"Eine neue Erfahrung"
Professor Dr. jur. Konrad Löw über eingeschränkte Meinungsfreiheit und die Behauptung, die Mehrheit der Deutschen sei schuldig geworden
(Juli 2004)
Das Institut für Staatspolitik hatte für den 25. Juli 2004 zu einer Veranstaltung in den Münchner Löwenbräukeller geladen. Es sollte um den „Fall Hohmann-Günzel“ und den „Fall Konrad Löw“ gehen. Doch die Betreiber des Löwenbräukellers kündigten den Saal. Die Veranstaltung fand trotzdem statt, sie wurde in das Haus der Burschenschaft Danubia verlegt. Dort legten der Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann, Brigadegeneral a. D. Reinhard Günzel und Professor Konrad Löw die Hintergründe ihrer „Fälle“ dar. Löw hatte in der Ausgabe 2/2004 der Zeitschrift „Deutschland-Archiv“ den Aufsatz „Deutsche Identität in Verfassung und Geschichte“ veröffentlicht. Nach Erscheinen distanzierten sich die Bundeszentrale für politische Bildung (Herausgeberin des „Deutschland-Archivs“) sowie der „W. Bertelsmann-Verlag“ (dort erscheint die besagte Zeitschrift) „aufs Schärfste“ von dem Artikel und ließen den Rest der Auflage einstampfen. Rechtsanwalt Gerhard Frey hat am Abend des 25. Juli mit Professor Löw gesprochen.
„Eine neurotische Reaktion“
Herr Professor Löw, die Veranstaltung mit Ihnen konnte aufgrund einer durch politischen Druck veranlassten Kündigung nicht wie geplant im Löwenbräukeller stattfinden. Ist das noch Meinungsfreiheit?
Löw: Das ist eingeschränkte Meinungsfreiheit. Sehr bedauerlich, aber mit Derartigem muss man leben. Bei privatrechtlichen Verträgen ist die Handlungsfreiheit der Vertragspartner ziemlich groß, so dass es sich rechtlich gesehen um einen Grenzfall handeln dürfte.
Sie sind ein renommierter Politikwissenschaftler, waren unter Erhard, Kiesinger und Brandt für das Bundeskanzleramt tätig. War der Wirbel um die Veranstaltung für Sie da nicht eine neue Erfahrung?
Löw: Es war eine neue Erfahrung, das ist richtig. Aber ich könnte mir vorstellen, dass Derartiges auch manchen zum Nachdenken veranlasst, dass er dann genauer hinschaut und sich seine eigene Meinung bildet, die nicht konform geht mit der veröffentlichten Meinung.
Ihr unter dem Titel „Deutsche Identität in Verfassung und Geschichte“ im „Deutschland-Archiv“ erschienener Beitrag wurde eingestampft. Haben Sie für diese hochneurotische Reaktion eine Erklärung?
