Nach uns die Sintflut?
Vom Kurzzeitdenken zur Ehrfurcht vor der Schöpfung
(August 2002)
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Die behaupteten, ein Zusammenhang zwischen menschlichem Verhalten und Klimaänderung sei „nicht bewiesen“, verstummen allmählich. Es sind Leute von ähnlicher Mentalität, wie jene, die noch heute einen Zusammenhang von Rauchen und Lungenkrebswahrscheinlichkeit in Abrede stellen.
Der Zwischenstaatliche Ausschuss für Fragen des Klimawandels, englisch „Intergovernmental Panel on Climate Change“ (IPCC), hat 2001 klipp und klar festgestellt: Der globale Klimawandel hat bereits begonnen und wird sich im Laufe des 21. Jahrhunderts fortsetzen; dabei könnte der Klimawandel dramatischer ausfallen als bisher angenommen. Und: Es gibt neue und bessere Beweise, dass der größte Teil der Erwärmung menschlichen Aktivitäten zuzuschreiben ist.
Sonderfall Erde: Sauerstoff, eine feste Oberfläche und die Temperatur
Die Erde ist etwas Besonderes. Dies zeigt ein Blick auf die anderen Planeten unseres Sonnensystems, von denen sich unserer auf für den Menschen existentielle Weise unterscheidet:
Es gibt auf der Erde Sauerstoff. Sie hat, anders als zum Beispiel der Jupiter, eine feste Oberfläche. Und: Die auf der Erde herrschenden Temperaturen machen uns das Leben möglich. Zum Vergleich: Am Äquator des Merkur steigt die Temperatur mittags auf 467 ° Celsius an und sinkt nachts auf minus 183° ab.
Eine Vielzahl in ihrer Kombination äußerst unwahrscheinlicher Faktoren ist notwendig, damit Menschen leben können. Auf unserem Planeten sind sie noch gegeben. Die Temperatur, abhängig vom Abstand zur Sonne und von der Beschaffenheit der Atmosphäre des Planeten, gehört wesentlich dazu.
Ist nach 500.000 Jahren Menschheitsgeschichte bald Schluss?
Die Atmosphäre der Erde verändern wir seit rund 200 Jahren mit atemberaubender Geschwindigkeit. Durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe (Kohle, Erdöl, Erdgas) kommt es zu einer deutlich erhöhten Konzentration von Treibhausgasen wie Kohlendioxid (CO2), die zu globaler Erwärmung und damit verbundenen extremen Klimaveränderungen führt.
Der Besonderheit der Erde müssten wir eigentlich mit Ehrfurcht begegnen. Mit Ehrfurcht vor der Schöpfung, jedenfalls aber, mit den Worten Albert Schweitzers, mit „Ehrfurcht vor dem Leben“. Doch viele und besonders in Legislaturperioden rechnende Politiker befinden sich in der „Falle des Kurzzeitdenkens“, wie es Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Begründer der Wissenschaft vom menschlichen Verhalten, formulierte.
Nach 500.000 Jahren Menschheitsgeschichte droht der Mensch in einem weltgeschichtlich äußerst kurzen Zeitraum aus Kurzsichtigkeit und Maßlosigkeit die Bedingungen des Lebens auf der Erde dramatisch zu verschlechtern. Sollten nicht weitere 500.000 Jahre drin sein?
Klimasünder von Rezzo Schlauch bis George Bush
Was tun Politiker? Was kann der Einzelne tun? Kann der Einzelne überhaupt etwas tun, solange die Politik nichts tut?
Wenn Grünen-Fraktionschef und Vielflieger Rezzo Schlauch mit angehäuften Bonusmeilen auch noch private Fernflüge nach Thailand unternimmt, wird deutlich, dass nicht selten „von allerhöchster Stelle“ Wasser gepredigt und Wein getrunken wird. Die Problematisierung der Klimafolgen, die mit Fernreisen per Flugzeug verbunden sind, ist an dem Grünen-Chef spurlos vorbeigegangen. 1998 hatte die damalige tourismuspolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, Halo Saibold, noch erklärt: „Wir können die ökologischen Schäden durch das Fliegen nicht länger hinnehmen.“ Sie empfahl Urlaubern, in Deutschland zu bleiben. Saibold hat die Grünen 1999 verlassen. Aber die Frage muss erlaubt bleiben, was Politikerreisen nicht nur den Steuerzahler, sondern auch die Umwelt kosten.
George Bush, Präsident des Landes mit dem weltweit größten Ausstoß an Treibhausgasen, übertrifft Klimasünder Schlauch allerdings bei weitem, indem er die Ratifikation des Kyoto-Protokolls ablehnt und stattdessen nicht nur menschen-, sondern auch umweltzerstörerische Kriege führt. In dem Abkommen wurden 1997 verbindliche Reduktionsziele für Treibhausgase festgelegt. 38 Industriestaaten haben sich verpflichtet, die Emissionen von Treibhausgasen in der Zielperiode 2008 bis 2012 gegenüber 1990 um durchschnittlich 5,2 Prozent zu reduzieren. Die Treibhausgas-Emissionen der USA sind jedoch seit 1990 kontinuierlich gestiegen.
