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Massenauswanderung – wie lange noch?

Die neu eröffnete „Ballinstadt“ in Hamburg und das „Auswandererhaus“ in Bremerhaven behandeln das Thema auf leichtfertige Art

(Juli 2007)

Albert Ballin, „der Reeder des Kaisers“. Ballin wurde 1889 Vorstandsmitglied und 1899 Generaldirektor der „Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actiengesellschaft“ (HAPAG), die die Auswandererhallen auf der Elbinsel Veddel errichtete. Ballin, 1857 als jüngster Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Hamburg geboren, stand in enger Verbindung mit Kaiser Wilhelm II. Am 9. November 1918, dem Tag der Abdankung des Kaisers, als die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg besiegelt war, wählte er den Freitod.

Auswanderungsmuseen sind in Mode. Auswandererfilme auf RTL, Vox und Pro7 sind es ebenfalls. Und die reale Auswanderung ist es auch: Allein 2006 verließen 155.000 Deutsche die Bundesrepublik – das ist die höchste Zahl reichs- bzw. bundesdeutscher Auswanderer seit 123 Jahren. In Hamburg hat am 4. Juli, dem amerikanischen Nationalfeiertag, die Ausstellung Ballinstadt Auswandererwelt Hamburg auf der Elbinsel Veddel eröffnet. Und das zwei Jahre alte Erlebnismuseum Deutsches Auswandererhaus in Bremerhaven heimste im Mai die Auszeichnung als „Europäisches Museum des Jahres 2007“ ein. Aber wird mit dem Thema wirklich angemessen umgegangen?

Hoppla-jetzt-komm-ich-Mobilität im „Forum Migration“

Sind Sie der Typ zum Auswandern? Das lässt sich im „Forum Migration“ des Deutschen Auswandererhauses in Bremerhaven mit dem Test „Wie flexibel sind Sie?“ mir nichts dir nichts ermitteln! Sie essen mit Genuss Straußenfilet? Verreisen nach dem Motto „Je fremder, desto besser“? Und was vor zwei Generationen war, ist Ihnen gleichgültig? Glückwunsch! „Für Sie gilt: ‚Mein Feld ist die Welt.‘ Sie fühlen sich überall zu Hause. Ihre Flexibilität ist enorm.“

Nach diesem scharlatanesken Test im „Forum Migration“ des Auswandererhauses ist es nur ein Schritt in den angrenzenden „Museumsshop“, wo Sie sich mit Büchern wie „Neues Land, neues Glück“ auf das bevorstehende kleine Abenteuer – Ihre Auswanderung – vorbereiten können. Vergessen Sie aber nicht vor lauter Euphorie, Ihre Kinder, die Sie gegebenenfalls in der „Kid’s World“ des Auswandererhauses abgegeben haben, mitzunehmen!

Sollten Sie dagegen zu jenen Zeitgenossen gehören, die regionale Produkte kaufen, nicht immer schnell ans Ziel kommen müssen und sich mit ihrer Familiengeschichte befasst haben, und sind Sie zudem „mit dem zufrieden, was man hat und wo man ist“, werden Sie beim Test „Wie flexibel sind Sie?“ ein ernüchterndes Ergebnis einfahren. Sie erhalten das Prädikat „Skeptiker“ und müssen sich fragen lassen: „Würde ein wenig mehr Neugierde Ihr Leben nicht spannender machen?

Zusammengefasst: Verantwortliche Verhaltensweisen werden auf diese Weise im „Forum Migration“ des Auswandererhauses abgestempelt. Mach-dir-die-Erde-untertan-Einstellung und Hoppla-jetzt-komm-ich-Mobilität dagegen werden mit Etiketten wie „enorm flexibel“ positiv besetzt.

Fremde rein, Eigene raus?

Dabei gilt heute im Weltmaßstab: Jeder bleibe, wo er hingehört. Im Angesicht von Klimawandel und abnehmender Verfügbarkeit von Erdöl und Erdgas ist „regional statt global“ angesagt. Massenmigration verschlimmert die ökologischen Probleme noch weiter, unter anderem durch das ständige interkontinentale Hin- und Hergefliege, das heute praktisch jeder Wanderungsbewegung folgt.

Aus deutscher Sicht gilt zusätzlich: Weiterer Bevölkerungsaustausch – Fremde rein, Eigene raus – droht unser Land unkenntlich zu machen.

Und auch individuell betrachtet sind Deutsche meist gut beraten, hier zu bleiben. Wie viele Illusionen sind da schon zerplatzt!

