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Vorbildlicher Herrscher oder Null?

Die Beurteilungen Kaiser Karls I. könnten gegensätzlicher nicht ausfallen

(Januar 2004)

Bis zur Unkenntlichkeit dämonisierten während des Völkerringens der Jahre 1914 bis 1918 die Gegner Deutschlands in ihrer Kriegspropaganda die Monarchien der „Mittelmächte” Deutsches Reich, Österreich-Ungarn, Türkei und Bulgarien. Nach Beendigung der Kampfhandlungen zerschlugen sie 1919 die k. u. k. Monarchie, amputierten und knebelten das Deutsche Reich.

Späte Ohrfeige für die Pariser Friedensdiktate

Der letzte österreichische Kaiser, Karl der Erste, wurde 1921 auf Beschluss der Sieger auf die portugiesische Insel Madeira verbannt, wo er – 35 Jahre alt und Vater von acht Kindern – 1922 starb. Er – und nicht einer der siegreichen Staatsmänner der Entente – soll noch in diesem Jahr nach dem Willen von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen werden. Man kann darin durchaus eine späte Ohrfeige für die ungerechten Friedensdiktate von Versailles, St. Germain und Trianon sehen, mit denen Wilson, Clemenceau, Lloyd George und der Vertreter Italiens, Orlando, die Grundlage für den nächsten großen Krieg schufen.

Im Seligsprechungsprozess war der Vatikan bereits im April vergangenen Jahres zum Ergebnis gekommen, Kaiser Karl sei ein „vorbildlicher Christ, Ehemann, Familienvater und Herrscher” gewesen. Am 20. Dezember anerkannte die Kirche zudem ein Wunder, eine naturwissenschaftlich nicht zu erklärende Heilung, die auf die Anrufung des tiefgläubigen Kaisers hin geschehen sei. Kardinal José Saraiva Martins erklärte bei dieser Gelegenheit über Karl I.: „Der Glaube bestimmte sein Leben von Jugend an und vor allem während des Ersten Weltkriegs sowie im Exil auf der Insel Madeira, wo er heiligmäßig starb.”

Die Entscheidung des Vatikans hat ein geteiltes Echo gefunden. Die Reaktionen sind so verschieden wie die Blickwinkel der Beurteiler. Die „Kaiser-Karl-Gebetsliga”, die sich seit Jahrzehnten für die Seligsprechung einsetzte, sieht sich am Ziel ihres Wunsches, „auch einem habsburgischen Monarchen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen”. Präsident der Gebetsliga ist der Sankt Pöltener Diözesanbischof Professor Dr. Kurt Krenn. Dagegen zeigen sich insbesondere Kirchen- und Papstkritiker entsetzt über die Entscheidung des Vatikans. „Einer der engsten Berater Karls war der berüchtigte Jesuitenpater Heinrich Abel, der als besonders antisemitisch galt”, wendet das in Wien erscheinende Nachrichtenmagazin „Profil” ein. Der Jesuitenpater Abel war ein Mitstreiter des legendären Wiener Bürgermeisters der Jahre 1897 bis 1910, Dr. Karl Lueger.

So eindeutig das Urteil des Vatikans ist, so klar äußerten sich stets auch Karls Gegner. Der bekannt meinungsfreudige Kulturhistoriker Egon Friedell (1878–1938) hat in Bezug auf Karl geschrieben, die große Reihe der habsburgischen Herrscher ende „mit einer Null”. Zu den schärfsten Kritikern gehörte der 1917 von Kaiser Karl entlassene Generalstabschef Conrad von Hötzendorf. Auch Conrad lobt in seinen Aufzeichnungen an dem Kaiser „die persönliche Anspruchslosigkeit und die Ruhe, die er in der Gefahr bewahrte” sowie sein „herzliches und tadelloses Familienleben”. „Besonders gefährlich” aber seien „die Machenschaften, die Kaiserin Zita Hand in Hand mit ihrem Bruder Sixtus betrieb und in die sich der schwache Kaiser hineinreißen ließ”, gewesen.

Die Sixtus-Affäre

Auf seine Rolle bei der so genannten Sixtus-Affäre gründet sich der wohl schwerwiegendste Einwand gegen das Wirken Karls. Im Frühjahr 1917 hatte er unter dem Einfluss seiner Frau, der Kaiserin Zita, über seinen Schwager Sixtus von Bourbon-Parma den Kriegsgegnern ein geheimes Friedensangebot unterbreitet, das unter anderem an den italienischen Gebietsforderungen an Österreich (Südtirol) scheiterte. Die reichsdeutsche Seite war nicht informiert worden. Im April 1918 folgte daraus eine schwere diplomatische Niederlage: Der französische Ministerpräsident Clemenceau veröffentlichte einen der beiden geheimen Sixtus-Briefe, in denen Karl dem Schwager seine Mission bestätigte.

Während der Wiener Außenminister Graf Czernin, bundesfreundlich gesinnt, einen österreichischen Separatfrieden ablehnte, war Karl unter Umständen auch dazu bereit. Czernin trat wegen der Sixtus-Affäre am 14. April 1918 zurück. Die kaiserlichen Briefe an den Prinzen Sixtus hätten einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen ihm und dem Herrscher geschaffen.

Demnach hat es Kaiser Karl (anders als seine Soldaten, wie beispielsweise aus Hindenburgs Erinnerungen „Aus meinem Leben” hervorgeht) an Loyalität zum reichsdeutschen Partner fehlen lassen. Dass so etwas im Verhältnis Berlin–Wien auch umgekehrt vorkommt, wurde vor vier Jahren durch das Verhalten der Herren Schröder und Fischer während der EU-Sanktionen gegen Österreich in Erinnerung gerufen. Auch da wurde viel Porzellan zerschlagen und es wird wohl noch ein paar Jahre dauern, bis man in Österreich (dem alten Liede „Wir schielen nicht, wir schauen” entsprechend) wieder sagen wird: „Wir schauen froh hinüber ins deutsche Vaterland.”

Gerhard Frey