Japans selbstlose Retter
„Helden“ wurden in der Steinzeit verortet, plötzlich braucht man sie im Atomzeitalter
(März 2011)
„Er starb für uns,
unsre Liebe sein Lohn“
Ein unverkrampftes Verhältnis zum Helden hatte dagegen Theodor Fontane. In seiner Ballade „John Maynard” heißt es schlicht:
„John Maynard war unser Steuermann,
aushielt er, bis er das Ufer gewann,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron’,
er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.“
![]() Verwüstung im nordjapanischen Ofunato, die der Tsunami anrichtete. Was sich hinter diesem japanischen Wort, das übersetzt „Hafenwelle“ heißt, verbirgt, peinigt Japan seit unvordenklichen Zeiten. |
„Kamikaze von Fukushima“
Tagelang besprengen und überschütten die Freiwilligen die Reaktoren und Abklingbecken des havarierten Atomkraftwerks mit Wasser, um die überhitzten Brennstäbe zu kühlen und eine Kernschmelze zu verhindern. Sie tun alles, um die Kontrolle über das Kraftwerk wiederzugewinnen. Yasuo Sato, Kommandant der Spezialrettungseinheit der Tokioter Feuerwehr, bringt auf einer Pressekonferenz vom Einsatz erschöpft zum Ausdruck, was die Männer motiviert:
„Als ich meiner Frau sagte, dass ich nach Fukushima gehe, antwortete sie: Ich hoffe, dass Du ein Retter Japans sein kannst.“
Beherrschung hin oder her, Tränen rinnen derzeit viele in Japan. Und auch ein Mann wie Sato schämt sich ihrer nicht, als er erklärt, er sei nicht sicher, ob er der Erwartung seiner Frau gerecht geworden sei. Toyohiko Tomioka, einer seiner Gruppenführer, ringt ebenfalls um Fassung, wenn er von seinen Männern spricht.
Immer schon wurde in Japan gegenseitige Hilfe in Zeiten der Not und der Gefahr großgeschrieben. Und es ist kein Wunder, dass jetzt weltweit in Medien auch von „Kamikaze von Fukushima“ die Rede ist.
In Japan nennt man die Kampfflieger, die sich in der Endphase des Zweiten Weltkriegs mit ihren mit Sprengstoff beladenen Flugzeugen auf Einheiten der amerikanischen Flotte, vor allem auf die Flugzeugträger stürzten, freilich nicht „Kamikaze“ (göttlicher Wind), sondern „Tokkōtai“, was übersetzt „Spezialangriffseinheit“ bedeutet. Während früher Übereinstimmung bestand, dass die Kamikaze freiwillig zum Einsatz kamen, ist darüber inzwischen eine Debatte ausgebrochen. Doch zu viele Belege existieren, dass japanische Soldaten aller Waffengattungen, auch zu Wasser und zu Lande, zum Selbstopfer übergingen, als dass generell von Zwang gesprochen werden könnte.
Wendeten diese Einsätze auch schließlich die Niederlage nicht ab, so werden sie doch auch heute vom militärischen Standpunkt aus nicht als wirkungslos angesehen. Dr. Richard P. Hallion bezifferte 1999 in einer militärhistorischen Studie für die amerikanische Luftwaffe die Bilanz der Kamikaze so:
„Ungefähr 2.800 Kamikaze-Angreifer versenkten 34 Schiffe der US-Navy, beschädigten 368 weitere, töteten 4.500 US-Marinesoldaten und verwundeten 4.800.“
Am Ende war der Einsatz der Kamikaze vergebens. Japan verlor Tausende seiner Tapfersten und über die Familien wurde großes Leid gebracht. Aber wer bisher den Stab über die Kamikaze von einst brach, könnte nun nachdenklich geworden sein. Sind es vielleicht dieselben Eigenschaften, die sie auszeichneten und die auch die Feuerwehrleute, Soldaten und Arbeiter von heute zu ihrem Einsatz befähigen?
