Schöne neue Bundeswehr
Benehmen null, Bildung null, aber mit Y-Tours nach Afghanistan, um dort unser Land zu repräsentieren?
(Mai 2007)
Die Bundeswehr ist eine Armee auf verlorenem Posten, so viel ist klar. Und das nicht erst seit dem jüngsten tödlichen Attentat auf deutsche Soldaten in Kundus. Für eine verhasste Sache, für einen ebenso aussichtslosen wie nach den Regeln des Völkerrechts illegalen Krieg der USA riskieren Deutsche in Afghanistan ihr Leben. Und werden trotz ihres vergleichsweise immer noch zurückhaltenden Auftretens spätestens seit dem Einsatz deutscher Tornados im Land am Hindukusch schlicht als Feinde empfunden.
Gangsta-Rapper als Vorbilder?
Die Bundeswehr wird aber auch mehr und mehr zu einer Armee der verlorenen Seelen: Das „Motherfucker“-Video; Soldaten, die sich mit Totenschädeln präsentieren; die Misshandlung Wehrpflichtiger in Coesfeld. Ein „Einzelfall“ jagt den anderen. Und so wird die Armee dem Rest Deutschlands immer fremder.
Absurderweise soll das „Motherfucker“-Video von Rendsburg ausgerechnet in den USA Unverständnis, in New York gar Empörung ausgelöst haben. „Stellen Sie sich vor, Sie sind jetzt in der Bronx“, forderte ein inzwischen zu Recht entlassener Offiziersanwärter einen Rekruten auf. Dieser soll auf drei fiktive Afroamerikaner schießen und vor jedem Feuerstoß „Motherfucker“ schreien. Und tut es auch.
Dabei hat der arme verwirrte Ausbilder nur nachgemacht, was ihm der Rapper Obie Trice vorsingt: fuck, mothafuckin’, shot a nigga ... Trices New Yorker Kollege „50 Cent“ ist keinen Deut besser, sondern textet: „Ich werde einen Nigger jagen oder niederschlagen, als wäre es ein Sport...“ Trotzdem ist das Album „Get rich or die trying“ von „50 Cent“ vor drei Jahren der Indizierung, also der Aufnahme in die Liste jugendgefährdender Medien, entgangen. Die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“ meinte damals, die Wörter „Motherfucker“ und „Nigga“ seien „nicht wörtlich“ zu nehmen.
„Wipe your fucking grin off your fucking face, soldier“
In die US-Armee hatte die „Fuck“-Sprache schon im Zweiten Weltkrieg Einzug gehalten. Der 1939 aus Deutschland emigrierte Egon Stadelman Sohn eines preußischen Offiziers und später Chefredakteur der deutschsprachigen „New Yorker Staats-Zeitung“ berichtet in seinen Erinnerungen „Ein Leben lang Journalist“ über seinen Kulturschock beim Einstand in den amerikanischen Streitkräften an Neujahr 1942:
„Antreten in Reih und Glied. Ein Sergeant blabberte etwas von den ‚slimy Japs‘ und den ‚damned Germans‘, von denen die einzig Guten die ‚dead Germans‘ seien ... Dann ließ er uns wissen, dass wir der letzte Dreck auf dieser Erde seien. Und: ‚Don’t you ever think of your girl or your wife. Your rifle will be your fucking bride.‘ Ich hatte dieses … Verb noch nie gehört. Mir die beschriebene Situation vorstellend, begann ich laut zu lachen. Jetzt wurde es noch besser. ,Wipe your fucking grin off your fucking face, soldier‘, brüllte der Sergeant.“
Ist es nur noch eine Frage der Zeit, dass die deutsche Bundeswehr auch noch zur „Uhrensammler-Armee“ wird, wie viele Deutsche die US-Armee 1945 nannten, als GIs den Bürgern die Uhren abnahmen und sich damit schamlos die Arme behängten?
