
„Indianer auf dem Kriegspfad“, schrieb die „New York Times“ am 21. Oktober 1941. Tatsächlich wehrten sich Mitglieder der sechs Nationen des Irokesenbundes (Mohawk, Oneida, Onondaga, Cayuga, Seneca und Tuscarora) gerichtlich gegen ihre Einziehung zur Armee. Sie sprachen der US-Regierung ohne Erfolg das Recht ab, Irokesen einzuberufen. Dies stelle einen Bruch des 1784 zwischen den USA und den sechs Nationen geschlossenen Vertrags dar. |
Karl-May-Leser sind zunächst im Vorteil. Ein „Apache“ ist für sie kein Kampfhubschrauber, ein „Mohawk“ kein Flugzeug der US-Armee, ein „Cherokee“ nicht nur ein Jeep und bei „Cheyenne“ denken sie nicht an einen Porsche mit ähnlich klingender Bezeichnung. Diese Namen stehen aber nur für einige von Hunderten Völkern, die alle unter dem Sammelbegriff „Indianer“ zusammengefasst werden. Und so gibt es noch unendlich viel mehr und anderes zu erfahren. Die bis zum 6. November 2011 im „Lokschuppen Rosenheim“ zu sehende Ausstellung „Indianer. Ureinwohner Nordamerikas“ hat sich das Ziel gesteckt, Legenden und Vorurteile durch Wissen zu ersetzen.
Die Frage, warum Indianer „asiatische“ Züge aufweisen, klärt sich in der Rosenheimer Ausstellung gleich zu Beginn: „Bis vor gut 50.000 Jahren war der amerikanische Kontinent komplett menschenleer. Die Archäologie lehrt uns, dass erst ab dieser Zeit dort Menschen einwanderten. Sie kamen aus Asien über die Beringstraße, und die Einwanderung vollzog sich in mehreren Schüben.“
60 Sprachfamilien, wie Deutsch und Chinesisch
Der Begriff „Indianer“ ist nicht nur deshalb fraglich, weil er auf einem Navigationsfehler von Christoph Kolumbus beruht, der 1492 die Antillen für Indien hielt. Die Vielfalt dessen, was man als „Indianer“ und in den USA vermehrt als „Native Americans“, in Kanada als „First Nations“ bezeichnet, ist denn auch das Leitmotiv der Ausstellung. Damit der Besucher diesen Reichtum nachvollziehen kann, zeigt eine große Karte die etwa 60 Sprachfamilien. Die Einzelsprachen seien, erfährt man, so verschieden voneinander „wie Deutsch und Chinesisch“. In fünf davon aus den Sprachfamilien Nadene, Uto-Aztekisch, Sioux-Catawba, Algisch und Iroquois kann man sich auf Knopfdruck auch einhören.
Der Kurator der Ausstellung, der Ethnologe Professor Christian Feest, bis vor kurzem Direktor des Museums für Völkerkunde Wien, weist darauf hin, von der Vielfalt und Unterschiedlichkeit der unter der Sammelbezeichnung „Indianer“ firmierenden Gruppen könne keine Ausstellung jemals ein vollständiges Bild vermitteln. Immerhin einen Eindruck davon gibt es in Rosenheim schon.
„Am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppe“
Feest tritt der verbreiteten Anschauung entgegen, die Indianer seien ein „sterbendes Volk“: „Die Nachkommen der nordamerikanischen Urbevölkerung stellen heute die am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppe in den USA und Kanada dar.“ Hier in Rosenheim erfahren die Besucher, was auch Feests Studenten an der Universität Wien hören: Über 1.000 ethnische Gruppen, mehrere hundert Sprachen und eine mehrere 10.000 Jahre dauernde Vorgeschichte stehen anderthalb Jahrhunderten wissenschaftlicher Erforschung gegenüber.
Angelehnt an Schillers Ballade „Die Kraniche des Ibykus“ überschreibt Feest einen Beitrag im Begleitbuch zur Ausstellung: „Wer kennt die Völker, nennt die Namen…?“ Anders als bei den Isthmischen Spielen ging es im letzten halben Jahrtausend der Geschichte des Kontinents aber meist nicht um ein gastliches Zusammenkommen der Nationen, sondern oft um einen Kampf auf Leben und Tod. Und auch wenn das indigene Amerika zu „Indianern“ erst durch den Kontakt mit der westlichen Welt geworden ist, bildete sich schließlich doch ein Panindianismus aus. Feest: „Ansätze zu einer ‚panindianischen’ Identität gehen auf die Erfahrung eines gemeinsamen Schicksals unter kolonialer Herrschaft zurück und treten ab dem 18. und 19. Jahrhundert vor allem als politische Zielvorstellungen indigener Strategen auf, sind aber nur langsam, sehr viel später und keineswegs durchgehend Wirklichkeit geworden.“
So willkürlich die Bezeichnung „Indianer“ auch ist (ebenso wie übrigens der Versuch „Indianer“ von „Eskimos“ und „Indios“ abzugrenzen) ein Indianerbewusstsein ist trotzdem unentbehrlich, um die eigenen Rechte wirksam vertreten zu können. Das panindianische Kommunikationsmittel ist paradoxerweise die englische Sprache.

