Siegreicher Arminius, tragischer Vercingetorix
Deutsche und Franzosen bejahen sich in ihren Mythen ob Sieg oder Niederlage, spielt keine Rolle
(Mai 2009)
![]() Hermannsdenkmal südwestlich von Detmold. Foto: Michael Pereckas, CC-by-2.0 |
![]() Vercingetorixdenkmal in Alise-Sainte-Reine. Foto: Helmut Pfau, GFDL |
Der gallische Fürst Vercingetorix hatte weniger Glück als der Germane Arminius. Der heldenmütige Arverner führte 52 v. Chr. die letzte große Erhebung der Gallier gegen die Römer an. Nach anfänglichen Erfolgen wurde er in Alesia eingeschlossen. In aussichtsloser Lage riet er den Seinen, sich zu ergeben und, um bessere Bedingungen zu erlangen, ihn den Siegern auszuliefern. Vercingetorix wurde in Ketten gelegt, vor Caesar gebracht, 46 v. Chr im Triumphzug durch Rom geführt und dann im Carcer Tullianus, dem römischen Staatsgefängnis auf dem Forum Romanum, erdrosselt.
Was den Deutschen der Schauplatz der Varusschlacht, ist den Franzosen daher der durch Ausgrabungen bestätigte Ort der Schlacht von Alesia bei Alise-Sainte-Reine im Département Côte-d‘Or in der Nähe von Dijon: Hier ging Vercingetorix unter, hier ließ Kaiser Napoleon III. ihm 1865 eine kolossale Statue errichten. 1903 folgte ein Riesenstandbild in Clermont-Ferrand. Ganz ähnlich wie in Deutschland Hermann der Cherusker, sorgt Vercingetorix in Frankreich für zweitausend Jahre alte Kontinuitäten: Nos ancêtres les Gaulois unsere Vorfahren, die Gallier ...
Akt der Selbstbejahung
Dass Vercingetorix im französischen Bewusstsein mindestens ebenso lebendig durch „Asterix und Obelix” eher noch lebendiger ist wie Arminius im deutschen, belegt: Die Verehrung der freiheitsliebenden Vorfahren ist ein Akt der Selbstbejahung.
Vercingetorix steht den Franzosen für ihre gallische Abstammung. Arminius steht nicht nur für unsere Abstammung, sondern auch für die Behauptung unserer Lebensform. Und so wie sich die Deutschen zu Recht freuen, dass sie durch Arminius die geworden sind, die sie sind Deutsche und keine Römervariante , nehmen die Franzosen die damalige Niederlage als Weichenstellung an, die ihnen ihre heutige Form gab.
Der herausragende französische Mediävist Joseph Calmette (1873-1952) wurde nicht müde, die „römische Imprägnierung“ zu loben, deren Tragweite sich in der Tatsache zeigt, dass Gallien die lateinische Sprache annahm. André Siegfried behauptete in „Der französische Geist“:
„Den Lateinern vor allem verdanken wir unsere Fähigkeit zu argumentieren und uns auszudrücken. Das Französische verfügt über eine außerordentliche Eignung zur Analyse ... Der Mann auf der Straße, wie einfach er auch sei, besitzt die Gabe, bei einem Thema das implizite Prinzip und die daraus resultierenden Folgen zu unterscheiden.”
Und der Schriftsteller Anatole France (1844-1924) ging in seiner Euphorie so weit zu erklären: „Latein, das ist für uns nicht Fremd-, sondern Muttersprache; wir sind Lateiner.“
Mit der gleichen Begeisterung, mit der Frankreich zusammen mit seinem geschlagenen Vercingetorix seine Latinisierung feiert, dürfen wir mit unserem siegreichen Arminius unser Deutschsein gutheißen. Zumal wir spätestens seit Immanuel Kant wissen, dass die deutsche Sprache auch ohne gewaltsame „römische Imprägnierung” eine außerordentliche Eignung zur Analyse besitzt.
„Ohne Hermann kein Deutsch”
Man hat die Weichen nicht gestellt, aber bejaht das Ergebnis. In diesem Sinne schrieb Ernst Moritz Arndt über Armin:
„An der Schlacht im Teutoburger Walde hing das Schicksal der Welt, darum ist Hermann Weltmann geworden. Er ist nicht bloß etwas Poetisches für uns, etwas bloß durch das graue Altertum und den Wahn der wachsenden Zeitlänge Geheiligtes. Nein, er ist etwas Ewiges und Wirkliches, weil wir noch durch ihn sind, weil ohne ihn vielleicht seit sechzehnhundert Jahren hier kein Deutsch mehr gesprochen sein würde.”
Und auch Luthers emotionaler Zugang zu Armin lässt sich nicht daraus erklären, dass der Cherusker gesiegt hat: „Wenn ich ein poet wer, so wollt ich den zelebrieren. Ich hab ihn von hertzen lib“.
Armin ist uns nahe, nicht weil er siegte, sondern weil er uns zu dem machte, was wir sind. Weil ohne ihn die Liebesgedichte Walthers von der Vogelweide, Friedrich Schillers „Räuber“, Goethes „Faust“, Grimms Märchen, Theodor Fontane, aber auch Stefan Zweig und Egon Friedell undenkbar wären. Und weil uns das ganze fruchtbare Spannungsfeld deutscher und romanischer Kultur, der Austausch und die Begegnung von Germania und Romania, entgangen wäre.
Gerhard Frey