„Washingtons Endziel: Kontrolle über die ganze Welt“ |
(Juli 2005)
„Der ‚äußere Feind‘ und die Geheimdienste“
Herr Professor Chossudovsky, Bomben in London, Bomben im Irak, Bomben in der Türkei. Nach vier Jahren „Krieg gegen den Terror“ scheint die Welt keineswegs friedlicher geworden zu sein.
Chossudovsky: Ich halte es für wichtig, dass die Menschen wahrnehmen, dass eine lange Beziehung zwischen dem so genannten äußeren Feind, also El Kaida, und dem US-Geheimdienstapparat bestanden hat. Es ist praktisch unmöglich, die Terrorereignisse zu verstehen, ohne auf diese besondere Beziehung zu blicken, namentlich auf den Umstand, dass sowohl der CIA als auch sein britisches Gegenstück MI6 zu dem Terrornetzwerk in Verbindung standen. Sie haben diese Organisationen finanziert und unterstützt.
Tony Blair beklagte nach den Verbrechen in London die Bosheit von Ausländern in Wahrheit waren es britische Staatsangehörige , die in ein fremdes Land kommen, um die Bevölkerung mit Anschlägen zu terrorisieren. Aber sind Napalm, Raketen und Bomben der westlichen Koalition besser?
Chossudovsky: Ich will das nicht in dieser Weise vergleichen. Ich glaube, dass die Terroranschläge in London, was auch immer ihnen zugrunde liegen mag, Tony Blairs Interessen dienen, indem sie ihm ein menschliches Gesicht geben und dazu beitragen, seine Rolle als Kriegsverbrecher weißzuwaschen. Und das ist natürlich besorgniserregend. Es geht nicht darum, die tragischen Ereignisse in London mit den zivilen Verlusten in Bagdad zu vergleichen. Das sind verschiedene Vorgänge. Aber wenn sie eine Beziehung haben, dann in dem Sinne, dass die zivilen Opfer in London von Tony Blair benutzt werden, um sein Image zu heben und seine Rolle bei der Tötung unschuldiger Zivilisten im Irak zu verbergen. Das Muster, das dem Krieg gegen den Terror zugrunde liegt, basiert auf der Theorie vom so genannten „gerechten Krieg“: Man braucht einen Vorwand, um Krieg zu führen. Und der Vorwand ist der 11. September 2001 und der 7. Juli 2005.
Wird der 7. Juli zum Vorwand für einen neuen Krieg?
Wird der 7. Juli zum Vorwand für einen neuen Krieg?
Chossudovsky: Nein, ich denke nicht. Aber der 7. Juli unterfüttert den Krieg, weil er einen „äußeren Feind“ entstehen lässt und das ist es, was die Regierungen Bush und Blair suchen. Sie müssen der öffentlichen Meinung suggerieren, dass das ein Selbstverteidigungskrieg ist. Um Krieg zu rechtfertigen, muss man zeigen, dass der Feind böse ist. Dazu muss man auf Ereignisse verweisen, die eine hohe Zahl von Opfern forderten. Genau das macht Blair.
Es ist logisch, dass er das versucht. Aber die plausiblere Auslegung wäre doch, dass der Krieg gegen den Terror mehr Terror hervorrief und neue Terroristen hervorbrachte.
Chossudovsky: Ich sehe keinen Beweis für diesen Effekt. Ich glaube nicht, dass die Ereignisse in London irgendetwas mit der Widerstandsbewegung im Irak zu tun haben. Das sind zwei völlig verschiedene Vorgänge.
Aber mag nicht die Geringschätzung arabischer Menschenleben dazu beigetragen haben, dass einige Moslemextremisten nun diesen schrecklichen Weg einschlagen?
Chossudovsky: Islamischer Fundamentalismus ist, wenn Sie seine Geschichte betrachten, stark mit dem US-Geheimdienstapparat verknüpft. El Kaida ist eine Schöpfung der CIA, die Mudschaheddin wurden von der CIA finanziert, die Wahabi-Sekte, die diese Organisationen fütterte, hat ebenfalls Verbindungen zum US-Geheimdienst. Ich unterstelle keine Verwicklung der westlichen Geheimdienste in die Bombenanschläge. Was ich sage, ist, dass die Quellen dieses Terrorismus in ein institutionelles Gefüge eingebunden sind. Es gibt eine Menge Zorn gegenüber den Vereinigten Staaten im Nahen Osten, der sich aber nicht in Terroraktivitäten ausdrückt. Ich würde diese beiden Dinge nicht verbinden. Das ist zu einfach und geradlinig. Und es legt auch nahe, dass die Widerstandsbewegung in diese Akte involviert sei, was ich bezweifle. Auch die offizielle Version der Ereignisse gibt das nicht her.