Das architektonisch ansprechende, ja schöne Deutsche Auswandererhaus, das seine Eintrittskarten als „Boarding Pass“ bezeichnet, definiert zur Überraschung der Besucher als Thematik des Hauses einschränkungslos „die Migration des 19. und 20. Jahrhunderts und aktuelle Migrationsbewegungen“. Aber erst in den letzten drei Stationen („Global Village“, „Forum Migration“ und „Shop“) des teilweise fesselnden Rundgangs kommt der globalistische Ansatz zum Tragen.

Event und Migrationstümelei

Unterschiedlicher geht es kaum:
Für die am 4. Juli 2007 eröffnete Erlebnisausstellung "Ballinstadt Auswandererwelt Hamburg“ wurden drei der einst 30 Gebäude auf der Elbinsel Veddel, die der Reederei HAPAG ab 1901 zur Unterbringung und Verpflegung von bis zu 5.000 Auswanderern dienten, „originalgetreu rekonstruiert“ (Bild oben). Entsprechend unecht wirken sie auch.
Das „Deutsche Auswandererhaus“ in Bremerhaven entschied sich für ein modernes Gebäude aus Sichtbeton. In die runde Form schneidet ein kantiges, mit Holzlamellen beplanktes Obergeschoss ein (Bild unten). Das soll „die beiden Seiten der Lebenswege der Auswanderer beschreiben: Sehnsucht und Hoffnung auf der einen, harte Schicksalsschläge auf der anderen“.
Die Finanzierung beider Projekte erfolgte durch „öffentlich-private Partnerschaften“, also in Zusammenarbeit zwischen öffentlicher Hand und privater Wirtschaft.

Die Hamburger Ballinstadt ist deutlich weniger politisiert, dafür stärker kommerzialisiert. Wie der Beiname „Port of Dreams“ – Hafen der Träume – schon andeutet, wird Auswanderung in der Ballinstadt verkitscht und romantisiert – wenn auch nicht wie in Bremerhaven dafür geworben wird. Man konzentriert sich auf die Geschichte der Auswanderung unter Hamburger Flagge, auf die HAPAG, die die Auswandererhallen auf der Veddel ab 1898 errichtete, und ihren Generaldirektor Albert Ballin. Man bemüht sich, die Welt der fünf Millionen Auswanderer, die zwischen 1850 und 1939 von Hamburg aus ihr Glück in Amerika suchten, lebendig zu machen. Dick aufgetragen. Viel Multimedia. Die alten Auswandererhallen sind längst abgerissen, so dass man sich mit „drei originalgetreu rekonstruierten Gebäuden“ behilft. Eine Ballinstadt als ob und wie wenn.

Scheinbar ernster angegangen wird das Thema in Bremerhaven. Weit über sieben Millionen Auswanderer – Deutsche und Ausländer – fuhren zwischen 1830 und 1974 über Bremerhaven Richtung Übersee. Das Sammlungsgut im dortigen Auswandererhaus ist besser geordnet und die privaten Betreiber und Sponsoren halten sich mehr im Hintergrund als in Hamburg. Aber mit dem vorgeblichen wissenschaftlichen Anspruch ist es nicht weit her. So behaupten die Bremerhavener Migrations-Spezialisten im Katalog zum Deutschen Auswandererhaus über die Vertreibung der Deutschen, die Alliierten hätten „die Rückführung der deutschen Minderheiten“ beschlossen, „um zukünftige kulturelle und ethnische Konflikte zu verhindern“. Wie fürsorglich! Aber deutsche Minderheiten? Welche bundesdeutsche Großstadt kann auf einen deutschen Bevölkerungsanteil von 96 Prozent verweisen, wie ihn beispielsweise die Volkszählung von 1923 im schon damals vom Reich abgetrennten Danzig ergab? Da fehlt es offenbar an den Grundlagen.

Auch dass es in Preußen seit 1851 und im Deutschen Reich seit 1876 den Straftatbestand „Auswanderungsbetrug“ gegeben hat, erfährt man im Auswandererhaus nicht. Bestraft wurden nach der 1998 als „geschichtlich überholt“ abgeschafften Vorschrift diejenigen, die ein Geschäft daraus machten, Deutsche unter Vorspiegelung falscher Tatsachen oder wissentlich mit unbegründeten Angaben oder durch andere auf Täuschung beruhende Mittel zur Auswanderung zu verleiten. Mit einem Wort: Schlepper.

