„Das ‚Space Shuttle‘ ist ein Irrweg“
Gespräch mit Raumfahrt-Professor Dr. Harry O. Ruppe
(August 2005)
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Prof. Dr.-Ing. Harry O. Ruppe, ein Schüler des Raumfahrtpioniers Wernher von Braun, leitete von 1957 bis 1966 Raketenentwicklungen am Marshall Space Flight Center in Huntsville, USA. Bis 1994 war er Inhaber des Lehrstuhls für Raumfahrttechnik (LRT) der Technischen Universität München, an dem er heute noch als Emeritus aktiv ist. Rechtsanwalt Gerhard Frey hat Ruppe befragt.
„Man dachte sogar an Waffenabwurf“
Herr Professor Ruppe, sehen Sie die Ursachen für die anhaltenden Schwierigkeiten der NASA mit dem Space Shuttle in Mängeln des technischen Konzepts, in personellen Problemen oder ist das ganze Programm falsch angelegt?
Ruppe: Nach meinem Dafürhalten ist das ganze Shuttle ein Irrweg in der Raumfahrt: 150 Flüge in den Weltraum, die zu nichts nutze sind. Das Shuttle hat 90 Tonnen Startgewicht bei einer lächerlichen Nutzlast von 25 Tonnen. Meiner Ansicht nach sind die Schwierigkeiten systembedingt.
Auf das Lastenheft mit den Forderungen an die Raumfähre hat das Pentagon erheblichen Einfluss genommen.
Ruppe: Zu Beginn der Shuttle-Entwicklung hat das Verteidigungsministerium kräftig mitgearbeitet. Die haben eine besonders große Querreichweite verlangt, die sicherlich operativ ganz schön ist und auch vielfältige Landemöglichkeiten eröffnet, die aber die NASA im Gegensatz zu den Militärs nicht eigentlich braucht. Man hat ja damals sogar an Waffenabwurf gedacht. Später ist das Pentagon ausgestiegen.
Besteht heute kein Zusammenhang zwischen dem Shuttle-Programm und zum Beispiel dem amerikanischen Projekt einer „Nationalen Raketenabwehr“ NMD?
Ruppe: Soweit ich weiß null. Die US-Luftwaffe hat völlig auf das „Evolved Expendable Launch Vehicle“-Programm (EELV, zu deutsch: erweiterbare, nicht wieder verwendbare Trägerrakete; Anm. d. Red.) gesetzt und sich von Shuttle-Entwicklungen gelöst. Sicherlich würde das Verteidigungsministerium Shuttles verwenden, wenn es irgendwo in seinen Kram passt. Aber das wäre heute eher sozusagen ein neuer Kunde, der hinzutritt, weil er sich etwas davon verspricht. Und der dann eben einen Shuttle-Flug kauft.
„Ich glaube an die klassischen Trägerraketen“
Die Weltraumfahrt hat viel von ihrer Faszination verloren. Vielen gilt sie als verschärfte Umweltverschmutzung, die nichts zu tun hat mit unseren Bedürfnissen. Wie könnte man denn die Raumfahrt sinnvoller gestalten?
Ruppe: Die Raumfahrt kann zum Beispiel mit Nachrichtensatelliten und mit Erdbeobachtungssatelliten ich meine nicht Spionage, sondern Erdbeobachtung zur Katastrophenvermeidung, Katastrophenwarnung, zum Schutz vor Überflutungen, zu topographischen und meteorologischen Zwecken viel Sinnvolles leisten. Auch für die astrophysikalische Forschung ist die Raumfahrt wichtig. Dabei glaube ich an die klassischen Trägerraketen. Man muss natürlich zur jeweiligen Mission passende Träger zur Verfügung haben. Das ist vergleichbar mit Pkw und Lkw auf der Erde. Beide haben ihre Aufgabe. Ein Gerät, das Menschen zum Mond der Mars ist Zukunftsmusik bringen soll, ist natürlich etwas völlig anderes als ein Gerät, mit dem zum Beispiel Studenten einen 10-Kilo-Satelliten in die Erdumlaufbahn bringen wollen.
Raumfähren auch neuerer Bauart haben da keinen sinnvollen Platz?
Ruppe: Nein.
„Kollision Katastrophe für unseren Planeten“
Inwiefern kann die Raumfahrt der Menschheit helfen, zukünftigen Gefahren zu begegnen?
Ruppe: Eine der vorstellbaren Katastrophen für unseren Planeten ist der Zusammenstoß mit einem größeren Himmelskörper. Soweit wir heute wissen, sind die Saurier ausgestorben, weil die Erde mit einem Planetoiden kollidiert ist. Kleine Objekte, Sternschnuppen, sind kein Problem. Aber bei einem größeren Objekt, gehen wir nur einmal von einem Gesteinsbrocken von 10 Kilometern Durchmesser und von einer Kollisionsgeschwindigkeit von 30 Kilometern pro Sekunde aus, wäre die Hölle los.
