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Das zerstörte Märchen des Philipp von Ferrari

Warum die bedeutendste Briefmarkensammlung aller Zeiten nicht im Berliner „Museum für Kommunikation“ zu bestaunen ist

(Januar 2007)

Der größte Briefmarkensammler der Geschichte vermachte seine Sammlung testamentarisch dem Deutschen Reich. Doch Deutschland erinnert sich seiner kaum: Philipp von Ferrari war der Briefmarkenkönig. „Wer diesen Mann wirklich kannte, wird ihn immer auf beglückende Weise in liebender Erinnerung behalten", urteilte sein Freund W. H. Colson – entgegen Versuchen, Ferraris Ruf zu beschädigen. Sein Leben bietet Stoff für Dramen, Tragödien und Romane.

Zahlreich sind die Namen prominenter Sammler von Briefmarken: Kaiser Wilhelm II., Zar Nikolaus II., Papst Pius IX., Baron Arthur von Rothschild, König Georg V. von England, König Faruk, F. D. Roosevelt, Hermann Göring, König Victor Emanuel III. oder König Carol von Rumänien. Sie alle aber verblassen als Philatelisten neben Philipp von Ferrari.

Das Rätsel um Ferraris Herkunft

Schon seine Geburt ist von einem Schleier des Mysteriösen umgeben. Amtliche und andere Quellen datieren sie mal ins Jahr 1848 oder 1849, dann wieder 1854, und im Totenbuch der Pfarrei seiner Grabstätte wird der 1. Mai 1868 genannt. Tatsächlich wohl wurde er am 11. Januar 1850 in Paris geboren – als Sohn von Raffaele de Ferrari, Herzog von Galliera, Fürst von Lucedio, und dessen Gemahlin, der ebenso schönen wie geistreichen Maria Brignole Sale. Doch soll der Herzog nicht sein biologischer Vater gewesen sein. Vielmehr sei er aus einer Liebesbeziehung seiner Mutter mit dem österreichischen Leutnant (hugenottischer Abstammung) Emanuel La Renotiere, Reichsritter von Kriegsfeld, hervorgegangen, der im Feldzug 1848/49 auf einem der lombardischen Güter des Herzogs einquartiert war. Dafür spricht, dass Ferrari sich 1886 von Emanuel La Renotiere adoptieren ließ. Dafür spricht auch: Noch in seinem Testament vom 30. Januar 1915 schrieb Ferrari von „meinem geliebten deutschen Vaterland, dessen meine engere österreichische Heimat ehemals Führerin und nun eng verbündeter edler Bestandteil ist".

Mäzen, Förderer, Sammler

Die aus Genua stammende Familie Ferrari hatte seit dem späten Mittelalter als Unternehmer und Finanziers ein immenses Vermögen erworben. Raffaele, der Eisenbahnkönig, galt seinerzeit als reichster Mann Europas. Phillipp, stets kränkelnd, soll von seiner Mutter als therapeutische Maßnahme zum Briefmarkensammeln – einer eben aufkommenden Liebhaberei – angeregt worden sein. Seit 1864 trat er jedenfalls als leidenschaftlicher Sammler in Erscheinung, der bis dahin unerreichte Beträge aufwendete.

Bis 1915 lebte er überwiegend in Paris im früher von Talleyrand bewohnten Palais Matignon, ein menschenscheuer Junggeselle, der sich ganz seinen Sammlungen von Kleinkunst, Münzen und vor allem Briefmarken widmete. Zwei Säle beherbergten letztere, zwei Privat-Fachsekretäre (der eine, Pierre Mahé, Autor des ersten Briefmarkenkatalogs, als Kurator) verwalteten sie. Ferrari soll den Fonds für den Ankauf von Briefmarken wöchentlich auf 50.000 Goldfrancs aufgefüllt haben. Folgt man Peter J. Bohrs Darstellung in „Der Briefmarkenkönig", mussten in dem Palais aber auch ständig zwei Tafeln aufgestellt sein, eine mit Speisen, die andere mit Goldstücken bedeckt, denn kein hungernder oder mittelloser Bittsteller durfte abgewiesen werden. Ferrari „suchte Not zu lindern, wo immer er konnte – vorausgesetzt, dass seine Hilfe anonym blieb" (Carlrichard Brühl). Wie seine Mutter und der Herzog von Galliera war Ferrari auch als Mäzen und Förderer über die Maßen großzügig. Doch die Krönung dieses generösen Lebens sollte die philatelistische Sammlung werden.

Raritäten und „Ferraritäten"

Ferrari hatte aus der Philatelie eine Wissenschaft gemacht. Darüber hinaus aber war sein Ziel, eine weltweit einmalige, unübertreffbare, vollständige Zusammenstellung dieser Dokumente menschlicher Kulturgeschichte zu schaffen. Bereits Meyers Konversationslexikon von 1907 verzeichnet, Ferraris Sammlung „soll 1 ½ Millionen Marken enthalten".

