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Amoklauf von Emsdetten:

Logotherapie für alle!

Politiker machen es sich bei der Ursachensuche zu leicht

(November 2006)

Nach der Tat des 19-jährigen Robert Steinhäuser, der im April 2002 am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen ermordete und sich dann das Leben nahm, wurde die Forderung nach einer Verschärfung des Waffenrechts erhoben – und umgesetzt. Nach dem Amoklauf des 18-jährigen Bastian B. an einer Realschule in Emsdetten steht jetzt die Forderung nach dem Verbot von „Killerspielen“ wie Counterstrike, Doom, Half-Life oder Hitman im Vordergrund – dabei übten sich schon Steinhäuser und vor ihm der Attentäter des Schulmassakers von Littleton von 1999 (wie nun wieder Bastian B.) an diesen so genannten „Ego-Shootern“. Man darf jedoch die Prognose wagen, dass auch nach einem Verbot derartiger Computerspiele, bei denen der Spieler mit verschiedenen Waffen auf eine Vielzahl von Gegnern feuert, ein neues Schulmassaker nicht ausbliebe. Wer jetzt lediglich an irgendwelchen gesetzgeberischen Hebeln hantieren will, macht es sich leicht.

Niemals gegen Schwächere – Konfrontation mit einem Ehrbegriff

Auf einer anderen Ebene liegt die Aufforderung, gegen soziale Ausgrenzung an den Schulen vorzugehen. Der Täter von Emsdetten empfand sich offenbar als Ausgestoßener. Wenn man den vielen Ursachen nachgehen will, die zusammenkommen müssen, damit ein 18-Jähriger zur Killermaschine wird, kann man diesen Umstand nicht ausblenden. Dass Schule grausam sein kann, ist nicht neu. Für Schüler – siehe Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“, Hesses „Unterm Rad“, Torbergs „Schüler Gerber“. Und für Lehrer – man denke an Heinrich Manns „Professor Unrat“ oder Wiecherts „Der Todeskandidat“.

Zu den wenigen wirklich unumstößlichen Geboten, die mir meine Eltern in der Schulzeit mitgaben, gehörte es, dass ich mein Mütchen niemals an Schwächeren – seien es Mitschüler oder Lehrer – kühlen sollte. Flatterte ein Verweis ins Haus, so war die entscheidende Frage: Hatte man sich an einem Schwachen vergangen – Schande! - oder sich gegen einen Starken aufgelehnt – halb so schlimm. Dieses Verständnis von Ehre leuchtete mir ein und kam der jugendlichen Neigung zum Idealismus entgegen – aber es war wichtig, dass man es mir näherbrachte.

Ich meine, dass Kinder und Jugendliche hierzulande nur darauf warten, mit einem Ehrbegriff, mit Idealen konfrontiert zu werden. Bastians Mitschüler hätten dann vielleicht gewusst, dass es unanständig ist, einen Schwachen, der möglicherweise an Statussymbolen nicht mithalten konnte, der sonderbar und der schulisch keine große Leuchte war, zu hänseln. Der spätere Amokläufer wiederum hätte geahnt, dass er sich mit seinem gewissenlosen Vorgehen gegen unbewaffnete und arglose Menschen kein Denkmal setzt, sondern sich für immer entehrt.

Auf der Suche nach Sinn

Überbewertung der Ehre? Weltfremder Quatsch? Nicht unbedingt. Ein deutsches Sprichwort lautete einst: „Geld verloren, nichts verloren. Mut verloren, viel verloren. Ehre verloren, alles verloren.“ Inzwischen scheint die gegenteilige Rangordnung zu gelten. Und das – wohlgemerkt – nicht in erster Linie bei Kindern und Jugendlichen. Aber woher einen Ehrbegriff nehmen in einer Gesellschaft, die außer der von den Herrschenden verordneten möglichst nahtlosen Einpassung in die wirtschaftliche und kulturelle Globalisierung kein Projekt hat. Denn das Grundproblem ist – der Abschiedsbrief von Bastian B. spricht Bände – Sinnentleerung.

Also Logotherapie für alle? So heißt die auf Viktor Frankl zurückgehende Methode, die Menschen in die Lage versetzen soll, den Sinn ihres Daseins zu finden. Der bedeutende Wiener Psychiater war der Auffassung, dass der Mensch in seinem Leben weniger nach Lust oder nach Geltung denn nach Sinn (logos) sucht. Fehlt es daran, wird seine Seele krank. Sinn sah Frankl in dem, was er „Selbst-Transzendenz“ nannte: eine Sache, der wir dienen, eine Person, die wir lieben. Unter Hinweis auf Frankls Erkenntnis schrieb ich nach dem Erfurter Massaker von 2002: „Steinhäusers Bild von sich und der Welt war auf seine Person zurückgeworfen, es fehlte seinem Leben wie dem so vieler anderer ein über seine eigene Person hinausweisender Sinn. Hierfür ist eine Politik mitverantwortlich, die Kinder, Jugendliche und Familien nicht als das Zukunftsthema begriffen hat. Eine Politik außerdem, die brauchbare Ideale und Vorbilder nicht anbietet, sondern nicht selten tabuisiert. Während Schund und Schmutz, insbesondere exzessive Darstellungen von Brutalitäten und Gewalt, bereits über das Fernsehen ungehindert in die Köpfe von Kindern und Jugendlichen Zutritt erhalten. Von Gewaltspielen und -videos ganz zu schweigen.“

„Hirn ausschalten und ballern bis die Maus glüht“

Was ist seither passiert? Es ist passiert, dass inzwischen bereits Achtjährige nichts Böses ahnend die CD zur monatlich erscheinenden „Computer-Bild Spiele“ (der mit einer Auflage von einer halben Million europaweit führenden Spielezeitschrift aus dem Hause Axel Springer) in den Rechner ihrer Eltern einlegen. Und dass sie mit darin enthaltenen „Spielen“ wie „Alien Shooter 2“ mangels sinnvoller Angebote ihre Zeit totschlagen. Da heißt es dann: „Schnappe dir eine von über 50 Wummen und zermatsche die Alienbrut in bester Splatterfilm-Manier!“ (Splatter = Horrorfilme, bei denen es vor allem um Blut und exzessive Gewalt geht.) Und: „Mehr tote Aliens pro Euro und Quadratmeter kriegst Du nirgends!“ Und: „Hirn ausschalten und ballern bis die Maus glüht!“ So wird es wohl kaum besser werden, oder?