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Unter die Lupe genommen:

Die Kanzlerin als Engel der Entrechteten?

Merkels Treffen mit dem Dalai Lama

(September 2007)

„Merkel trifft den Dalai Lama trotz chinesischer Kritik.“ Was ist davon zu halten? Max Weber, Begründer der Soziologie in Deutschland, hat in seinem Hauptwerk „Wirtschaft und Gesellschaft“ darauf hingewiesen, dass jedes Handeln zweckrational oder wertrational bestimmt sein kann. Es kann der Erreichung eigner Zwecke dienen oder durch den Glauben an den ethischen, ästhetischen, religiösen Wert eines bestimmten Verhaltens veranlasst sein. Das führt zu folgenden Fragen:

► Traf Merkel das geistliche Oberhaupt der Tibeter, den 1935 in der tibetischen Provinz Amdo im Nordosten Tibets geborenen buddhistischen Mönch Tenzin Gyatsoam, am vergangenen Sonntag im Kanzleramt zu einem knapp einstündigen „privaten Gedankenaustausch“, weil die Begeisterung für Freiheit und Selbstbestimmung der Völker mit ihr durchgegangen ist? Dann wäre ihr Engagement ähnlich zu beurteilen, wie jenes Telegramm, das Kaiser Wilhelm II. 1896 nach der Abwehr eines von Großbritannien initiierten bewaffneten Überfalls auf die Burenrepublik Transvaal an den Präsidenten der Burenrepublik Paul Kruger sandte und in dem es hieß: „Ich spreche Ihnen meinen aufrichtigen Glückwunsch aus, dass es Ihnen, ohne an die Hilfe befreundeter Mächte zu appellieren, mit Ihrem Volke gelungen ist, in eigener Tatkraft gegenüber den bewaffneten Scharen, welche als Friedensstörer in Ihr Land eingebrochen sind, den Frieden wiederherzustellen und die Unabhängigkeit des Landes gegen Angriffe von außen zu wahren.“ Jene sogenannte Krüger-Depesche wird dem letzten Kaiser bis heute als Musterbeispiel außenpolitischer Tolpatschigkeit vorgehalten. An der Unterstützung Merkels für das Vorgehen Amerikas im Irak und in Afghanistan und jenes Israels im Libanon, aber auch an ihrem Desinteresse zum Beispiel für die bedrängten indigenen Völker im Amazonas-Gebiet (wo bleibt das Gesetz gegen die Einfuhr von durch Urwaldzerstörung gewonnenem Holz?) lässt sich jedoch ermessen, dass die Kanzlerin nicht der Engel der Entrechteten ist, als der sie sich nun mit dem Dalai Lama präsentierte. So scheidet diese Variante wohl aus.

► War Merkel dann vielleicht inspiriert von Johann Gottfried Herder und seinem Ringen um die Kultur aller Nationen, wie es in seiner Sammlung „Stimmen der Völker in Liedern“ zum Ausdruck kam, als sie Seiner Heiligkeit ihre Unterstützung versicherte bei seinen aller Ehren werten Bemühungen „um die Wahrung der kulturellen Identität Tibets“? Auch das ist unwahrscheinlich, denn sonst würde sie es ja kaum hinnehmen, dass die kulturelle Eigenart der Deutschen nahezu nicht mehr identifizierbar ist. Dass deutsche Kinder nicht selten kein Lied mehr in der Muttersprache zu singen vermögen. Und dass unter ihrer, Merkels, Regierung zum Beispiel die traditionsreichen Magister- und Diplomabschlüsse – ja, auch das war ein Teil deutscher kultureller Identität! – flächendeckend durch die Bezeichnungen „Bachelor“ und „Master“ ersetzt werden sollen, womit auch international höchst angesehene akademische Grade wie der deutsche Diplom-Ingenieur abgeschafft werden.

► Bleiben also noch zwei weniger edle, zweckrationale Motive. Merkel wollte, so lautet die erste Hypothese, an der US-Einkreisungspolitik gegen China mitbasteln. Annahme Nr. 2: Frau Merkel möchte von der Beliebtheit des Dalai Lama profitieren. Der Dalai Lama ist einer Umfrage vom Juli 2007 zufolge bei den Deutschen äußerst angesehen. 44 Prozent der Bundesbürger betrachten den tibetischen Gottkönig als Vorbild. Darin kommt sicher auch zum Ausdruck, dass der Dalai Lama Eigenschaften repräsentiert wie Bescheidenheit, Einfachheit, Askese, Authentizität, die bei Führungsfiguren der „westlichen Wertegemeinschaft“, in die uns Merkel bedingungslos rückgegliedert hat, Mangelware sind. Vermutlich ist es ein Konglomerat beider zuletzt genannten Motive, das Angela Machtbewusst, die ihre Partei mit eiserner Hand per SMS steuert, zu dem Treffen bewog. Wenn dem so ist, muss das Urteil über Merkels Dalai-Lama-Aktion allerdings härter ausfallen als das über Wilhelms idealistisches Telegramm. Für diese Zwecke nämlich hatte sie kein Recht, China vor den Kopf zu stoßen.

Gerhard Frey