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Vor 60 Jahren:

Die Bombardierung von Santa Marinella

Nicht nur die großen italienischen Städte waren Ziel alliierter Angriffe

(September 2003)

Vor 60 Jahren, am 9. September 1943, berichtete der „Corriere della Sera“ über „Die Bombardierung von Santa Marinella“. Santa Marinella ist ein verträumtes Städtchen, eine Eisenbahnstunde von Rom entfernt. Es ist ein Beispiel für die zahllosen kleinen und kleinsten italienischen Orte, die Ziel alliierter Angriffe waren. Nicht nur Rom, Mailand,Turin, Genua, Padua, Brescia, Verona und Bologna und all die anderen großen Städte Italiens wurden – auch das ist allerdings viel zu wenig bekannt – terrorisiert und hatten Zehntausende Opfer, zumeist Frauen und Kinder, zu beklagen.

„Opfer in möglichst großem Umkreis niedermähen“

Der Bericht des „Corriere della Sera“ wirft ein bezeichnendes Licht auf die Terrorpraktiken – in diesem Fall der britischen „Royal Air Force“. In dem Artikel heißt es: „Zuerst wurde eine Spezialbombe abgeworfen, ... die das traurige Vorrecht hat, Opfer in einem möglichst großen Umkreis niederzumähen. Von dem furchtbaren Gerät, das auf das ,Pirgus‘ genannte Viertel fiel, ungefähr vor die Grundschule, wurden elf Personen getötet und zahlreiche weitere verletzt. Darauf folgten eine Menge Bomben, offensichtlich mit Verzögerungszünder, die während der ganzen Nacht etwa in Abständen von einer Stunde explodierten, Terror verbreiteten und Schäden verursachten.“

Unter den Opfern dieses militärisch völlig sinnlosen Angriffs befand sich, wie der „Corriere della Sera“ weiter berichtete, auch die Ehefrau des bekannten Filmschauspielers Virgilio Riento (1889–1959). Eine der Bomben hatte das Haus getroffen, das Riento in Santa Marinella besaß. Die Ehefrau des Künstlers wurde unter den Trümmern begraben. Riento ist in den 30er- bis 50er-Jahren in zahlreichen Filmen aufgetreten, zum Beispiel in „Wenn ich ehrlich wäre“ (1942) und in „Der Arzt und der Hexenmeister“ (1957), zwei Filme, in denen er zusammen mit Vittorio De Sica spielte.

Beinahe gleichzeitig mit Santa Marinella wurde Frascati auf das Massivste, und dementsprechend mit einer gewaltigen Zahl ziviler Opfer, bombardiert.

Über fünfhundert Bomber auf Rom

Jetzt, da sich die mörderischen Angriffe von 1943 und 1944 zum sechzigsten Mal jähren, erinnert sich Italien intensiv der erlittenen Qualen. So schrieb die Stadt Rom einen Wettbewerb für ein Denkmal zur Erinnerung an den „Fünfhundert-Bomber-Angriff“ auf Rom vom 19. Juli 1943 aus, der das Viertel San Lorenzo zerstörte. Der 19. Juli ist, wie Roms 1955 geborener Bürgermeister Walter Veltroni in diesem Zusammenhang hervorhob, der Tag, an dem bereits Nero der Überlieferung zufolge (Neros Urheberschaft ist umstritten) im Jahre 64 nach Christus Rom in Brand gesetzt haben soll. Veltroni gehörte einst dem Jugendverband der italienischen kommunistischen Partei an und war von 1998 bis 2001 Parteichef der Linksdemokraten (DS).

An dem Angriff vom 19. Juli 1943, dem schwersten auf die Ewige Stadt, nahmen nach der offiziellen Darstellung der Stadt Rom 662 amerikanische Bomber und 268 englische Jagdflugzeuge teil. Er begann um elf Uhr vormittags und dauerte drei Stunden: „Tausende Menschen, die in den Fabriken, den Geschäften, den Wohnungen, auf dem Markt oder auf der Straße überrascht wurden, fanden den Tod. Der Rauch, die Asche und die Schreie überzogen das ganze von Arbeitern, Handwerkern, einfachen Menschen bevölkerte Viertel. Ganze Paläste, die Poliklinik und das Regina-Elena-Krankenhaus, die Fabriken, die Basilika, die Universität wurden zerstört. Die Gärten wurden von den alliierten Bomben zerpflügt. Der Anblick, der sich den Helfern bot, blieb für immer haften: Leichen, Blut, Flammen und Feuer.“ Kurz nach dem Angriff traf auch Papst Pius XII. ein, um den Überlebenden Trost zu spenden und seine Solidarität auszudrücken.

Cesare De Simone schrieb in seinem 1993 erschienenen Buch „Zwanzig Engel über Rom – Die Luftangriffe auf die Ewige Stadt“ über den 19. Juli 1943: „1060 Tonnen Bomben wurden abgeworfen.… Zwischen 2.800 und 3.000 Menschen starben, nicht weniger als 10.000 wurden verletzt.“

Den Wettbewerb für das Denkmal gewann der Architekt Luca Zevi: Eine „Mauer der Erinnerung“ entlang des „Parks der Gefallenen von San Lorenzo“, auf der 1492 namentlich bekannte Opfer des 19. Juli 1943 verzeichnet sind. Das würdige Monument aus Stahl und Kristall wurde am 19. Juli 2003, dem 60. Jahrestag des Verbrechens, in Anwesenheit von Staatspräsident Carlo Ciampi eingeweiht. Veltroni erklärte: „Ich habe mir diesen Tag, dieses Denkmal ausgemalt, seit ich zum ersten Mal als Bürgermeister nach San Lorenzo kam.“

Der Angriff vom 19. Juli 1943 war keineswegs der einzige auf die Ewige Stadt. Am 13. August 1943 wurde ein weiterer schwerer Angriff auf Rom geflogen. Noch viele Male wurde Rom 1943 und 1944 bombardiert. Auch die Vatikanstadt und Castel Gandolfo – der Papst hat dort seinen Sommersitz – wurden attackiert.

Die Beweiskraft einer Bombe

Giuseppe Tomasi di Lampedusa (1896–1957) beschreibt in seinem berühmten Roman „Der Leopard“ einen Ballsaal: „Die Götter an der Decke, die sich auf goldenen Sitzen sanft niederneigten, blickten herab, lächelnd und unerbittlich wie der Sommerhimmel. Sie glaubten ewig zu dauern: eine in Pittsburgh/Pennsylvanien hergestellte Bombe sollte ihnen im Jahre 1943 das Gegenteil beweisen.“

Was hier etwas unterkühlt zum Ausdruck kommt, ist die Tatsache, dass auch unersetzliche Kunstschätze, reihenweise Baudenkmäler, Kirchen und Klöster den alliierten Bombardements in Italien zum Opfer gefallen sind. Neben dem im Februar 1944 zerstörten Kloster Montecassino ist die Eremitani-Kirche in Padua eines der bekanntesten Beispiele. Am 11. März 1944 wurde die Kirche bei dem alliierten Luftangriff auf Padua getroffen. Die von Andrea Mantegna im 15. Jahrhundert geschaffenen Fresken sind dabei weitgehend zerstört worden. Am Tag nach dem Angriff sammelten Bürger der Stadt so viele Einzelteile der Meisterwerke wie möglich auf. Einiges konnte schon vor Jahren restauriert werden. Seit 1994 arbeiten Experten daran, darüber hinaus erhaltene 80.000 Fragmente mit Computerhilfe so weit wie möglich zusammenzufügen.

Gerhard Frey