| 50 Jahre Bundeswehr: |
„Vorsicht beim Einsatz deutscher Soldaten außerhalb Europas!“
Generalmajor Komossa, MAD-Chef a. D., gegen ausufernde Auslandseinsätze der Bundeswehr
(Juni 2005)
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„Die Aufgabe, unser Land zu verteidigen“
Herr General, am 7. Juni begann der offizielle Jubiläumszeitraum zum 50. Geburtstag der Bundeswehr. Vor und bei der Auftaktveranstaltung in Berlin hat die Bundesregierung auf Kampfeinsätze deutscher Soldaten in der ganzen Welt einzustimmen versucht. In Ihrem Buch „Von Masuren an den Rhein“ äußern Sie sich kritisch zur Bundeswehr als Interventionsarmee.
Komossa: Wir sollten nicht dazu drängen, die Bundeswehr überall auf der Welt einzusetzen. Was Minister Struck jetzt über mögliche Kriegseinsätze der Bundeswehr sagt, findet nicht meine Zustimmung. Im Grundgesetz heißt es unmissverständlich: „Der Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung auf.“ Mein Standpunkt ist: Zielsetzungen, Risiken und Folgen müssen besonders sorgfältig geprüft werden, wenn außerhalb der Landesverteidigung deutsche Soldaten eingesetzt werden sollen.
Würden Sie auch geographisch Grenzen ziehen?
Komossa: Dass man Deutschland am Hindukusch verteidigen soll, wie der derzeitige Verteidigungsminister meint, ist für mich sehr weit gegriffen. Ich kann mich damit nicht anfreunden. Ich sehe nicht die unmittelbare Gefahr für das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes, die von dort ausgeht. Der deutsche Soldat hat die Aufgabe, unser Land zu verteidigen natürlich im Bündnisrahmen, das vergesse ich nicht zu ergänzen. Ich plädiere dafür, ganz, ganz behutsam damit umzugehen, deutsche Soldaten außerhalb Europas einzusetzen.
Verteidigungsminister Struck hat gerade erklärt, die Bundeswehr sei bei ihrer Gründung vor 50 Jahren auch auf Soldaten der Wehrmacht angewiesen gewesen. Wäre nicht ein Wort des Dankes an diese Soldaten angebracht gewesen anstatt sie als notwendiges Übel darzustellen, auf das man lieber verzichtet hätte?
Komossa: Das denke ich schon. Offiziere und Unteroffiziere der Wehrmacht haben die Bundeswehr geformt und ihr das Bild vom modernen Soldaten gegeben. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie der deutsche Soldat gekämpft hat, zu Lande, zu Wasser und in der Luft wie das Gesetz es befahl. Nicht ohne Grund hat der Soldat der Wehrmacht in der ganzen Welt Anerkennung gefunden.
Struck sagt, die Bundeswehr habe sich „deutlich vom Kadavergehorsam in Reichswehr oder Wehrmacht abgegrenzt“.
Komossa: Richtig ist, dass es in der Wehrmacht eine strenge Disziplin gab. Aber das hat auch dazu beigetragen, dass es wenig Übergriffe gab. Ich habe undisziplinierte Soldaten anderer Armeen erlebt, was furchtbar war.
„Ein Antikriegsbuch“
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Komossa: Ich habe das Grauen des Krieges erlebt. Als wir während des Rückzugs in der Sowjetunion die Front einmal im Gegenangriff nach vorne begradigten, sahen wir auf einem Bahngleis einen deutschen Lazarettzug stehen, deutlich gekennzeichnet mit dem Roten Kreuz. Alle Verwundeten waren aus den Waggons gezerrt worden und lagen erschossen neben dem Gleis. Auch die Rotkreuzschwestern und alle Sanitäter. Einige Verwundete hatte man mit dem Bajonett erstochen. Es war ein schreckliches Bild nicht nur für mich als damals 19-Jährigen.
Haben Sie damals auch von deutscher Seite begangene Kriegsrechtsverletzungen selbst mitbekommen?
Komossa: Einen einzigen Fall, der allerdings vor einem Kriegsgericht endete. Da hatte sich ein deutscher Soldat in der Ukraine vergriffen und wurde hart bestraft.
Das Geleitwort zu Ihrem Buch hat Dr. Erich Mende, Vizekanzler in den Jahren 1963 bis 1966, verfasst.
Komossa: Mende kannte ich sehr gut aus seiner Zeit als Minister. Wir waren auf einer Linie. Er bat mich, den Kampf um die Ehre des deutschen Soldaten nicht aufzugeben. Ich wünsche mir die Ehrlichkeit im Urteil über den deutschen Soldaten, die uns zwar seitens unserer ehemaligen Gegner zuteil wird, aber nicht im eigenen Land.