Zu dieser Flagge vermerkt die Rosenheimer Ausstellung: „Das Motiv der hinter Stacheldraht weggeschlossenen Indianer ist ein Sinnbild des ,American Indian Movement’, einer eher militanten, städtisch geprägten Bewegung, die sich für die Rechte und die Anerkennung der Indianer einsetzt.“ |
Die Ausgangslage für die Indianer bei der Konfrontation mit den Europäern war denkbar schlecht. Weder betrieben sie Herdentierhaltung noch verfügten sie über Rad und Wagen oder konnten sie Erze schmelzen und Glas herstellen. Doch kam für jeden Indianer die Stunde des ersten Kontakts mit Europäern. Die Rosenheimer Ausstellung vollzieht diesen einschneidenden Moment am Beispiel der Mowachat nach, die die Vancouver-Insel vor der Westküste Kanadas bewohnen. Die drei folgenden Stufen werden so beschrieben: Die Hausgesellschaft erhält Besuch Die Gäste übernehmen das Haus Fremde im eigenen Haus. Bei der Durchsetzung ihrer Rechte ist den Nuu-chah-nulth oder Nootka, zu denen die Mowachat gehören, bis heute Uneinigkeit hinderlich. Ursächlich dafür ist freilich die Situation, in der sie leben und mit der schwer umzugehen ist. Anpassung oder Widerstand so lautet bis heute die zentrale und auch die Geister scheidende Frage.
Dieses Dilemma ist denn auch ein weiteres Hauptthema der Ausstellung, dargestellt anhand des Schicksals der Sioux „von der Bisonjagd bis zur Reservationskultur“. Die Führerin versäumt es nicht, darauf hinzuweisen, dass man nicht „Sioux“, sondern „Su“ zu sagen hat. Dass es sich dabei aber wiederum um eine kolonialfranzösische Fremdbezeichnung handelt, kann man in der Ausstellung lesen.
Die Sioux waren es, die sich nach dem Bruch des 1868 geschlossenen Vertrags von Fort Laramie erhoben und die 1876 gegen General Custer am Little Bighorn den bedeutendsten Sieg errangen, den Indianer je gegen die US-Armee erzielten. Zudem waren sie 1890 bei Wounded Knee die Opfer eines der grausamsten Massaker an indianischen Männern, Frauen und Kindern. Damit brach ihr Widerstand zusammen. Im 20. Jahrhundert sind, wie der Berliner Ethnologe Peter Bolz im Begleitbuch zur Ausstellung festhält, „besonders die Reservationen der Lakota-Sioux in North und South Dakota zum Synonym für das Elend und die bittere Armut geworden, die nach dem Ende des freien Lebens als Bisonjäger das Bild vom Reservationsindianer prägen“.
Aus Reiterkriegern waren Almosenempfänger geworden. Aber während die wirtschaftliche Situation in den Reservationen sich bis heute nicht gebessert hat, hat sich politisch viel getan. Bolz: „Für die in den 1960er Jahren im städtischen Umfeld entstandene moderne Indianerbewegung wurde der militärische Widerstand der Sioux im 19. Jahrhundert gegen die Bedrohung ihres Landes und ihrer Lebensgrundlage zum Vorbild für den eigenen Kampf gegen die Unterdrückung der Indianer in Nordamerika und die Bestrebungen der amerikanischen Regierung, das ‚Indianerproblem’ durch Integration in die dominante euro-amerikanische Gesellschaft zu lösen.“
Bolz verweist auf die Bedeutung des „Sonnentanzes“, der die traditionellen Werte der Lakota symbolisiert, und stellt fest: „Eine zunehmende bewusste Ablehnung des Kultur- und Wertesystems der Anglo-Amerikaner führte in vielen Bereichen zu einer Re-Traditionalisierung der Kultur der Lakota. Das bedeutet, dass diese hauptsächlich in den Staaten North und South Dakota angesiedelte ethnische Minderheit noch weit davon entfernt ist, im amerikanischen ,Schmelztiegel’ aufzugehen, wie die Politik der US-Regierung dies ursprünglich vorsah.“
Powwow und
panindianische Einheit
Eine Tendenz, die sich auch in Zahlen ausdrückt. Als Europäer in Nordamerika auftauchten, lebten dort zwischen drei und fünf Millionen Menschen. Im Jahr 1900 gab es in den USA noch 237.000 Indigene und in Kanada 101.000. Heute sind es in beiden Staaten immerhin wieder zehnmal so viele!
Den Ausstellungsmachern ist ein kleines Wunder gelungen. Wer das Thema wissenschaftlich angehen will, kann sich dort nach Belieben in die Materie vertiefen. Wer es eiliger hat, wird trotzdem einiges mitnehmen. Wie der Apachenhäuptling Geronimo seine hingemetzelte Familie rächte. Wie Holländer den Munsee-Indianern die Insel Manhattan für eine Handvoll Glasperlen „abkauften“. Oder was ein Powwow ist: Dieses Tanz- und Trommelfest, schreibt die Bremer Kulturwissenschaftlerin Cora Bender im Begleitbuch, ist der „stärkste und lebendigste Ausdruck panindianischer Einheit“. Es drückt den Stolz darauf aus, Indianer zu sein.