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Rettung für Märklin?

Nach 150 Jahren Firmengeschichte: In die Pleite getrieben – und doch nicht tot

(Februar 2009)


Trotz Pleite: Auf der Nürnberger Spielwarenmesse zelebrierte Märklin jetzt sein 150-jähriges Jubiläum. Als Neuheit vorgestellt wurde auch dieses Modell des 1910 in Göppingen errichteten Märklin-Werks (Foto: © eja)
Im Filstal, zwischen Stuttgart und Ulm, liegt Göppingen. Weit bekannter als die Tatsache, dass in dieser Gegend das Geschlecht der Staufer beheimatet war, ist der Umstand, dass Märklin hier seinen Sitz hat. Für viele ist „Märklin” gleichbedeutend mit Modelleisenbahn – auch wenn es eine Reihe traditionsreicher Modellbahnmarken gibt. Und obwohl das Märklin-Sortiment auch Dampfmaschinen, Metallbaukästen, Experimentierkästen („Elex”), Autorennbahnen, Militärspielzeug (etwa „Kanonen für Zündblättchenfeuerung”), kleine „Kochherde für Spiritusheizung” und vieles mehr umfasste.

Mit Puppenküchen ging es los

Begonnen hat die Erfolgsgeschichte vor 150 Jahren: 1859 heiratete der Göppinger Flaschnermeister Theodor Friedrich Wilhelm Märklin die Ludwigsburgerin Karoline Hettich. Im 1959 erschienenen Jubiläumskatalog „100 Jahre Märklin” heißt es: „In diese Zeit fällt der Entschluss, Spielwaren für die Puppenküche herzustellen. Das Jahr 1859 ist deshalb als Gründungsjahr der Spielwarenfabrikation unseres Hauses anzusehen ... Wohl als erster weiblicher Reisender ihrer Zeit bereiste Frau Märklin Süddeutschland und die Schweiz mit Spielwaren.”

1888 führen die Söhne Eugen und Karl den Betrieb als „GEBR. MÄRKLIN” fort. Zu dieser Zeit lösen Spieleisenbahnen auf Schienen die „Bodenläufer“ ab. Märklin präsentiert 1891 eine Uhrwerkbahn mit einem Gleissystem. Schon 1893 stand damit „dem kleinen Baumeister die Möglichkeit offen, ... das Schienenmaterial etc. in jeder Weise zu ergänzen und zu vervollständigen“. Auch ordnete Märklin damals als erster Hersteller die Spurweiten seines Programms: Als Standardspur gilt die Spur I (45 mm Schienenabstand). Noch größer sind Spur II (51 mm) und Spur III (75 mm). Rasch folgt die kleinere Spur 0 (32 mm), die von 1930 bis 1950 den Markt beherrschen wird.

1896/97 bringt Märklin die erste mit Elektrizität betriebene Spielzeugeisenbahn heraus. Wer nicht Schwachstrom aus einem Akkumulator nutzte, musste seine „Starkstrombahn” direkt an die Lichtleitung anschließen. Erst 1926 setzte Märklin die Betriebsspannung mit einem Transformator auf 20 Volt herab, so dass Kinder gefahrlos spielen konnten.

„Märklin oder Fleischmann?”


Märklin-Angebot 1936/37: Für stattliche 75 Reichsmark gab es dieses „naturgetreue Modell einer schweren Schnellzuglokomotive” (Baureihe 01 der Deutschen Reichsbahn) in Spur 0 und 52,5 Zentimeter lang.
1935 beginnt der Siegeszug der kleinen Spur 00, heute besser bekannt als H0 (Halbnull; 16,5 mm). Die Nürnberger Firma Bing hatte schon 1923 eine System-Tischbahn auf Halbnull-Gleisen herausgebracht. Und der ebenfalls in Nürnberg ansässige Konkurrent Trix stellte auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1935 seine marktfertige „Miniaturelektrobahn” namens TRIX EXPRESS vor: „Eine ganze Anlage auf einem Tisch!” Märklin präsentierte die Serienmodelle seiner Spur-00-Bahn erst zur Leipziger Herbstmesse desselben Jahres. Aber so sehr Trix technisch die Nase vorn haben mochte (die Nürnberger nutzten im Gegensatz zu Märklin das Dreileitersystem mit der Mittelschiene für Zweizugbetrieb auf einem Gleis) – das „Marketing” aus Göppingen war überlegen.

