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Nicht einmal eine Blume vom Repräsentanten des Landes, für das sie starben

Italienische Tageszeitung Il Giornale geht mit Schröder ins Gericht

(Juni 2004)

„Und auf dem Friedhof der geschlagenen Deutschen legt nicht einmal Schröder eine Blume nieder“. Unter dieser Überschrift kritisiert in einem eindrucksvollen fünfspaltigen Artikel die italienische Tageszeitung „Il Giornale“ die Weigerung des Bundeskanzlers, einen deutschen Soldatenfriedhof in der Normandie zu besuchen.

„Ein verleugnetes Heer“

Der Giornale-Mitarbeiter Alessandro Caprettini berichtet aus Caen (Frankreich) über die deutschen Gefallenen: „So viele, so sehr viele junge Männer der ,anderen Seite‘ sind auf der Halbinsel begraben, ohne Blumen und Ehrungen. Gerhard Schröder hätte als Teilnehmer der Feierlichkeiten die Mauer des Schweigens durchbrechen können, die sie, von seltenen Ausnahmen abgesehen, seit mehr als einem halben Jahrhundert umgibt. Aber der Kanzler wollte nicht. Er hat die Aufforderungen, die vielen in der Normandie begrabenen Landsleute zu ehren, als ,von parteipolitischem Kalkül’ bestimmt abgetan. Sie bleiben ein verleugnetes Heer. Vergessen. Als ob sie nie existiert hätten.“

Sechs Friedhöfe seien es, von denen der Kanzler so getan habe, als gäbe es sie nicht: „Mehr als 78.000 deutsche Soldaten sind auf sechs Friedhöfen in der Region bestattet. Ein Blutbad wohl ohne Beispiel. Und sehr viele bewegende Geschichten, die kaum bekannt sind. Denn wer verliert, hat immer Unrecht.“
Und doch herrsche an den sechs Stätten, an denen diese Soldaten ruhen, zwischen den Kreuzen und Grabsteinen eine Atmosphäre von großer Würde. Die Besucherbücher an den Eingängen seien voll von handschriftlichen Einträgen. Besonders hebt „Il Giornale“ dabei die „liebevollen Botschaften der Franzosen“ hervor.

Die meisten der Begrabenen seien kaum älter als zwanzig Jahre gewesen. Hans und Werner Baumann beispielsweise, zwei Brüder von 18 und 19 Jahren, die beide in der Invasionsschlacht fielen. Oder der 20jährige Walter Münstermann, gefallen am 6. Juni 1944 in Sainte-Mère-Eglise: „Aber zuhause war niemand, der ihn erwartet hätte, beide Eltern hatten das Bombardement ihrer Heimatstadt Cochem nicht überlebt.“ Oder Hans Günther, 26 Jahre, begraben in Champigny: „Er hatte den Auftrag, sich mit seiner Focke-Wulf 190 den feindlichen Flugzeugen entgegenzustellen, die den Luftraum beherrschten. Man beobachtete ihn noch, wie er mit amerikanischen Fliegern kämpfte und dann, Rauch hinter sich herziehend, zu Boden stürzte.“

„Der Gedanke ist schrecklich“

Unter den 11.956 Gräbern auf dem deutschen Friedhof in Mont-de-Huisnes hebt „Il Giornale“ das des 14-jährigen Edmund Baton hervor. Der Schüler aus Lauterbach (Saar) war beim Herannahen der Front mit seinen Mitschülern nach Bad Reichenhall evakuiert worden. Doch der Bub wollte nach Hause. Ihn verschlug es bis ins Elsass, wo er „von Franzosen oder amerikanischer Militärpolizei festgenommen wurde“. Man brachte ihn ins Gefangenenlager von Poitiers. Dort starb er mehr als zwei Monate nach Kriegsende, am 14. Juli 1945, an Hunger.
Die italienische Tageszeitung schließt mit den Worten: „Der Gedanke ist schrecklich, dass für die meisten von ihnen nicht einmal eine Blume da ist. Nicht einmal eine Blume von dem Repräsentanten des Landes, für das sie starben.“

Gerhard Frey