Vor 50 Jahren erschien Alberto Moravias Roman „La Ciocara“
(August 2007)
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Ereignisse, die nicht ins Bild passen, werden gerne vergessen oder minimalisiert. So verhält es sich auch mit den Massenvergewaltigungen in der Ciociaria im Mai 1944. In dieser mittelitalienischen Landschaft wüteten Soldaten des französischen Expeditionskorps unter General Alphonse Juin nach dem Durchbrechen der deutschen Gustav-Linie gegen die italienische Bevölkerung. Es wurde gemordet, geplündert und Tausende, wenn nicht Zehntausende Frauen, Kinder und auch Männer wurden vergewaltigt. Viele, darunter Don Alberto Terrilli, Pfarrer von Esperia, starben an den Folgen der sexuellen Verbrechen. Weil die Täter überwiegend Soldaten algerischer und marokkanischer Herkunft waren, werden die weiblichen Opfer noch heute als „le marocchinate“ bezeichnet. Französische und US-Offiziere ließen die Gräuel zu, ja General Juin selbst soll sie angeblich durch eine Ansprache am Morgen des 14. Mai 1944 ausgelöst haben, in der er seinen Soldaten versprochen habe: „Hinter dem Feind befinden sich Frauen, Häuser, einer der besten Weine der Welt... Für fünfzig Stunden werdet ihr die absoluten Herren dessen sein, was ihr jenseits des Feindes findet. Niemand wird euch für das bestrafen, was ihr tut, niemand wird Rechenschaft verlangen, was ihr nehmt.“
General Juin (1888-1967) wurde 1952 die Würde eines „Marschalls von Frankreich“ verliehen. General Mark Wayne Clark (1896-1984), dessen 5. US-Armee das kriegsverbrecherische französische Expeditionskorps unterstellt war, verschied hochgeehrt in South Carolina.
Alberto Moravia veröffentlichte über die Vergewaltigungsorgie in der Ciociaria 1957 den Roman „La Ciocara“. Das Buch wurde 1960 von Vittorio De Sica verfilmt. Das Filmplakat (Bild) zeigt Sofia Loren als Cesira, eine Mutter, die mit ihrer 13jährigen Tochter Rosetta vor den alliierten Bombardements aus Rom flieht. Als sie in die Hauptstadt zurückkehren wollen, werden beide von mehreren marokkanischen Soldaten überwältigt und vergewaltigt.
Als am 15. März 2004 die Abtei Montecassino des sechzigsten Jahrestages der alliierten Zerstörung des Klosters gedachte, nahm auch Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi an den Feierlichkeiten teil. Er erinnerte in seiner Ansprache auf dem Marktplatz von Cassino an das Leid, das der Zweite Weltkrieg in dieser Gegend angerichtet hatte. Ein Leid, das in der Nachkriegszeit nur von dem Buch und dann dem Film „La Ciociara“, „mutig erzählt wurde“, wie Ciampi meinte.
Gerhard Frey