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Ist die DB gekidnappt worden?

Zur neuesten Preiserhöhung der Bahn

(September 2008)


Der Kunde droht mit Umsatz. Doch der DB-Vorstand tut alles gegen eine preiswerte und barrierefreie Volksbahn. Derzeit kaufen rund 40 Prozent der Bahnkunden ihre Fahrkarten am Schalter oder per Telefon und nicht im Internet oder am Automaten. Zur Abschreckung müssen sie ab 14. Dezember in der Regel einen Bedienzuschlag zahlen. Auch Fahrkarten und Bahnkarten werden deutlich teurer.
Die Deutsche Bahn AG erhöht ab Mitte Dezember 2008 ihre Fahrpreise um vier Prozent. Es ist die elfte Preiserhöhung seit der Bahnreform von 1994, mit der dem öffentlichen Verkehrsunternehmen das Gewand einer Aktiengesellschaft übergestreift wurde.

Besonderes Ärgernis: Die neue Schaltergebühr. Wer am Schalter oder per Telefon eine Fahrkarte kauft, muss erstmals 2,50 Euro Bedienzuschlag bezahlen. Das ist

- sadistisch: Der DB-Angestellte muss sie erheben, obwohl sie - wie er weiß - seiner eigenen Abschaffung dient.

- ungesund: Wir alle suchen mehr und mehr, dem Computer wenigstens manchmal zu entgehen. Mancher zieht “altmodisch” seine Kontoauszüge bei der nächstgelegenen Zweigstelle, andere fotografieren wieder analog - mit Film. Auch die klassische Zeitung gehört zu den Fluchtpunkten. Der Computer und ich – das ist eine auf Dauer allzu fade Melodie. Ausgerechnet in dieser Situation soll dem Fahrkartenkauf am Bahnschalter nun der Garaus gemacht werden!

- ungerecht: Das Rennen „Mensch gegen Maschine“ ist ohnehin schon verfälscht. Während menschliche Arbeitskraft mit Lohn- und Einkommensteuer belastet ist, wird Maschineneinsatz durch steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten privilegiert. Selbst was Menschen unzweifelhaft besser können als Automaten, wird daher den letzteren übertragen. Man denke nur an die Bodenstewardessen am Flughafen, die durch "Check-in-Automaten" ersetzt wurden. Davor tummeln sich mit der Bedienung verständlicherweise überforderte Fluggäste und eine Einweiserin, die mit der Problemlösung nicht klarkommt.

Flugzeug- und Autoleute bilden den Bahnvorstand

Die staatliche Bahn ist mit ihren Preiserhöhungen und der Schaltergebühr auf einem asozialen Holzweg. Statt möglichst vielen Menschen barrierefrei und zu durchgängig günstigen Preisen die umweltgerechte Alternative Eisenbahn schmackhaft zu machen, kocht sie ihr Gewinnmaximierungs-Süppchen. Wofür zahlen wir eigentlich Steuern?

Oder ist es vielleicht viel schlimmer? Ist die Deutsche Bahn gekidnappt worden? Im Bahnvorstand sitzt heute kein profilierter Eisenbahner mehr: Mehdorn selbst kommt aus der Flugzeugbranche. Diethelm Sack aus der Automobilzulieferindustrie. Otto Wiesheu ist bekannt autolastiger Berufspolitiker. Karl-Friedrich Rausch war bis 2000 Sprecher des Vorstands der "Lufthansa Passage Airline", Norbert Bensel bis 2003 führend bei DaimlerChrysler. Stefan Garber ist ein Jurist, der 1990 bei der kanadischen Metall Mining Corporation den Posten eines "Vice President Corporate Development" innehatte.

Halt, da fehlt noch einer: Norbert Hansen, Ex-Chef der Gewerkschaft "Transnet", der bekanntlich die Seiten wechselte. Seit 2. Juni 2008 ist er Mitglied des Vorstands der Deutschen Bahn AG. Er begann zwar 1967 als Jungwerker bei der Deutschen Bundesbahn. Aber auch er wurde offensichtlich nicht wegen seiner eisenbahnerischen Kompetenzen in die Konzernführung berufen.

Gerhard Frey