hinaus damit anrichtet das kümmert es nicht.
Gerhard Frey