Salzburger Festspiele 2008:
Zeitgemäßer Möchtegern-Napoleon
Dostojewskijs „Verbrechen und Strafe“ mit Jens Harzer und Udo Samel
(28. Juli 2008)
![]() Raskolnikow (Jens Harzer) übt schon mal den Mord an der Pfandleiherin Aljona Iwanowna (Elisabeth Orth). Dass er später auch deren geknechtete und gutmütige Schwester Lisaweta (Swetlana Schönfeld, vorne) mit dem Beil erschlagen wird, weil sie plötzlich mitten im Zimmer steht, ist nicht geplant. „Verbrechen und Strafe” in seiner Salzburger Bühnenfassung ist verdaulich (Frank Castorfs Inszenierung von 2005 dauerte noch sechseinhalb Stunden!) und was den Text angeht hart am Werk, das Dostojewskij übrigens in Wiesbaden entwarf und verfasste. |
“Das Recht, über manche Hindernisse hinwegzuschreiten”
Wer „Schuld und Sühne“ wörtlich übersetzt: „Verbrechen und Strafe“ gelesen hat, ist zunächst einmal enttäuscht. Der Doppelmörder Raskolnikow im Salzburger Landestheater ist nicht brillant, kein ebenbürtiger Gegenspieler für den Ermittlungsrichter Porfirij Petrowitsch.
Raskolnikow ist besessen von der Idee, „dass der ungewöhnliche Mensch das Recht hat, seinem Gewissen zu gestatten, über manche Hindernisse hinwegzuschreiten, aber nur in dem Falle, wenn die Erfüllung seiner Idee, die vielleicht für die ganze Menschheit segenbringend ist, es verlangt“. Aber statt eines hochgradig schizoiden Charakters, der sich frei nach dem Motto „Was dem Jupiter gebührt, gebührt nicht jedem Ochsen“ das „Recht” herausnimmt zu töten, sieht man in Andrea Breths Salzburger Inszenierung einen Raskolnikow (Jens Harzer) mit Asperger-Syndrom: leicht autistisch, mit sozial und emotional unangemessenem Verhalten, eingeschränkten Interessen, Wiederholungszwängen, begrenzter Gestik und unbeholfener Körpersprache.
Ob er zum von Gespenstern geplagten Swidrigajlow sagt: „Sie sollten zum Arzt gehen“ oder mit den Worten „Ich habe sie umgebracht“ seine Tat einräumt immer wirkt Harzer wie mit Valium abgefüllt. Breiig. Schleppend. Die reduzierte, gepresste Sprechweise passt zu seiner Rapper-Mütze. Dieser Raskolnikow entwickelt sich nicht. Dafür aber der Zuschauer, dessen Befremden bald nachlässt. Schließlich ist es auch irgendwie beruhigend, dass der bekennende Möchtegern-Napoleon so gar nicht zum Nacheifern anregt. Er ist hier von A bis Z eine traurige Erscheinung, bar jeder Strahlkraft. Am Anfang genauso wie vier Stunden zuzüglich zweier Pausen später. Das soll wohl auch so sein: Raskolnikow als ein Typ, auf den man in der einen oder anderen Weise auch in der U-Bahn treffen könnte …
Auch der Salzburger Raskolnikow ist kein Gaefgen
Aber sobald der in seiner Rolle als Ermittlungsrichter herausragende Udo Samel auf den Plan tritt wie Hercule Poirot, ist der Zuschauer erlöst. Sicher, so wie Raskolnikow in dieser Inszenierung angelegt ist, geht das ganze Konzept des Romans nicht recht auf. Das Katz- und Mausspiel zwischen Porfirij Petrowitsch und dem Mörder erinnert hier eher an ein Tennis-Match, bei dem nur einer zu spielen versteht. Also geht nichts zusammen. Auch was Porfirij dem Raskolnikow vorhält, passt nicht. Er soll einen außerordentlich interessanten Aufsatz „Über das Verbrechen“ veröffentlicht haben. Kaum zu glauben! Er soll so intelligent sein. Aha? Man begegnet ihm mit ausgesuchtem Respekt. Weshalb? Auch dass seine Schwester Dunja und Sonja (virtuos: Birte Schnöink), die bemitleidenswerte Tochter des Titularrats Marmeladow, ihn unbeirrbar lieben, ist bei diesem Raskolnikow nicht leicht nachvollziehar.