Was könnte da die Raumfahrt helfen?
Ruppe: Wenn es in einem solchen Fall überhaupt eine Hilfe gibt, dann am ehesten durch Raumfahrt. Ich halte es immerhin für denkbar, dass es möglich sein wird, ein solches anfliegendes Objekt, wenn es früh genug Jahre vor der Kollision festgestellt wird, aus der Bahn zu bringen. Vielleicht durch eine einseitige Nuklearexplosion. Aber möglicherweise auch ganz anders. Das Gebiet ist noch kaum untersucht. Ich würde jedenfalls versuchen, innerhalb der nächsten hundert Jahre ein Abwehrsystem zu entwickeln, um diese Bedrohung für die Erde zumindest partiell zu beseitigen. Das ist eine Aufgabe der Raumfahrt, die sicherlich wichtiger ist, als es der Kalte Krieg war.
Apropos: Wie viel Prozent des NASA-Budgets fließen in Projekte, die militärischen Zwecken dienen?
Ruppe: Ich war 20 Jahre bei der NASA. Wir hatten auch militärische Aufgaben. Aber das war weniger als die Hälfte. Nur hatte das Verteidigungsministerium natürlich ein etwa gleich großes Raumfahrtbudget, das beinahe hundertprozentig militärischen Aufgaben diente. Wobei man das nicht ganz so schwarz-weiß sehen kann: Zum Beispiel wurde im Bereich des US-Verteidigungsministeriums die Radiobeobachtung von himmlischen Objekten, die heute eine Aufgabe der Astrophysik ist, entwickelt. Das ist beinahe zufällig entdeckt worden, als man versuchte, die Sowjets abzuhören
„Gefährdung durch nukleare Vorhaben“
Inwieweit sollten Raumfahrtprogramme an ethischen Forderungen orientiert werden? Welche Beschränkungen befürworten Sie?
Ruppe: Ich glaube, wenn man die Raumfahrt als Waffenträger ausschalten könnte, wäre schon viel erreicht. Eine weitere Frage ist die Gefährdung der Umwelt durch nukleare Vorhaben. Einen Kernreaktor, den man im Weltraum verwenden will, den muss man ja erst einmal dahin bringen. Und einen Startunfall mit einem Reaktor an Bord stelle ich mir ganz schön hässlich vor. Wir haben in Amerika zur Blütezeit der NASA einen einzigen Atomreaktor in den Weltraum geflogen. Dieser Reaktor hat unbefriedigend im Weltraum gearbeitet. Aber er ist nicht abgestürzt. Wir haben ihn dann in eine von uns für sicher erachtete hohe Bahn geschoben und dort ist er noch. Dagegen stürzte der nuklear betriebene russische Satellit Kosmos 954 im Jahr 1978 mit einem Kernreaktor an Bord über Kanada ab, wodurch eine große Fläche Tausende von Quadratkilometern verseucht wurde. Von den Kernreaktoren muss man die radiothermischen Generatoren RTG unterscheiden, die ebenfalls in Satelliten zur Energieversorgung verwendet werden. Das sind kleine Anlagen, die auch in der elektrischen Leistung sehr begrenzt sind und die ich für verhältnismäßig harmlos halte.
Würden Sie eine engere Zusammenarbeit der Europäischen Weltraumbehörde ESA mit der russischen Raumfahrt begrüßen?
Ruppe: Das muss man von Fall zu Fall entscheiden. Die Russen können mehr als wir, aber sie haben praktisch kein Geld. Wenn es sich um eine echte Zusammenarbeit handelt, sehe ich mehr Vor- als Nachteile.
Wie hat Wernher von Braun darüber gedacht?
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Ruppe: Das schon. Natürlich. Aber ich glaube nicht, dass man Gott beweisen oder widerlegen kann. Die Existenz von Naturgesetzen scheint auf den ersten Blick gegen einen Gott zu sprechen. Ich glaube das aber nicht. Denn die Gesetzesformulierungen die hat ja vielleicht jemand gemacht.
Wie hat denn Ihr Lehrer Wernher von Braun darüber gedacht?
Ruppe: Wernher von Braun war sehr gläubig. Seine Einstellung war: Wir erforschen das Werk des Schöpfers. Ich sehe da keinen Widerspruch, möchte aber weder als Kronzeuge für die eine noch für die andere Auffassung auftreten.
Ähneln wir in diesen Fragen einem Hund, der die menschliche Sprache verstehen will?
Ruppe: Ja, richtig.