„Ich habe mich freiwillig gemeldet“
Sie haben Ihren Dienst am 31. Januar 1943 angetreten, dem Tag, an dem die Einheiten im Südkessel von Stalingrad kapitulierten. Was hatte Sie veranlasst, sich als Kriegsfreiwilliger zu melden?
Komossa: Ich habe mich freiwillig gemeldet in einer Situation, als jeder wusste, wie ernst dieser Krieg war. Ich sah unser Land in Gefahr und wollte in dieser Lage nicht abseits stehen.
Hat Ihre ostpreußische Herkunft dabei eine Rolle gespielt? Im August 1914 war ja die russische Armee in Ostpreußen eingedrungen.
Komossa: Ich bin in Hohenstein zur Schule gegangen. Dort kam ich jeden Tag am Tannenbergdenkmal vorbei (es erinnerte an die Schlacht bei Tannenberg vom 17. August bis 2. September 1914, die den Schlüssel zur Befreiung Ostpreußens darstellte, Anm. d. Red.). Natürlich hatte ich dieses Stück Geschichte, die Zeit der Russenbesetzung, in mir.
Sie haben schon auf der Schule Russisch gelernt. Ihr ganzes Leben stand in einer relativ engen Wechselbeziehung zu Russland.
Komossa: Ja, im Positiven wie im Negativen. Ich habe an viele russische Menschen sehr gute Erinnerungen. Da war zum Beispiel die 18-jährige Germanistikstudentin Katja aus Moskau, die auf dem Gefechtsstand meiner Abteilung als Dolmetscherin arbeitete, die Goethes „Erlkönig“ auswendig konnte und von mir „Die Füße im Feuer“ von Conrad Ferdinand Meyer lernte. Auch in sowjetischer Kriegsgefangenschaft habe ich Freunde gewonnen. Ich habe „den Russen“ anders erlebt, als es uns der Nationalsozialismus darstellen wollte. Die Religionsausübung war in der Sowjetunion verboten. Trotzdem gab es in jedem russischen Haus, das ich betrat, einen Herrgottswinkel.
In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Sie im Dezember 1943 als deutscher Soldat allein und unbewaffnet durch Warschau und Odessa gingen. Das klingt heute ungewöhnlich.
Komossa: Wir befanden uns auf dem Weg an die Ostfront. Bis der Anschlusszug kam, durften wir ausgehen, aber wir mussten die Waffe bei der Bahnhofskommandantur abgeben. Sonst kam man aus dem Bahnhof nicht heraus. Der Hintergrund war wahrscheinlich, dass ein Soldat eher überfallen wurde, wenn er eine Waffe trug, an die Untergrundkämpfer gelangen wollten. Es war also eine Maßnahme zum Schutz des Soldaten. Andererseits war man ohne Waffe natürlich angreifbar. Aber ich war damals, mit 19 Jahren, vielleicht etwas arglos.
„Zwei Ziele aus der nuklearen Gegenschlagsplanung“
Komossa: Die reale Bedrohung aus der Sowjetunion. Mein Gedanke war: Schlimm genug, wie weit sowjetische Truppen in Europa stehen aber, um Gottes willen, bitte nicht noch weiter!
In den 60er-Jahren waren Sie Stabsoffizier für nukleare Planung im NATO-Hauptquartier CENTAG. Damals sind ja auf beiden Seiten ziemlich verrückte Pläne gesponnen worden. Oberbefehlshaber der US-Luftwaffe war Curtis LeMay, der wie später Richard Perle von neuen amerikanischen Atomschlägen träumte.
Komossa: Ich arbeite gerade für mein nächstes Buch an einem Kapitel über die Zusammenarbeit mit den Amerikanern innerhalb dieser nuklearen Planungsgruppe. Ich werde darin so weit gehen, wie es ohne Verletzung der Geheimhaltung möglich ist. Nur so viel: Es ist mir damals gelungen, die Amerikaner dazu zu bringen, aus der großen nuklearen Gegenschlagsplanung zwei Ziele herauszunehmen, die besonders schlimm für die deutsche Zivilbevölkerung gewesen wären.
Welcher Verteidigungsminister der Bundesrepublik hat Sie besonders beeindruckt?
Komossa: Mit Leber fand ich’s ganz prima. Vor ihm als Minister kann man den Hut ziehen. Ich war der erste Soldat, der zu Leber marschierte, als er 1972 Verteidigungsminister wurde. Meine Aufgabe war es, ihn einzuweisen und ihn zu fragen, welche Wünsche er an uns hat. Zwei Tage darauf brachte ich ihm den Entwurf für seine Antrittsrede. Ich war auch der letzte Soldat, der dem Verteidigungsminister Leber 1978 gegenüberstand. Ich war bei Leber zum Vortrag. Am Ende stand er auf und sagte: „Herr General, das ist heute mein Abschied.“