Er besaß alle weltberühmten Unikate. Die British Guiana One Cent, schwarz auf rot, war genauso vorhanden wie der schwedische 3-Skilling-Farbfehldruck, gelb statt grün, die Postmeistermarken von Annapolis, Boscawen und Lockport, vier Mauritius Post Office (zwei weitere gab er bei Tauschgeschäften weg), 53 Sachsen-Dreier, darunter der einzige erhaltene Druckbogen, und Tausende andere der größten Raritäten. Wie sich später herausstellte, befanden sich darunter auch einige „Ferraritäten", meisterhafte Fälschungen, die raffinierte Betrüger hergestellt hatten, um sie an Ferrari zu verkaufen. Auch von ihnen kostet heute jede ein kleines Vermögen. Sowohl der materielle als auch der ideelle Wert der Sammlung entziehen sich jedem Maßstab. Allein der erwähnte 3-Skilling-Farbfehldruck wurde 1996 für rund 3,5 Mio. Mark versteigert.

„Zur Einverleibung in das Reichspostmuseum"

Ferrari, dessen Kollektion größer war als alle anderen bedeutenden privaten und staatlichen Sammlungen der ganzen Welt zusammen, vermachte sie – und dazu eine jährliche Dauerrente von 36.000 Kronen für die Vervollständigung und Verwaltung – dem Deutschen Reich. „Zur Einverleibung in das Berliner Reichspostmuseum", das nach dem Britischen Museum die zweitgrößte öffentliche Sammlung der Welt besaß, als das älteste Postmuseum der Welt gilt und heute „Museum für Kommunikation Berlin“ heißt. So sollte eine einmalige Dokumentation der Post- und Verkehrsgeschichte entstehen.

Das Vermächtnis an das Deutsche Reich fügt sich in Ferraris Denken und Fühlen. Bereits 1884 schrieb er an die „Deutsche Philatelisten-Zeitung": „Für Deutschland klopfte mein Kinderherz, mit Deutschland blutete mein Knabenherz ... Für Deutschland jubelte mein Jünglingsherz". Diese Worte beziehen sich auf die Ereignisse von 1863/64 (Dänischer Krieg), 1866 (Deutscher Krieg) und 1870/71 (deutsch-französischer Krieg und Reichsneugründung). An anderer Stelle: „Österreichs schwarz-gelbe Flagge, vereint mit Deutschlands Farben, wehte über meiner Kindheit und weht über meinem Mannesalter, möge sie eines Tages mein Grab und meine Erinnerung bedecken."

Ab Frühjahr 1915 hielt er sich etwa ein Jahr lang in Wien und in Steinbach am Attersee im Salzkammergut auf, wo er eine Villa besaß. Die französische Regierung verbot ihm die Wiedereinreise nach Frankreich. Ferrari ging in die Schweiz, wo er – über den von ihm als sinnlos empfundenen, Deutschland „aufgezwungenen Krieg" verbittert – im Mai 1917 an einem Nierenleiden starb.

Beschlagnahmt und verschleudert

Nun folgte eine unvorstellbare Tragödie. Ferraris Sammlung lagerte in der Botschaft Österreich-Ungarns in Paris. Dort wurde sie von der französischen Regierung unter Missachtung von internationalem und privatem Recht beschlagnahmt. In stümperhafter Weise wurde sie auseinander genommen (vieles wurde aus Nachlässigkeit und Dilettantismus zerstört oder „ging verloren") und schließlich von 1921 bis 1926 in vierzehn Auktionen in alle Welt verschleudert. Das Gesamtergebnis von rund 30 Millionen Francs (etwa 6 Millionen Goldmark), die auf die von Deutschland zu leistenden Reparationen angerechnet wurden, stellte nur einen Bruchteil bereits des damaligen Wertes dar.

Die Kulturbarbarei, die damit begangen wurde, ist vergleichbar mit den Bränden der Bibliotheken von Alexandria oder der Tat des Herostratos, der den Artemistempel von Ephesos in Brand steckte. Letzterer dürfte allerdings für sich mangelnde Zurechnungsfähigkeit beanspruchen können, im ersteren Falle handelte es sich um Kriegsereignisse, die vermutlich so nicht beabsichtigt waren. Die Zerschlagung der Sammlung Ferrari lässt sich weder auf die eine noch auf die andere Weise erklären.

Ferrari hatte etwas Einmaliges, Unwiederholbares geschaffen. Sein märchenhafter Reichtum, eine Lebensgeschichte wie aus einem phantastischen Roman, Genie in Verbindung mit Besessenheit, die Gunst der philatelistischen Frühzeit und Ferraris Generosität verbanden sich mit einem anderen Genius: Heinrich von Stephan, der das Reichspostmuseum 1872 gegründet hatte, um der Welt eine philatelistische Schatzkammer ohnegleichen zu schenken. Mit einem politischen Akt wurde das Märchen zerstört.

„Mein Wille, keinesfalls außer den Grenzen meines lieben deutschen Österreichs zu ruhen"

Ferrari wurde von seinem Sterbeort Lausanne nach Steinbach überführt und wunschgemäß dort begraben. „Es ist mein strenger Wille, keinesfalls außer den Grenzen meines lieben deutschen Österreichs zu ruhen", hatte er in seinem Testament geschrieben. Das Grab ist schon lange aufgelassen, die Gebeine ruhen in einem Sammelgrab. Nur eine schlichte Tafel in der Kirchenwand erinnert noch an ihn: Hier ruht Philipp Arnold, gest. im Mai 1917 in Lausanne. 1968 ehrte ihn das Fürstentum Liechtenstein mit einer Gedenkmarke.