Ist der Papst „unmoralisch“?
(März 2005)
![]() |
Herr Professor Läpple, Johannes Paul II. ist mit Äußerungen zu den Themen Abtreibung und „Schwulenehe“ in seinem neuen Buch „Erinnerung und Identität“ auf heftige Kritik gestoßen. Volker Beck, der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, fordert den Papst auf, das Buch zurückzuziehen. Fehlt es dem Papst „an moralischer und ethischer Orientierung“, wie Herr Beck behauptet?
„Mensch von Anfang an“
Läpple: Man kann Johannes Paul II. kaum einen Mangel an moralischer und ethischer Orientierung unterstellen. Er hat sich immer wieder zu moraltheologischen und ethischen Fragen geäußert und ist auf diesem Gebiet kompetent. Hinzu kommt, dass ein solches Werk vor seiner Veröffentlichung mit weiteren Theologen besprochen wird.
Im Buch des Papstes heißt es, nach dem Sturz der Regime, die auf den „Ideologien des Bösen“ aufgebaut waren, habe in ihren Ländern die Vernichtung von Juden, ukrainischen Bauern und anderen aufgehört: „Was jedoch fortdauert, ist die legale Vernichtung gezeugter, aber noch ungeborener menschlicher Wesen.“
Läpple: Es wird als nicht ganz glücklich empfunden, dass man diese Themen zusammenbringt. Andererseits ist das Thema der Kinderabtreibungen, darunter auch Spätabtreibungen und Abtreibungen bis in die Geburt, den Menschen zu wenig präsent. In der Bundesrepublik ist seit der Reform des Paragrafen 218 im Jahr 1995 neben der „Fristenlösung“ in den ersten zwölf Wochen nach der Empfängnis aufgrund der so genannten „medizinisch-sozialen Indikation“ die Abtreibung auch schon außerhalb des Mutterleibs lebensfähiger Kinder möglich, insbesondere wenn ein Arzt eine Behinderung annimmt.
Der Papst schreibt: „Wenn ein Parlament den Abbruch der Schwangerschaft autorisiert und damit die Eliminierung eines Ungeborenen erlaubt, begeht es einen schweren Übergriff gegenüber einem unschuldigen menschlichen Wesen, das überdies keinerlei Möglichkeit der Selbstverteidigung besitzt.“
Läpple: Aus theologischer und dogmatischer Sicht ist es so, dass mit der Befruchtung, der Verschmelzung von Ei und Samenzelle, das Menschsein beginnt. Ab diesem Moment ist auch die unsterbliche Seele, das Personzentrum da. Wird ein Embryo erst im Laufe von soundsoviel Monaten oder mit der Geburt Mensch oder ist er Mensch von Anfang an? Letzteres ist die Auffassung der katholischen Kirche und auch sehr vieler Ärzte.
Lässt sich dazu theologisch gesehen eine Gegenmeinung vertreten?
Läpple: Nein. Eine andere Frage ist, wie ein Geistlicher zum Beispiel mit der Beichte einer Frau umgeht, die abgetrieben hat, aber aus Furcht und Angst handelte, die unter Druck gesetzt und in Bedrängnis gebracht wurde, zum Beispiel von dem Erzeuger. War ihr Wille hier wirklich frei?
Vaterland und „patrimonium“
Ein großer Abschnitt des Buches des Papstes befasst sich mit Vaterland und Patriotismus. Ebenso wie die Familie seien die Nation und das Vaterland durch nichts zu ersetzen. In deutschen Gottesdiensten hört man derartiges selten.
Läpple: Ich bete in jeder Heiligen Messe auch für unser Vaterland. Das Wort Vaterland ist nach 1945 weitgehend verstummt, nachdem es von den Nationalsozialisten übermäßig strapaziert worden ist. Es hat mich gefreut, dass Bundespräsident Köhler am Ende seiner Antrittsrede sagte: „Gott segne unser Land!“ Alle, ob rechts oder links, sollten sich dafür einsetzen, dass man das wertvolle Wort „Vaterland“ frei gebrauchen kann, ohne dafür gleich Verdächtigungen ausgesetzt zu sein. Zu Recht nennt der Papst Familie und Vaterland in einem Atemzug: Der Begriff Vaterland verweist auf den römischen Vaterbegriff des „pater familias“, wie ihn der heilige Benedikt in seiner Regula aufgenommen hat: Der „Abbas“, der Abt, soll wie ein Vater in der Familie leben. Das Vaterland ist auch, wie der Papst schreibt, in gewisser Weise mit dem Erbe, dem „patrimonium“, gleichzusetzen. Neben dem Vaterland dürfen wir die Muttersprache nicht vergessen. Dieses Wort verrät uns das Intime, das Ehrliche der Sprache und tatsächlich übernimmt man ja die Sprechweise der Mutter eher als die des Vaters.