Washingtons neue Doktrin gegen „instabile“ Staaten
Herr Professor Chossudovsky, Sie haben sich eingehend mit der neuen nationalen Sicherheitsdoktrin der USA auseinandergesetzt, die das Pentagon Mitte März öffentlich machte. Was ist der Kern dieser Doktrin?
Chossudovsky: Nach der früheren nationalen Sicherheitsdoktrin konnte man einen Feind angreifen, den man als eine Gefahr für die Sicherheit der USA einstuft. Das galt dann als Akt der Selbstverteidigung. Im Unterschied dazu haben die Vereinigten Staaten in der neuen nationalen Sicherheitsdoktrin gesagt: Wir behalten uns das Recht vor, auch gegen Länder vorzugehen, die keine Gefahr für unsere Sicherheit darstellen. Wir haben das Recht, in so genannten „instabilen“ Staaten zu intervenieren. Das sind nicht notwendigerweise Staaten, die ein Sicherheitsrisiko für Amerika darstellen. Und die Vereinigten Staaten haben eine Liste solcher „instabiler“ Länder erstellt, die Kandidaten für militärische Interventionen sind. Das geht also einen Schritt weiter als die bisherige Doktrin.
Das erinnert an das Buch „Die neue Landkarte des Pentagon“ von Thomas Barnett (Professor am U.S. Naval War College und Berater des Verteidigungsministeriums, Anm. d. Red.). Danach ist das Risiko, Ziel einer US-Intervention zu werden, umso größer, je weniger ein Staat in die Globalisierung eingebunden ist.
Chossudovsky: Es ist wahr, dass Länder, die nicht mit der neoliberalen Agenda übereinstimmen, die eine souveräne Haltung in der Wirtschaftspolitik einnehmen, die zwar keine Gefahr für die Vereinigten Staaten darstellen, aber die USA nicht unbedingt akzeptieren, Ziel einer Intervention sein könnten. Ich denke da zum Beispiel an Venezuela. Es könnte auf dieser Liste stehen.
Wegen des Kurses von Staatspräsident Hugo Chávez?
Chossudovsky: Korrekt. Venezuela stellt kein Sicherheitsrisiko für die USA dar, aber es könnte das Objekt einer militärischen Intervention werden. Man muss natürlich sagen, dass diese Doktrin, in „instabilen“ Staaten zu intervenieren, nichts wirklich Neues ist. Die USA haben das seit langem getan. Neu ist, dass sie nun in ihrer Militärdoktrin behaupten, dass es gerechtfertigt sei, in „instabilen“ Ländern zu intervenieren.
„Deutschland, Frankreich und Russland an einer herausragenden Rolle hindern“
Das US-Militär ist mittlerweile stärker als die Armeen der nächsten 25 Staaten zusammen. Washington gibt derzeit jährlich mehr als 500 Milliarden Dollar für Militär und militärischen Geheimdienst aus. Was ist das Ziel dieser immensen Hochrüstung?
Chossudovsky: Das Endziel ist globale militärische und politische Kontrolle über die ganze Welt. Das ist nichts Neues. Und es richtet sich auch gegen die Europäische Union. Ein Ziel ist es, das europäische Projekt zu unterminieren und Europa davon abzuhalten, eine konkurrierende militärische Macht zu werden. In den Schriften von George F. Kennan (bedeutender US-Diplomat, 1904-2005; Anm. d. Red.) beispielsweise wird sehr klar dargelegt, dass Europa auch als Feind betrachtet wird, wenn auch niemals offiziell.
Muss sich letztlich jeder Staat auf der Welt vor der militärischen Macht der USA fürchten?
Chossudovsky: Diese Militarisierung ist nicht getrennt von den Strukturen des globalen Kapitalismus. Das erklärt, warum man in der Europäischen Union sehr widersprüchliche Standpunkte zur globalen Hegemonie der USA hört. Denn das europäische und das US-Kapital stehen stark in Beziehung zueinander in allen Sphären, sei es in der Öl-, in der Verteidigungs- oder in der pharmazeutischen Industrie. Daher sind die Wahrnehmungen zu diesem Thema in Europa sehr unterschiedlich. Aber sicher ist das Ziel aus Sicht der Vereinigten Staaten auch, Länder wie Deutschland, Frankreich oder Russland daran zu hindern, eine herausragende Rolle auf der Weltbühne zu spielen und das auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Das militärische Projekt richtet sich sicherlich gegen Russland und China, was sogar in nationalen Sicherheitsdokumenten festgestellt wurde. Nuklearsprengköpfe sind immer noch auf China und Russland gerichtet. Aber es ist auch wahr, dass die Europäische Union als potentielle Bedrohung der US-Hegemonie eingestuft wird.