Auf dem Papier steht es nach wie vor so: Jeder Soldat hat die Pflicht, in seinem äußeren Erscheinungsbild, seiner Haltung und in seinem Auftreten den besonderen Anforderungen gerecht zu werden, die an ihn als Repräsentanten der Bundeswehr gestellt werden. Und so war es wohl auch noch, als ich 1988 meinen Wehrdienst bei der inzwischen aufgelösten 1. Gebirgsdivision leistete. In der Karfreitkaserne am Fuße des Wendelstein ging es beinahe hundertprozentig normal zu. Das Meiste war drinnen wie draußen. Umso mehr wundert mich der heutige Auftritt der Bundeswehr.
Mit dem Ghettoblaster in der Eisenbahn
Zum Beispiel vor ein paar Wochen im Zug von Hannover nach München: Zwei Soldaten im Kampfanzug (sie haben sich offenbar für eine längere Dienstzeit verpflichtet, aber tragen noch keine „Pommes“, Dienstgradabzeichen eines Gefreiten, auf den Schulterstücken) unterhalten sich grinsend darüber, dass sie nächstes Jahr nach Afghanistan kommen. Daneben zeigen sich beohrringte Kameraden in Zivil und mit GI-Frisuren Fotos auf dem Mobiltelefon, besprechen mit pardon leicht schwachsinnigem Gesichtsausdruck ihre nächsten Vergnügungen und drehen ihren miniaturisierten Ghettoblaster der soundsovielten Generation auf. „Ghettoblaster“ das sind tragbare Audiogeräte, wie sie zuerst in amerikanischen Ghettos verwendet wurden. Die „Musik“ nervt irgendwann und ich erlaube mir die Bemerkung: „Auch wenn es nicht in der ZDv stehen sollte, Ihr Verhalten stört.“ Die ZDv, das ist die Zentrale Dienstvorschrift.
Mit dem Gelöbnis hat dieser „Wehrdienst“ nichts zu tun
In den USA hat sich für viele der weißen Soldaten, die zur Army gehen und die auch im Irak ihr Unwesen treiben, die Bezeichnung „White Trash“ weißer Abschaum eingebürgert. Die Bundeswehrsoldaten in der Eisenbahn sind davon nicht weit weg. Überspitzt ausgedrückt: Benehmen null, Bildung null, aber dann mit Y-Tours nach Afghanistan, um dort unser Land angemessen zu repräsentieren? Oder obszöne Fotos zu machen.
Könnte es damit zusammenhängen, dass heute 250.000 Soldaten, davon bald nur noch 20 Prozent Wehrpflichtige, aus 80 Millionen rekrutiert werden statt früher 495.000 Mann aus 60 Millionen?
Und hat es etwa nicht mit den „neuen Aufgaben“, den „veränderten Anforderungen“ und der so genannten „Transformation der Bundeswehr“ zu einer Armee im Einsatz zu tun, dass immer mehr junge Männer nachvollziehbarerweise den Wehrdienst verweigern? Denn dieser „Wehrdienst“ ist heute effektiv Kriegsdienst, ist Vasallendienst, ist letztlich Schande. Mit dem Gelöbnis jedes Wehrpflichtigen („Ich gelobe, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.“) hat er nichts mehr zu tun.
Wer da noch mitmacht, ist selber schuld
Geht zu dieser Bundeswehr bald nur noch, wer gewünschtenfalls bereit ist, vor jedem Feuerstoß „Motherfucker“ zu schreien? Getreu dem in der US-Armee vorherrschenden Grundsatz FIGMO: „Fuck It, I’ve Got My Orders“. Und wem das nicht passt, der hört schnell eine andere Buchstabenfolge: USMC das stand einmal für US Marine Corps, heißt aber inzwischen auch: „U Signed The Motherfucking Contract“. Was dem Sinne nach etwa bedeutet: Wer in diesem Drecksladen mitmacht, ist selber schuld.
Bleibt bei soviel „Militärkultur“ nicht selbst dem Elefanten-Colonel Hathi aus der Dschungelbuch-Verfilmung das Marschlied im Halse stecken? Wir marschier’n mal hier, mal da. Unser Rüssel bläst trara... Will sie wenigstens dieses Niveau erreichen, muss die Bundeswehr, muss vor allem ihre politische Führung sich stark re-zivilisieren. Das geht nur durch strikte Rückkehr zum Verteidigungsauftrag. Wieder einmal kann als Vorbild dienen: die Schweiz.
Gerhard Frey