Wie man ein Gott wird
Und wer schmunzelt, wenn er liest, dass die Kamikaze als Götter verehrt wurden, dem fehlt das Verständnis der geistigen Entwicklung Japans. Es erschließt sich vielleicht durch die Geschichte „Ein lebender Gott”, die Lafcadio Hearn (1850 1904) in seinen Berichten und Studien aus Japan so einleitet:
„Seit unvordenklichen Zeiten wurden die Küsten Japans in unregelmäßigen oft Jahrhunderte dauernden Zwischenräumen von ungeheuren Überschwemmungen heimgesucht, Überschwemmungen, hervorgerufen durch Erdbeben oder submarine vulkanische Ausbrüche. Diese furchtbaren plötzlichen Meereruptionen werden von den Japanern Tsunami genannt. Die letzte fand am Abend des 17. Juli 1896 statt, wo eine beinahe zweihundert Meilen lange Flutwelle die nordöstlichen Provinzen Miyagi, Iwate und Aomori überschwemmte, zahlreiche Städte und Dörfer zerstörte, ganze Distrikte verwüstete und dreißigtausend Menschenleben vernichtete. Die Geschichte von Hamaguchi Gohei ist die Geschichte einer solchen Katastrophe, die sich lange vor der Meijiperiode in einem anderen Teil der japanischen Küste ereignete.“
Hamaguchi ist zur Zeit dieses Schreckensereignisses schon ein alter Mann. In seiner Dorfgemeinde gehört er zu den einflussreichsten Menschen und er ist das reichste Gemeindemitglied. Sein Landhaus steht am Rande einer Anhöhe mit dem Ausblick auf eine Bucht. Darunter das Dorf, das arglos feiert. Um es vor einem nahenden Tsunami zu warnen, setzt Hamaguchi die Reisgarben, die sein Vermögen bilden, mit der Fackel in Brand. Das ganze Dorf eilt den steilen Weg zu ihm herauf, um zu helfen. Als alle da sind und endlich die Welle wahrnehmen, werden Rufe und Schreie von einem namenlosen Dröhnen verschlungen:
„Das Dorf war nicht mehr. Der größte Teil der Felder war verschwunden, selbst die Terrassen hatten aufgehört zu sein, und von allen Häusern, die die Bucht rings umsäumt hatten, war nichts zu erkennen als zwei Strohdächer, die, von den Wogen hin und her geschleudert, auf dem Meere trieben. Der Nachschrecken der dem Tode Entronnenen und das Entsetzen des allgemeinen Verlustes machte alle starr und stumm. Endlich sagte Hamaguchi mit sanfter Stimme: ‚Deshalb habe ich den Reis in Brand gesetzt.’“
Sobald sich alle wieder gefasst haben, fährt Hamaguchi fort: „Mein Haus ist mir ja geblieben, und es ist für viele Raum darin. Auch der Tempel auf dem Hügel steht noch und bietet andern Obdach.“ Dann führt er die Dorfbewohner in sein Haus. Als bessere Zeiten anbrechen, vergisst das Volk seine Dankesschuld gegen Hamaguchi Gohei nicht:
„Sie konnten ihn nicht reich machen, auch hätte er es, selbst wenn es möglich gewesen wäre, nicht zugelassen. Zudem hätten Geschenke nicht genügt, um die Gefühle ihrer Verehrung für ihn auszudrücken, denn sie glaubten, dass der Geist in ihm göttlich sei. So erklärten sie ihn zu einem Gott und nannten ihn Hamaguchi DAIMYOJIN, da sie wussten, ihm keine größere Ehre erweisen zu können. Und wahrlich, in keinem Lande könnte größere Ehre einem Sterblichen zuteil werden. Und als sie das Dorf wieder aufbauten, errichteten sie seinem Geist einen Tempel und schmückten ihn mit einer Gedenktafel, die seinen Namen in chinesischen Goldlettern trug. Dort huldigten sie ihm mit Gebeten und Opfergaben.“
Eine andere Vorstellung von der Seele
Lafcadio Hearn ließ sich von einem befreundeten japanischen Philosophen erklären, wie es möglich sei, dass sich die Bauern den Geist Hamaguchis an einem Ort vorstellen konnten, während sein lebender Körper anderswo weile.
„Die Bauern“, antwortete Hearns Freund, „stellen sich den Geist eines Menschen als etwas vor, das selbst zu seinen Lebzeiten an vielen Orten zugleich sein könne, eine solche Vorstellung ist natürlich von den abendländischen Vorstellungen der Seele ganz verschieden.“
„Wohl vernünftiger als die abendländischen?“, fragte Hearn scherzend zurück.
„Nun“, antwortete der japanische Philosoph mit einem buddhistischen Lächeln, „wenn wir die Einheit allen Geistes annehmen, könnte der Glaube des japanischen Bauern immerhin einen Schatten von Wahrheit enthalten, und das ist mehr, als sich von Ihren abendländischen Lehren über die Seele behaupten lässt.“
Gerhard Frey