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Nur Operettenlyrik?

Heinrich Heine in der Walhalla

(Juli 2010)

Jetzt ist seine Büste also aufgenommen in die 1842 eröffnete Ruhmes- und Ehrenhalle an der Donau, die Walhalla. Das bayerische Kabinett hatte schon 2006 beschlossen, dass Heinrich Heine dort am 28. Juli 2010 einziehen würde.

Gehört Heine dahin? „Rühmlich ausgezeichnete Teutsche“ sollten in die Walhalla nach dem Willen ihres Gründers König Ludwig I. von Bayern aufgenommen werden. Außerdem: „Teutscher Zunge zu sein, wird erfordert, um Walhalla’s Genosse werden zu können“.

Die deutsche Zunge beherrschte Heine wie nur sehr wenige andere. Und doch hat um keinen Dichter von Weltrang in seiner Heimat je ein heftigerer Kampf getobt als um ihn. Erbitterte Gegner fand Heinrich Heine nicht erst in den Nationalsozialisten, denen allein schon seine jüdische Herkunft als Argument diente. Schon die für das Jahr 1897 zum hundertsten Geburtstag des Dichters geplante und vom Stadtrat zunächst beschlossene Aufstellung eines Heine-Denkmals in seiner Heimatstadt Düsseldorf löste eine erbitterte Debatte aus, misslang schließlich – und das Denkmal wurde 1899 im Beisein begeisterter Deutschamerikaner in der New Yorker Bronx enthüllt.

Sein schärfster Gegner

Seinen scharfzüngigsten Ablehner fand Heine in Karl Kraus, der keine noch so hergeholte Gelegenheit ausließ, den 1797 in Düsseldorf geborenen und 1856 in Paris nach acht Jahren Bettlägerigkeit (der Dichter sprach von seiner „Matratzengruft”) verstorbenen Heine zu schmähen. Über Else-Lasker-Schülers Gedicht „Ein alter Tibetteppich“ schrieb Kraus in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Die Fackel” vom 31. Dezember 1910 sehr zu Recht, es „gehört für mich zu den entzückendsten und ergreifendsten, die ich je gelesen habe, und wenige von Goethe abwärts gibt es, in denen so wie in diesem Tibetteppich Sinn und Klang, Wort und Bild, Sprache und Seele verwoben sind”. Aber gleich im nächsten Satz ätzt Kraus gegen sein Hassobjekt: „Dass ich für diese neunzeilige Kostbarkeit den ganzen Heine hergebe, möchte ich nicht sagen. Weil ich ihn nämlich, wie man hoffentlich jetzt schon weiß, viel billiger hergebe.“ In seiner zeitgleich erscheinenden Schrift „Heine und die Folgen” ließ Kraus weder an der Prosa („Witz ohne Anschauung und Ansicht ohne Witz”) noch an der Lyrik Heines („der Heinesche Vers ist Operettenlyrik”) ein gutes Haar.

Seine besten Zeugen

Doch auch die meisten Kritiker Heines konnten sich seinen Gedichten nicht verschließen, die zum Teil in den Volksmund übergingen. Erst recht, wenn sie kongenial vertont wurden. In Franz Schuberts „Schwanengesang” fanden nicht weniger als sechs Lieder nach Gedichten von Heinrich Heine Eingang: Der Atlas, Ihr Bild, Das Fischermädchen, Die Stadt, Am Meer, Der Doppelgänger.

Robert Schumann machte ein Lied aus dem populären Gedicht:

„Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen.“


Felix Mendelssohn-Bartholdy nahm zwei Strophen von Heine, fügte eine von Hoffmann von Fallersleben dazwischen und schrieb die Melodie zu:

„Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute.
Klinge, kleines Frühlingslied,
Kling hinaus ins Weite.“


Friedrich Silcher vertonte Heines Lied von der Loreley:

„Ich weiß nicht was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.”

In den Himmel, in die Hölle?

Heine war aber nicht nur Dichter, sondern auch politischer Schriftsteller. Daher wurden seine Schriften 1835 vom Bundestag als Teil der „jungdeutschen Schule“ verboten. In der 1910 erschienenen „Illustrierten deutschen Literaturgeschichte“ von E. Arnold wird Heines Kritikastertum, das auch vor dem Walhalla-Gründer und der „marmornen Schädelstätte” nicht haltmachte (man kann vermuten, wen es heute träfe), so erklärt:

„Heines Schimpfen galt im Grunde jenen Zuständen, die das Deutschland der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem ohnmächtigen, in ungezählte Staaten und Stätlein zerrissenen Lande machten, in dem der Geist der Unfreiheit, des Untertanentums herrschte und dessen trostlose Zustände jedem, der eine große Entwicklung des deutschen Volkes herbeiwünschte, je nach seiner Gemütsanlage entweder inneren, stummen Schmerz einflößen oder Worte des flammenden Zorns oder kalten, witzigen Hohn entringen mussten.“

Was also mit so einem anfangen, den die einen in den höchsten Himmel hoben, während ihn andere in die tiefste Hölle stießen? Klabund meinte in seiner „Deutschen Literaturgeschichte in einer Stunde“:

„Man bleibe in der Mitte: lasse ihn auf Erden: hier war sein Platz und wird es immer sein als der eines tapferen Soldaten des Geistes und eines eigen- und einzigartigen Liedersängers. Er gehört mit Goethe, Eichendorff, Mörike zu den Meistern des deutschen Liedes: jener besonderen, dem Volksmunde entnommenen deutschen Dichtform, einer Form, wie sie die Romanen nicht kennen.“

Der Größte nach Goethe?

Man wird wohl kaum mehr verlangen dürfen für den Einzug in die Walhalla. Dass Heine, der Spötter, nicht unbedingt liebenswürdig, oft auch ungerecht war – welche Bedeutung hat das noch? Zumal er in einer Zeit lebte, die schon dadurch zum Widerspruch herausforderte, dass ihr Ruhe als erste Bürgerpflicht galt.

Ob Heine „der größte deutsche Lyriker nach Goethes Tode“ war, wie eines der gängigen Urteile über ihn lautet, muss nicht entschieden werden. Superlative waren gar nicht im Sinne des geistigen Urhebers der Walhalla. Im Vorwort zu seinem 1842 erschienenen Führer „Walhalla’s Genossen“ beschreibt Ludwig I., wie ihm als Kronprinzen 1807 der Gedanke kam, „der fünfzig rühmlichst ausgezeichneten Teutschen Bildnisse in Marmor verfertigen zu lassen“. Später aber habe er die zahlenmäßige Beschränkung aufgegeben. Und der König wollte nur noch „rühmlich ausgezeichnete Teutsche“ aufgenommen wissen, „fühlend, daß sagen zu wollen, welche die rühmlichsten, Anmaßung wäre, wie denn auch zu behaupten, daß es keine gäbe, die ebenso verdienten, in Walhalla aufgenommen zu sein, und mehr noch als manche, die es sind.“

Gerhard Frey