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„Ein solcher Vorwurf ist ungeheuerlich“ Konrad Löws der Vernichtung anheim gefallener Aufsatz Der Aufsatz „Deutsche Identität in Verfassung und Geschichte“ von Konrad Löw, der im „Deutschland-Archiv“ Nr. 2/2004 erschien, befasst sich mit dem Grundgesetz als Baustein deutscher Identität, mahnt die im Grundgesetz verankerte „Verantwortung vor Gott und den Menschen“ an und kommt dann auf den Holocaust zu sprechen. Löw kommt zum Ergebnis: „Wir dürfen nicht zögern, die Verbrechen des NS-Regimes als wichtigen Teil der deutschen Geschichte, der deutschen Identität zu bekennen. Aber wir sollten jenen entgegentreten, die allgemein von deutscher Schuld sprechen, wenn damit gemeint ist, dass die große Mehrheit der damals lebenden Deutschen mitschuldig gewesen sei an einem der größten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte. Ein solcher Vorwurf ist ungeheuerlich, wenn er nicht bewiesen wird. Dieser Nachweis wurde bis heute nicht erbracht.“ Löw stellt schließlich die Frage „Wie kann es zu einer fruchtbaren deutsch-jüdischen Symbiose als neuem Element der deutschen Identität kommen?“ und endet: „Aber eine fruchtbare Symbiose auf wissenschaftlicher Ebene kann es nur geben, wenn alle Beteiligten auf der Suche nach der deutschen Identität folgende Grundsätze respektieren: Keine Tabus; keine Vergleichsverbote, auch wenn die Vergleiche anstößig sein sollten; gleiche Maßstäbe für alle Völker und Menschen; in dubio pro reo; die Wirklichkeit ist zumutbar.“ Die Bundeszentrale für politische Bildung und der „W. Bertelsmann-Verlag“ beteuerten daraufhin, die Führungen von Bundeszentrale und Verlag hätten von der Veröffentlichung vorher „keine Kenntnis“ gehabt, versichern „Dieser in der langen Geschichte beider Häuser und des ‚Deutschland Archivs‘ einmaliger Vorgang wird sich nicht wiederholen“ und betonen: „Der Rest der Auflage von 2/2004 wird makuliert.“ „Die Welt“ hält es vor allem für wichtig, dass Löws Artikel „dem Vergessen anheim fällt“. |
Löw: Sie haben es angesprochen, es ist eine neurotische Reaktion. Die Erklärung liegt auf der Hand: Zur „Political Correctness“ gehört eben auch die Annahme, die Mehrheit der Deutschen, die damals lebten, habe nicht nur versagt, sondern schwere Schuld mit Blick auf die Massenvernichtung der Juden auf sich geladen.
An dieses Dogma haben Sie durch den Satz gerührt: Auf einen deutschen Judenhasser kamen fünfzig Deutsche, die Mitleid mit den verfolgten Juden empfanden.
Löw: Das ist keine Aussage von mir, sondern ich zitiere Victor Klemperer, der das als Jude am eigenen Leib erlebt hat. Das Zahlenverhältnis 1: 50 stammt von ihm. An anderer Stelle ist bei ihm von 1 : 100 die Rede. Klemperer widerspricht damit eindeutig denen, die so tun, als ob die große Mehrheit der Deutschen Schuld auf sich geladen habe.
„Mein Vater Peter Löw“
In Ihrem Beitrag heißt es, dass Sie selbst Sohn eines behördlich anerkannten NS-Opfers sind.
Löw: Schon Jahre vor der Machtergreifung hat mein Vater in Streitgesprächen auf die Gefahr, die mit Hitler verbunden war, hingewiesen, was sich dann ja auch als richtig bestätigt hat. Mein Vater unterstützte die Bayerische Volkspartei und war gleichzeitig Mitarbeiter von einem der ersten NS-Mordopfer, nämlich von Fritz Gerlich.
„Der gerade Weg“
Löw: Ja. Gerlich war Herausgeber der Wochenzeitung „Der gerade Weg“, für die mein Vater nach Kräften geworben hat. Im März 1933 wurde Gerlichs Büro gestürmt, die Redaktionsräume wurden verwüstet und Gerlich verhaftet. Er wurde Ende Juni 1934 in Dachau brutal ermordet.
Ihr Vater hat Sie politisch geprägt?
Löw: Sicher, das war unvermeidlich. Sonst hätte ich ihn verraten müssen das kam nicht einmal als ferner Gedanke in mir auf. Ich war zutiefst von ihm beeinflusst, beeindruckt, ich habe ihn als fürsorglichen Vater und vorbildlichen Menschen geliebt. Da war eben dann der politische Einfluss so stark, dass wir das sage ich so, weil es so war die Niederlage herbeisehnten. Nach einem Endsieg Hitlers hätten wir das Schlimmste befürchten müssen, deshalb also die Hoffnung auf den Sieg der Alliierten. Natürlich hatten wir Angst vor den Kommunisten, aber wir hofften, dass Amerikaner oder Engländer oder notfalls Franzosen hierher kämen.