H0 ist bald die Spurweite der Zukunft. Kleinere Spurweiten (N und Z) folgen erst in den 60er- und 70er-Jahren. Aber auch der geschichtsträchtige Nürnberger Spielwarenhersteller Fleischmann nimmt 1952 die Produktion von H0-Eisenbahnen auf, ohne den Märklin-typischen Mittelleiter. Eine jahrzehntelang unter Jungs gängige Schulhoffrage lautete also: „Märklin oder Fleischmann?”

1997 kauft Märklin Trix, zehn Jahre später noch einen anderen Nürnberger, den Gartenbahnhersteller LGB. Märklin selbst war 2006 von dem Londoner Investor „Kingsbridge Capital“ übernommen worden, der die US-Investmentbank Goldman Sachs beteiligte.

Vergangene Woche, einen Tag vor Beginn der Nürnberger Spielwarenmesse, hat Märklin Insolvenz angemeldet. Die Kreditinstitute waren nicht mehr bereit, ein 50-Millionen-Darlehen zu verlängern. Und Goldman Sachs unter der Führung des Hillary-Clinton-Unterstützers Blankfein wollte das Traditionsunternehmen offenbar nicht auffangen – obwohl man erst kürzlich zehn Milliarden Dollar aus dem US-Rettungspaket erhalten hatte.

Unter Eisenbahnfreunden wurde sogleich über Ursachen diskutiert: Krise der gesamten „klassischen“ Spielzeugbranche. Konkurrenz der Computerspiele. Mangel an Zeit und Geduld bei Kindern und Erwachsenen. Märklins Preis- und Modellpolitik.

Märklin-Insider sehen andere Gründe als entscheidend an: Sie verweisen auf ständig wechselnde Manager ohne Bezug zur Eisenbahn. So löste schon 1992 ein vom Autositzhersteller Recaro kommender, bahnferner Produktmanager den Entwicklungschef Helmut Kilian, Märklin-Urgestein und Vater der Spur Z, ab. Hinzu kam die Aufsplitterung und Uneinigkeit der Eigentümerfamilien Märklin, Friz und Safft.

Und seit 2006 „Heuschrecken” Märklin übernahmen, gaben sich dort Unternehmensberatungen wie Alix und KPMG die Klinke in die Hand. Kingsbridge selbst hat hohe Managementgebühren abgerechnet. Spekuliert wird, ob Kingsbridge und Goldman Sachs ein Interesse daran hatten, Märklin loszuwerden, weil ihre Wiederverkaufsstrategie sich als nicht realisierbar erwies.

Rettungskonzept: Berater raus ...

Der vom Amtsgericht Göppingen zum Insolvenzverwalter bestellte Fachanwalt für Insolvenzrecht, Michael Pluta aus Ulm, nimmt kein Blatt vor den Mund: „Wenn die Beratungskosten nicht bestanden hätten, wäre die Firma jetzt nicht pleite.“ Rund 40 Millionen Euro an Beraterhonoraren habe Märklin innerhalb der vergangenen drei Jahre bezahlt, das sei deutlich mehr als die Hälfte des gesamten Betriebsergebnisses im selben Zeitraum. Der 59-jährige Jurist interpretiert die Insolvenz als eine Art Befreiung von den bisherigen Eignern.

Plutas Rettungskonzept: „Alle Berater raus!”, Auftragsbücher füllen, Investor suchen – und zwar einen, der eine echte Bindung zu Märklin aufbauen kann. Der Plan könnte funktionieren. Der 2005 in die Insolvenz gegangene österreichische Modellbahnhersteller Roco wird heute von dem Freisinger Unternehmer Franz-Josef Haslberger geführt – und schreibt wieder Gewinne. Vor einem Jahr hat Haslbergers Modelleisenbahn Holding GmbH auch den Mitbewerber Fleischmann übernommen.

Die Hoffnung auf den Fortbestand von Märklin wird voraussichtlich in Erfüllung gehen. Den Platz für den Messestand auf der Nürnberger Spielwarenmesse 2010 hat Insolvenzverwalter Pluta jedenfalls schon gebucht.

Gerhard Frey