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Trägheit des Herzens

Eine Waldorfschule jagt ein Mädchen und einen Buben davon und verrät die eigenen Grundsätze / Interview mit dem Vater Andreas Molau

(November 2004)

Acht Jahre lehrte Andreas Molau ohne Beanstandung an der Freien Waldorfschule Braunschweig. Der 36-Jährige galt unter Schülern als „einer der besten und coolsten Lehrer“. Weil er künftig als wissenschaftlicher Berater der NPD-Fraktion im Sächsischen Landtag tätig sein will, kündigte Molau, der nicht Mitglied der NPD ist, am 15. Oktober 2004 das Arbeitsverhältnis ordnungsgemäß zum Jahresende. Was dann passierte, machte die Schule in ihrer Pressemitteilung vom 9. November 2004 bekannt: „Nachdem die Freie Waldorfschule Braunschweig einem zukünftig für die NPD tätigen Lehrer den Lehrauftrag entzogen hat, trennt sich die Schulgemeinschaft nun von den Kindern des Lehrers. Vorstand und Kollegium haben beschlossen, das Schulverhältnis zu lösen.“ Die Kinder müssen die Schule bis Ende November verlassen. Molau und seine Frau erhielten sofortiges Hausverbot. Rechtsanwalt Gerhard Frey hat mit Andreas Molau gesprochen.

„Kritische Solidarität und Mitgefühl“

Herr Molau, selten erregt ein Fall die Gemüter so wie die Entscheidung der Freien Waldorfschule Braunschweig, Ihre Kinder nicht mehr zu unterrichten und das Schulverhältnis fristlos zu kündigen. Welche Reaktionen hat das Vorgehen der Schule ausgelöst?

Molau: Meine elfjährige Tochter fühlt sich verraten von ihren Lehrern. Mein achtjähriger Sohn ist einfach nur traurig, seine Kameraden nicht mehr sehen zu dürfen. Die angefangene Mütze im Handarbeitsunterricht, die wenigstens wolle er doch zuende stricken. Die Kinder können das nicht verstehen.
Dann gibt es Eltern, die mich anbrüllen, ich hätte ja selbst Schuld, wenn meine Kinder leiden müssten. Andere streiten sich lauthals im Beisein meiner Kinder, ob die denn auch „Juden vergasen würden“.
Die Mitschüler haben sich liebevoll verhalten. Unsere Kinder wurden nicht ausgegrenzt. Am erstauntesten bin ich über die Reaktion der Oberstufenschüler. Die sind größtenteils reifer als ihre Eltern. Auch dort gab es natürlich politisch korrekte Abscheu, weitaus mehr aber kritische Solidarität und vor allem Mitgefühl mit unseren Kindern.

„Besonders menschenverachtend“

Mit acht und elf Jahren befinden sich Ihre Kinder im so genannten „zweiten Jahrsiebt“, in dem es nach den Grundsätzen der Waldorfpädagogik darum geht, das Gemüt und das Gefühl des Kindes zu erreichen. Das ist mit der Verjagung der beiden Kinder aus ihrer Schule sicher auch geschehen – aber wohl kaum in einem pädagogisch vertretbaren Sinne?

Molau: Das ist in der Tat nur noch zynisch. Mein Sohn steht nach anthroposophischer Sichtweise vor dem „Rubikon“: Mit etwa neun Jahren bewegen sich die Kinder in ihrer Entwicklung auf einen Punkt zu, an dem sie ihre erste Kindheitsphase verlassen. Dieser Punkt ist in der Waldorfpädagogik „heilig“. Mit dem Rubikon lernen Kinder zum Beispiel Recht oder Unrecht wirklich zu fühlen. Sie erfahren das erste Mal in ihrem Leben die Kälte der Welt. Die ist nicht mehr nur schön und wahr, sondern man erlebt sie in ihren Brüchen. Alle Erlebnisse, so die Waldörfler, die jetzt auf das Kind einströmen, wiegen doppelt und prägen für das Leben, negativ wie positiv. Deshalb bemüht sich die Waldorfpädagogik richtigerweise gerade in diesem Lebensalter um besondere Geborgenheit, um die Kontinuität von Bezugspersonen. Der Klassenlehrer und auch die Fachlehrer sollen deshalb in dieser Zeit nicht wechseln. Dass die Schule gerade jetzt meinen Sohn vor die Tür setzt, ist unter diesem Gesichtspunkt besonders menschenverachtend.
Meine Tochter ist in ihre Klasse sehr gut eingebunden. Vom Lernstand sind Waldorfschüler gerade in der sechsten Klasse nicht so weit wie die Kinder an der staatlichen Schule. Auch nach gründlicher Vorbereitung müssen Schulwechsler in dieser Zeit oft mit größten Schwierigkeiten rechnen. Wir müssen als Eltern die Defizite jetzt in zwei Wochen auffangen.

„Ich fürchte, der Schmerz sitzt tiefer“

Wie gehen die Kinder mit dem anstehenden Wechsel um?

Molau: Sie schauen nach vorn und versuchen, der Situation etwas abzugewinnen. Das ist schon großartig. Aber ich fürchte, der Schmerz sitzt tiefer.

Ob der Vater der PDS, der NPD, der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands oder wem auch immer nahe steht, dürfte doch nicht die geringste Rolle spielen. Selbst wenn ein Elternteil sich strafbar verhalten hätte, was bei Ihnen nicht der Fall ist, dürfte man sich nicht an den Kindern vergehen. Wie kann es sein, dass ausgerechnet eine Waldorfschule eine solche Gefühllosigkeit gegenüber ihr anvertrauten kleinen Menschen an den Tag legt?