Die Stimmung in Ihrer Familie hat sich auch nicht durch die Bombardierungen Münchens verändert?
Löw: Nein. Zwar wurde unser Haus zunächst von Brandbomben getroffen und nachher durch Sprengbomben vernichtet. Aber, nun ja, wir gingen davon aus, ausgelöst sei das Ganze eben durch Hitlers Imperialismus und das seien die Folgen. So habe ich es als Junge gesehen. Ich sah abgeschossene englische und amerikanische Piloten in München-Pasing am Bahnhof, eskortiert von einigen bewaffneten Soldaten, aber ich empfand keinen Hass. Obwohl zwei Freunde von mir Opfer von Fliegerangriffen wurden. Wir hatten Mordsangst vor den Angriffen, haben das aber als Folge des aus unserer Sicht von Hitler angezettelten Krieges aufgefasst.
Haben Sie diese Auffassung später relativiert?
Löw: Ja, etwas. Ich bezweifle beispielsweise immer mehr, ob die Fliegerangriffe insbesondere auf Hamburg, Berlin, Dresden wirklich kriegsnotwendig waren. Hier ist tatsächlich im Gegner ein Rachegefühl aufgekommen, das so stark war, dass man zu den radikalsten Mitteln griff, die nicht mehr kriegsbedingt erforderlich waren.
„Hitler wurde nicht wegen Antisemitismus gewählt“
In Ihrem Beitrag im „Deutschland-Archiv“ sind Sie auf die Ursachen, die zu Hitler geführt haben, eingegangen.
Löw: Die seriösesten Historiker, deren Position ich insofern teile, bestätigen: Hitler wurde nicht wegen seines Antisemitismus gewählt, sondern weil die etablierten Parteien kein Rezept hatten, um die Arbeitslosigkeit wirksam zu bekämpfen. Und da haben sich viele gesagt: Schlimmer als es ist, kann es nicht werden. Geben wir Hitler die Chance, er will ja nur vier Jahre, dann soll man gleichsam über ihn richten, ihn wiederwählen oder abwählen. Hitlers Aufstieg war kein kontinuierlicher, sondern die NSDAP verlor bei den Wählern an Zustimmung, bis dann nach dem Schwarzen Freitag (25. Oktober 1929, Beginn der Weltwirtschaftskrise; Anm. d. Red.) die Not um sich griff und die Verzweifelten sagten: Wagen wir diesen Versuch.
Wobei zum Hochkommen Hitlers beitrug, dass die Siegermächte des Ersten Weltkriegs den deutschen demokratischen Politikern fast jeden außenpolitischen Erfolg versagten und 1931 selbst noch die deutsch-österreichische Zollunion zu Fall brachten.
Löw: Auch das hat eine Rolle gespielt. Allerdings gab es außenpolitische Erfolge. Die Reparationsverpflichtungen wurden allmählich gemindert, der deutsche Außenminister Stresemann hatte mit seinem französischen Amtskollegen Briand eine ganz gute Beziehung, zwischen Deutschland und Frankreich bestand kein Feindverhältnis mehr. Sicher haben viele Faktoren zum kometenhaften Aufstieg Hitlers beigetragen, ausschlaggebend aber dürfte die große Not gewesen sein.
„Ich pflege, ‚heiße Eisen’ anzufassen“
Man fragt sich, wie die Bundeszentrale für politische Bildung und der Bertelsmann-Verlag erklären konnten, sie sähen durch Ihre Auffassungen die „seit Jahrzehnten intensiv betriebene Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Antisemitismus desavouiert“.