Sieht man von Raskolnikow ab, sind die Figuren so, wie man sie aus dem Roman kennt: Rasumichin, sein Freund, so idealistisch. Swidrigajlow so hemmungs- und skrupellos. Luschin, der schmierige, kriecherische Anwalt, in seiner Mittelmäßigkeit würdig eines Grünlich (Buddenbrooks), eines Charles Bovary oder Babbitt. Nur viel gemeiner. Er verkündet unverdrossen irgendwo aufgeschnappte Plattheiten und gerade moderne Allerweltsgedanken.
Raskolnikow ist Jura-Student, er hat ein paar Kenntnisse über das Strafprozessrecht und er pocht gegenüber dem Ermittlungsrichter auf Wahrung der prozessualen Formen. Auch sein Verbrechen hat es durchaus in sich. Einen Moment lang schießt einem von daher vielleicht Magnus Gaefgen, der Mörder des elfjährigen Jakob von Metzler, durch den Kopf er ist das lebende Argument für die Verwirkungstheorie, die die Befürworter der Todesstrafe im Parlamentarischen Rat 1949 anführten. Auch Gaefgen studierte Recht und pocht bekanntlich auf vermeintliche prozessuale Rechte. Größenwahnsinnig scheint er zudem zu sein. Das sind aber bereits alle Parallelen. Denn auch wenn Andrea Breth Raskolnikow im Zuge seiner Modernisierung entzaubert hat, bleibt er im Vergleich zu Gaefgen ein Edelverbrecher: Er hat kein unschuldiges, harmloses Kind ermordet. Aber immerhin die bösartige Pfandleiherin Aljona Iwanowna (Elisabeth Orth), in der er „ein Prinzip” zu töten gedenkt, und auch da diese am Ort des Geschehens auftaucht ihre gutmütige Schwester Lisaweta (Swetlana Schönfeld). Doch Raskolnikow verspürt ein Bedürfnis nach Sühne, stellt und wandelt sich, während Gaefgen sich selbst als Opfer sieht.
Mörder ist also doch nicht gleich Mörder. Wenn man sie auch nicht in ungewöhnliche denen es zukommt und gewöhnliche denen es verboten ist Menschen einteilen kann, so zeigt sich am Fall Gaefgen immerhin: Es geht noch niedriger. Und so gesehen ist einem Raskolnikow der brillante von Dostojewskij ebenso wie der eher stumpfe bei Andrea Breth zuweilen geradezu sympathisch.
Zur Wirkungsgeschichte des Raskolnikow
Die Frage ist interessant, wer sich durch die Raskolnikow-Theorie von den ungewöhnlichen Menschen, die das Recht haben, „über manche Hindernisse hinwegzuschreiten“, hat beeinflussen lassen. Lenin, der Lehrersohn, hat sich mit diesem 1866, vier Jahre vor seiner Geburt entstandenen, Großwerk der russischen Literatur fraglos ebenso auseinandergesetzt wie der literarisch interessierte Winston Churchill. Mussolinis Freund Giovacchino Forzano (1884-1970), mit dem gemeinsam der Duce zwischen 1930 und 1940 drei Dramen über Napoleon, Cavour und Julius Caesar herausbrachte, hat zuvor das Libretto zu der 1926 in Mailand uraufgeführten Oper „Delitto e castigo“ nach Dostojewskijs Roman geschrieben. Aber eher wird umgekehrt ein Schuh daraus: Dostojewskij hat für die ideologische Unterfütterung Raskolnikows an einem bestimmten Typus Staatsmann Maß genommen. Und während Raskolnikow in der Praxis an seiner Schuld zerbricht, bedarf dieser Typus nicht der Nachhilfe eines Schriftstellers.
Gerhard Frey