Molau: Ich glaube, eines spielt eine große Rolle: Die Medien entwickeln ein Feindbild. Das sind derzeit „Rechte“. Darunter stellt man sich Glatzen tragende Schläger vor, die auf der Straße Ausländer jagen, tumbe Holocaustleugner oder unverbesserliche alte Nazis. Und jetzt hat man mich acht Jahre lang als Lehrer und Kollegen kennen gelernt. Weder habe ich einen rasierten Schädel noch entspreche ich sonst dem Bild, das die Medien von so genannten Rechten vermitteln. Das verstört manchen. Man redet sich dann raus, vielleicht hätte ich ja nur Theater gespielt. Um das Vorurteil aufrechtzuerhalten, wird jeder weitere Dialog verweigert.

Welche Rolle spielte es, dass sich die Waldorfschulen und die von Rudolf Steiner begründete Waldorfpädagogik selbst immer wieder Rassismus- und Antisemitismusvorwürfen ausgesetzt sehen?

Molau: In der Tat hat sich das ausgewirkt. Die Schule selbst ist inhaltlich überhaupt nicht weit entfernt von dem, was sie mir als politischem Menschen vorwirft. Natürlich sprach Steiner von der Mission der deutschen Volksseele. Wer nicht nachdenkt, für den ist das schon blanker Rechtsradikalismus.

„Einige haben sich unglaublich für unsere Kinder eingesetzt“

Wer war denn die treibende Kraft? Und nicht weniger wichtig: Wer hat eine anständige Haltung eingenommen? Hat jemand Zivilcourage gezeigt und sich für Ihre Kinder in die Schanze geworfen?

Molau: Als mir die Entlassung der Kinder mitgeteilt wurde, hieß es, dass einige Eltern eine „diffuse Angst“ vor uns hätten. Möglicherweise könnte die politische Gesinnung auch auf meine Kinder abfärben und in ein paar Jahren so in die Klassendiskussion kommen. Tatsächlich haben bestimmte Eltern, die im öffentlichen Leben stehen, die Schule praktisch erpresst – und die war ein williger Vollstrecker. Daneben muss man sagen, dass sich einige Eltern und auch Lehrer unglaublich für unsere Kinder eingesetzt haben, auch öffentlich. Das führte dann zur grotesken Situation, dass auch sie gleich unter politischen Generalverdacht gestellt wurden. Meine Familie ermutigende Leserbriefe wurden in der „Braunschweiger Zeitung“ abgedruckt. Ein Bürger meinte, er schäme sich, in einer Stadt zu wohnen, in der so etwas möglich sei.

Selbst wenn die Schule „erpresst“ worden wäre, so wäre es doch die Aufgabe aller Lehrer gewesen, sich vor ihre Schützlinge zu stellen.

Molau: Eben, das ist ja das Katastrophale. Was ist, wenn sich das Ganze beim nächsten Mal gegen eine andere Minderheit richtet? Als ich beim Kündigungsgespräch auf die Bestimmung des Grundgesetzes hinwies, dass niemand wegen seiner politischen Anschauungen benachteiligt werden dürfe, haben mich die verantwortlichen Herren der Schule nur verächtlich angegrinst. So ernst nehmen sie die Verfassung!

Was hat Sie davon abgehalten, gegen die Maßnahme der Waldorfschule ein Gericht anzurufen?

Molau: Wir prüfen das derzeit noch. Das Problem ist nur, dass wir bei einer Klage ernsthaft wollen müssen, dass die Kinder in dieses Umfeld zurückkehren. Das aber können wir als Eltern kaum verantworten.

„In Liebe begleiten, in Freiheit entlassen?“

Von Ihnen heißt es, dass Sie die Waldorfpädagogik aus Überzeugung vertraten. Ist es nicht eine herbe Enttäuschung, wenn jetzt hinter schönen Worten und hehren Ideen Rücksichtslosigkeit und, um ein Wort des Schriftstellers Jakob Wassermann zu verwenden, „Trägheit des Herzens“ zum Vorschein kommen?

Molau: Ja, es ist bitter. „In Ehrfurcht empfangen, in Liebe begleiten und in Freiheit entlassen“ ist die offizielle Maxime der Waldorfschule. Die Praxis sieht nun allerdings anders aus. Rudolf Steiner spricht in der „Philosophie der Freiheit“ davon, dass sich jeder mündige Mensch sein Urteil durch die eigenen Sinneswahrnehmungen und den geschulten Verstand bilden soll. In Braunschweig gründet man dagegen sein Urteil auf die Vorurteile Dritter. Die dabei zutage getretene Herzlosigkeit ist besonders beschämend. Die sechste Klasse meiner Tochter hatte ein halbes Jahr lang die „Zauberflöte“ geprobt, die nun zur Aufführung kommen sollte. Sie bettelte bei ihrer Lehrerin, ob wir, die Eltern, denn nicht doch kommen könnten. Sie wurde kalt abgewiesen und möchte nun verständlicherweise auch nicht mehr mitspielen. „Trägheit des Herzens“ ist da der passende Begriff.

Im Bund der Freien Waldorfschulen mit Sitz in Stuttgart sind derzeit 187 Waldorf- und Rudolf-Steiner-Schulen zusammengeschlossen. Wie typisch war das Verhalten der Freien Waldorfschule Braunschweig? Ist Ihre dortige Erfahrung auf die anderen Schulen übertragbar?

Molau: Das sollte man nicht machen. Ich weiß von Kollegen aus anderen Waldorfschulen, dass diese das Verhalten der Braunschweiger skandalös finden. Freilich traut man sich nicht, das öffentlich zu äußern. Die Faschismuskeule ist leider ein wirksames Mittel gegen Andersdenkende. Aber ich bin der festen Überzeugung: Das wird sich ändern. Ich erlebe eben auch deutlich Solidarität. Wie weit ist es gekommen, dass man sich schon an Kindern vergreift?