Löw: Das war für mich die große Überraschung. Ich hatte keine Sekunde damit gerechnet. Andererseits pflege ich, „heiße Eisen“ anzufassen. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit dem Marxismus und zwar in härterer Form, als es einer meiner Kollegen gemacht hätte. Ich habe in den Werken von Marx und Engels so viel unheilschwangere Formulierungen entdeckt, dass ich glaubte, nachweisen zu können: Hier ist bereits der Weg in den Gulag vorgezeichnet. Dieser Einsicht haben sich dann später beispielsweise auch Leute angeschlossen, die am „Schwarzbuch des Kommunismus“ mitgewirkt haben.
Der Herausgeber des Schwarzbuchs, Professor Stéphane Courtois, hat das Vorwort zu Ihrem „Rotbuch der kommunistischen Ideologie“ geschrieben.
Löw: Ja, nachdem ich ihm entsprechende Marx-Zitate vorgelegt hatte. Er räumte ein, hätte er sie gekannt, hätte er seine Entlastung des Karl Marx von dem Vorwurf, mitverantwortlich für die im Schwarzbuch geschilderten Verbrechen zu sein, nicht unternommen.
Hat die Mehrheit die Judenverfolgung gebilligt?
Woran arbeiten Sie derzeit?
Löw: An einer Veröffentlichung, die den Arbeitstitel trägt: „Offenbar empfindet das Volk die Judenverfolgung als Sünde“. Das ist ebenfalls ein Zitat von Victor Klemperer. Der Untertitel dürfte lauten: „Die Deutschen und die Juden 1933-1945.“ Was war damals wirklich? Hat die große Mehrheit die Judenverfolgung begrüßt, gebilligt oder stand sie desinteressiert abseits oder hat sie das bedauert? Ich will das möglichst anhand von Aufzeichnungen, die damals entstanden oder die Verfolgte wie zum Beispiel Hans Rosenthal in seinem Buch „Zwei Leben in Deutschland“ zu Papier brachten, untersuchen. Rosenthal und eine ganze Reihe anderer kommen zu ähnlichen Einsichten wie Klemperer.
Auch die diplomatischen Vertretungen des Auslands in Berlin haben Berichte über die ablehnende Haltung der Deutschen gegenüber der Judenverfolgung nach Hause geschickt.
Löw: Richtig, das betrifft vor allem die Reichspogromnacht von 1938. Jetzt wäre anhand der damals beobachteten Reaktion der Schluss möglich: Wenn man schon beim Pogrom entsetzt war über das Verhalten der Nationalsozialisten, um wie viel mehr bei noch härteren Verfolgungen. Aber so leicht will ich es mir nicht machen. Zweifellos ist das, was damals ausländische Korrespondenten, Botschafter und Botschaftsangehörige zu Papier brachten, eine eminent wichtige Quelle. Aber zur Wissenschaft gehört, dass wir möglichst alle Quellen ausschöpfen. Da könnte es ja auch ganz andere Erkenntnisse geben.
Die allermeisten, die zu den Vorgängen von damals Stellung nehmen, sind Nachgeborene oder sprechen darüber vom Hörensagen. Sie haben keine Individuen vor Augen, sondern das deutsche Volk. Bei mir ist es ganz anders. Ich habe meinen Vater vor Augen, meine Mutter, meine älteren Geschwister, die Großeltern, Dutzende und Aberdutzende Individuen. Ich frage mich: Wie haben sie sich verhalten, wie hätten sie sich anders verhalten können? Früher sagte ich mir: Einem Knaben, der bis 1943 an ein und demselben Ort lebte und in eine kleine Gemeinschaft eingebunden war, fehlte der Überblick über das Ganze. Das war vielleicht eine besonders resistente Zelle, das kannst du nicht verallgemeinern. Erst durch die Beschäftigung mit Klemperer und anderen habe ich gemerkt: Was du da als kleine heile Welt erlebt hast, war ja nicht beschränkt auf München-Sendling, auf die Gotzinger Straße, die Valleystraße, wo ich einen Überblick hatte, sondern es hat anderswo ähnlich ausgesehen.