Der Papst spricht auch über „das rechte Verhältnis von Wirtschaft und Kultur“. Die Kultur dürfe nicht zugunsten der Übermacht eines einseitigen Ökonomismus zerstört werden. Dabei sei es ziemlich belanglos, ob sich eine solche Vorherrschaft in marxistisch-totalitärer oder in westlich-liberaler Form durchsetze.
Läpple: Die vom Papst angesprochene Spannung zwischen Wirtschaft und Kultur ist offensichtlich: Im Fernsehen bestimmt die Quote, in der Wirtschaft müssen die Aktien stimmen. Wie weit wird hier auf den Menschen, den jungen Menschen, denjenigen, der eine größere Familie hat, Rücksicht genommen? Der Papst spricht sich gegen das aus, was man früher „Manchestertum“ nannte: dass der Mensch ausgenützt wird. Wir haben im Deutschen eine sehr interessante Formulierung: Der Mensch „bedient“ die Maschine. Theodor Haecker (philosophischer Schriftsteller und Kulturkritiker, 18791945; Anm. d. Red.) hat da mit Recht gefragt: Wer ist der Herr, wer ist der Knecht? Das Manchestertum stellt den Menschen solange es ihn braucht ans Fließband, auch wenn ihn diese Arbeit kulturunfähig macht. Gerhart Hauptmann hat in seinem Stück „Die Weber“ nicht umsonst eine Revolte gegen Maschinen geschildert. Wer immer nur mit Maschinen umgeht, bekommt ein Maschinenherz, warnte schon Tschuang-tse (taoistischer Philosoph, 4. Jh. v. Chr; Anm. d. Red.).
Wie ist ein EU-Beitritt der Türkei zu bewerten?
![]() |
Läpple: Der Islam hat eine wirklich andere Denkweise, ein völlig anderes Verständnis der Frau. Wie weit will man nach der Osterweiterung noch gehen? Irgendwo muss man die Grenze ziehen. Man muss auch die historische Dimension sehen. Der Islam hatte sich schon knapp hundert Jahre, nachdem Mohammed gestorben war, über den ganzen Süden des Mittelmeers ausgebreitet und reichte von Spanien im Westen bis zum heutigen Pakistan im Osten. Bereits damals wurde Konstantinopel mehrfach von Arabern belagert. Ganz Europa war in einem Zangengriff. Im 16. und 17. Jahrhundert waren Wien und Mohács Schauplatz der großen Abwehrschlachten. Man kann das nicht ignorieren. Heute sagen manche Türken: Was mit der Belagerung Wiens nicht gelang, werden wir über unseren Kinderreichtum verwirklichen. Hier hat man ein oder zwei Kinder, dort sechs, acht oder zehn. Wer hierher kommt, erhält damit ein strammes Kindergeld. Folglich droht ein enormer Rückgang der ursprünglichen europäischen Bevölkerung und eine Überlagerung durch nichteuropäische Völker.
„Ich bewundere die innere Energie des Papstes“
Päpste werden auf Lebenszeit gewählt. Das Kirchenrecht sieht aber auch die Möglichkeit eines Rücktritts vor. Papst Johannes Paul II. lehnt jedoch einen Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen ab.
Läpple: Die Möglichkeit eines Rücktritts ist gegeben auch nach dem neuen Kirchenrecht von 1983. Von dieser Möglichkeit machte im Jahre 1294 Papst Cölestin V. Gebrauch und dankte ab. Aber das ist eine persönliche Entscheidung. Eine Gewissensentscheidung, in die man Johannes Paul II. nicht hineinreden sollte.
Er hat verlauten lassen: Auch Jesus ist nicht vom Kreuz herabgestiegen. Und bei dieser Einstellung wird er wahrscheinlich auch bleiben.
Die Kritik an seiner Haltung könnte damit zusammenhängen, dass man in unseren westlich geprägten Gesellschaften versucht, Leiden und Sterben möglichst aus der Öffentlichkeit zu verbannen.
Läpple: Genau. Es wird in unserer Zeit viel über Behinderte gesprochen. Hier fühlt sich einer trotz seiner körperlichen Gebrechen in der Pflicht und gibt nicht auf, wie auch Jesus nicht aufgegeben hat.
Ihnen imponiert das?
Läpple: Ich bewundere seine innere Energie.
Haben Sie einen Tipp, welchen Kardinal das Konklave zum nächsten Papst wählen wird?
Läpple: Ein berühmtes Wort im Vatikan lautet: Wer als Papst hineingeht, kommt als Kardinal heraus. Im Klartext: Der vermeintlich sichere Kandidat wird nicht Heiliger Vater. Also besser keine Prognose!