Der Kohlendioxid-Ausstoß liegt in den USA bei 20 Tonnen pro Jahr und Kopf, die Vereinigten Staaten sind verantwortlich für 25 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen. In Deutschland sind es immerhin noch elf Tonnen. In Frankreich, dessen Energieversorgung sich stark auf Kernenergie stützt, sind es „nur“ sechs Tonnen, in China zwei und in Indien eine Tonne. Gerade im Falle Indiens, das mit seinen schon jetzt mehr als eine Milliarde Einwohnern weitgehend mit Kohle arbeitet, wird jedoch mit einer Vervielfachung der Emissionen in den nächsten Jahrzehnten gerechnet. Noch aber stammen rund 80 Prozent der Kohlendioxid-Emissionen aus den derzeitigen Industrieländern, in denen nur etwa 20 Prozent der Weltbevölkerung leben. Der weltweite Kohlendioxid-Ausstoß könnte sich nach bisherigen Schätzungen bis zum Jahr 2050 verdoppeln.
Neue Technologien und eine andere Lebensweise könnten helfen
Abgemildert würden der Klimawandel und seine Folgen, wenn neue Technologien und eine durchgreifende Änderung der Lebensweise Hand in Hand gehen.
Hat es überhaupt Sinn, sich als Einzelner um Klimaschutz zu kümmern? Ja, es hat. Die Forderung der Vernunft ist absolut, sie lässt sich nicht durch die Unvernunft anderer relativieren.
Was kann man tun? Der Pkw-Bestand in Deutschland beläuft sich auf 44 Millionen Autos. Wer sich da wieder daran erinnert, wozu ihm seine Füße gegeben wurden und wozu Freiherr von Drais das Fahrrad erfand, der tut nicht nur etwas für die Atmosphäre. Umweltfreundliche Verkehrsmittel wie die Eisenbahn müssen genutzt werden. Energiesparen ist geboten. Der Verbraucher ist gefordert, sich für Waren aus einheimischer Produktion zu entscheiden. Denn die gigantischen Transportwege belasten das Klima besonders.
Viele Maßnahmen zur Entschärfung des Kohlendioxid-Problems wie zum Beispiel Aufforstungsprogramme können nur von Staaten realisiert werden. Es kann auch nicht länger so sein, dass Einzelne Mühen und Kosten für verantwortliches Handeln auf sich nehmen, während im Großen die Sau rausgelassen wird. Wo ist die Ökobilanz der Armeen dieser Erde? Wann endlich wird das Prinzip des freien Handels nicht mehr dadurch pervertiert, dass Transporte kräftig subventioniert werden und dadurch Güter aus der Ferne billiger sind als einheimische Produkte? Transportsubventionen sind in der Tat „Anschläge auf Natur und Gesellschaft“ (Hermann Scheer). Und wie sollen Familien die Eisenbahn als Alternative zum Auto annehmen, wenn die Kosten bei weitem zu hoch sind?
Überschwemmungen, Wassermangel, Klimaflüchtlinge
Wird die durch Erderwärmung hervorgerufene Verschlechterung der Lebensbedingungen auf der Welt nicht gemildert, wird es weit teurer und unangenehmer werden, als wenn jetzt die Klimawende eingeleitet wird.
Von den absehbaren Folgen wird das Los der Klimaflüchtlinge aus südlichen Ländern besonders gravierend sein. Dazu braucht man nur einen Satz aus dem 2001 vom Zwischenstaatlichen Ausschuss für Fragen des Klimawandels (IPCC) vorgelegten Bericht zu Folgen des Klimawandels lesen: „Die Zahl der derzeit unter Wassermangel leidenden Weltbevölkerung von 1,7 Milliarden wird sich bis 2025 auf 5 Milliarden Menschen erhöhen.“
Stürme, Überschwemmungen und Dürre machen der Menschheit in Zukunft zu schaffen. Trockenzonen werden entstehen. Der Anstieg des Meeresspiegels wird Gebiete verschwinden lassen. Würden keine Eindämmungsmaßnahmen (Deiche) getroffen, so beliefen sich laut IPCC-Angaben die Landverluste in den kommenden hundert Jahren beispielsweise in den Niederlanden auf 6 Prozent, in Bangladesch auf 16 Prozent, auf den Marshall-Inseln auf 80 Prozent. Eine Reihe kleiner Inseln werden im Meer versinken. Auch wirtschaftlich betrachtet werden die Folgekosten eines ungebremsten Treibhauseffekts höher sein als die Kosten einer überfälligen Klimawende.
Gerhard Frey