Überhaupt ist in Hamburg vor lauter Event und in Bremerhaven vor lauter Migrationstümelei der kolossale Schaden, den der Aderlass von Abermillionen Deutschen unserem Land zufügte und noch zufügt, aus dem Blickfeld geraten.

Es wäre ungerecht, die musealen Anstrengungen im Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven und in der Hamburger Ballinstadt vollkommen zu verreißen. Beide bieten einen Einblick in die Bedingungen, die Deutsche zum Verlassen des eigenen Landes veranlassten. Es sind im Wesentlichen dieselben wie heute: Wirtschaftliche Not, Steuerdruck, politische Unfreiheit. Man bekommt einen Eindruck vom Ablauf der Auswanderung in früheren Zeiten. Und durch die Möglichkeit, in den Passagierlisten nach eigenen ausgewanderten Vorfahren zu forschen, wird mancher abgebrochene Kontakt wiederhergestellt.

Auslandsdeutsche ohne Lobby – und ohne Wiederkehr

Weder Ballinstadt noch Auswandererhaus können jedoch als Forum für die berechtigten Anliegen der Deutschen und Deutschstämmigen im Ausland betrachtet werden, die hier seit langem keine Lobby mehr haben. In der Weimarer Republik pflegte das Deutsche Ausland-Institut (DAI) als gemeinnützige Anstalt des öffentlichen Rechts die Beziehungen zwischen Auslandsdeutschtum und Heimat. Im Haus des Deutschtums in Stuttgart errichtete das DAI dazu eine große Auswanderer-Ausstellung, nachdem diese 1921/22 im ganzen Reich gastiert hatte. Die DAI-Nachfolgeorganisation, das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), dagegen hat die Auswanderer schlicht vergessen und „engagiert sich weltweit für Kunstaustausch, den Dialog der Zivilgesellschaften und die Vermittlung außenkulturpolitischer Informationen“.

Gerade viele Deutsche und Deutschstämmige in Lateinamerika zieht es hierher zurück. Sie sind Deutschland meist weit mehr verbunden geblieben, als dies in den USA der Fall ist. Klopft einer von ihnen heute bei uns an, stellt sich die Bundesrepublik Deutschland, wenn das Staatsangehörigkeitsband abgerissen ist, dumm. Dann heißt es nicht etwa freudig „Dieser mein Sohn war verloren und ist gefunden worden“. Vielmehr kriegt der oder die Betreffende weder eine Aufenthaltserlaubnis noch ist an Einbürgerung zu denken. Und das selbst dann, wenn die Familie heute noch (auch) Deutsch spricht und alle Dokumente ausweisen, dass es in ihr noch nie einen anderen als einen deutschen Nachnamen gab.

Massenauswanderung – wie lange noch? Impulse in Richtung auf ein „Nie wieder“ sucht man in der neuen Ballinstadt ebenso vergebens wie im Auswandererhaus. Um einen Ansatz, wie man die Auswanderung weiterer Millionen Deutscher in Zukunft verhindern kann, bemühen sich die Ausstellungsmacher nicht. Dass neuerdings wieder 150.000 Landsleute im Jahr ihr Heil in der Flucht suchen, muss doch auch als beschämender Ausdruck der Unfähigkeit der hiesigen Politik betrachtet werden, den Menschen in ihrer Heimat eine Perspektive zu bieten.

Gerhard Frey

Skandal im „Deutschen Auswandererhaus“ in Bremerhaven: Dort wird unverhohlen für Auswanderung geworben. Nach dem Test „Wie flexibel sind Sie?“ im „Forum Migration“ (links) bekommen Sie im „Shop“ jede Menge Auswanderungsratgeber zu kaufen (Mitte), um dann bald zu den 145 Millionen Migranten zu gehören, die ein paar Meter weiter die Anzeigetafel „Menschen in Bewegung“ ausweist (rechts). Ach ja, sollten Sie doch noch eine Frage haben, hilft das Auswandererhaus gerne weiter: „Der Service-Counter Auswanderung erteilt detaillierte Informationen über die Einwanderungsbestimmungen der beliebtesten Ziellländer: USA, Kanada, Neuseeland und Australien. Sie können sich persönlich beraten lassen.“ Da hilft es auch nichts, dass Vize-Kulturstaatsminister Hermann Schäfer im Vorwort zum Museumskatalog den Verlust beklagt, den Deutschland durch die Massenemigration erlebte.