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Wo „el català” gesprochen wird

Spanien und die katalanische Frage

(April 2010)


Katalanischer Stil: Mit dem „modernisme català“ hat der Jugendstil in Katalonien eine ganz eigenständige Ausdrucksform gefunden. Die Fassade der von Antoni Gaudí in den Jahren 1904 bis 1906 gestalteten Casa Batlló (Bild) spielt mit Elementen der Legende des Heiligen Georg. Der Drachentöter ist der Schutzpatron Kataloniens.

Foto: tato grasso, cc-by-sa 2.5
„Sind Sie dafür, dass die katalanische Nation ein unabhängiger, demokratischer und sozialer Rechtsstaat in der Europäischen Union wird?“ Diese Frage konnten am 25. April in der autonomen Region Katalonien bei symbolischen Volksabstimmungen 1,3 Millionen Einwohner in 211 Städten und Gemeinden beantworten. Immerhin jeder Fünfte von ihnen beteiligte sich. Und wiederum hat sich eine große Mehrheit – 92,5 Prozent – für ein unabhängiges „Catalunya“ ausgesprochen. Schon im Dezember 2009 hatten 700.000 Katalanen Gelegenheit, sich zu dem Thema zu äußern. Damals nahmen 30 Prozent teil, von denen sich 95 Prozent für die Unabhängigkeit erklärten.

Tauziehen der Verfassungsrichter

Während die teilnehmenden Katalanen bei diesen von Unabhängigkeitsanhängern veranstalteten Abstimmungen zu klaren Mehrheiten gelangen, ist das spanische Verfassungsgericht am 16. April zum fünften Mal daran gescheitert, über das 2006 reformierte Statut der „Autonomen Gemeinschaft Katalonien“ ein Urteil zu treffen. Darin betonte das katalanische Parlament unter anderem, dass Catalunya eine „nació“ sei und man legte sich Flagge, Feiertag und Hymne als „símbols nacionals“ zu. Die konservative spanische Volkspartei rief dagegen das Verfassungsgericht an, doch keiner der bisherigen Urteilsentwürfe fand bei den zehn Richtern eine Mehrheit. Zwischen „konservativen“ und „progressiven“ Richtern ist vor allem umstritten, ob die Erwähnung einer katalanischen Nation mit der von der spanischen Verfassung postulierten „unauflösbaren Einheit der spanischen Nation“ vereinbar ist. Die progressiven Richter sehen das so, aber auch sie halten den nicht nur standardmäßigen, sondern sogar „bevorzugten Gebrauch“ („us preferent“) des Katalanischen und 13 weitere Bestimmungen des Autonomiestatuts für verfassungswidrig.

Für die meisten Katalanen bedurfte es keines Gesetzes, um sie davon zu überzeugen, dass Katalonien eine Nation darstellt. Sie sind sich dessen ohnehin gewiss – und das ist bekanntlich schon die halbe Miete. Viele Katalanen betonen, nicht freiwillig zu Spanien zu gehören, sondern nur „per obligació“ – notgedrungen.

Mit den separatistischen Bestrebungen der norditalienischen Lega Nord, die für die Unabhängigkeit „Padaniens“ eintritt, ist das katalanische Ringen um Unabhängigkeit nicht vergleichbar. Denn auch wenn Katalonien zu den reichen Regionen im spanischen Staat zählt, geht es nicht vorrangig um wirtschaftliche Motive.

Von Gaudí bis Barça

Über 9 Millionen Menschen, davon 5,2 Millionen Muttersprachler, verständigen sich mit „el català“, während Spanisch – Kastilisch – mit an die 500 Millionen Sprechern die nach Chinesisch, Hindi und Englisch am vierthäufigsten verwendete Sprache der Welt ist. „Das Katalanische“, so hieß es 1926 in Meyers Lexikon, „ist das sprachliche Bindeglied zwischen dem Spanischen und dem Provenzalischen“, also der im Süden Frankreichs gesprochenen Sprache.

Doch den Katalanen mangelt es nicht an Selbstbewusstsein und sie sehen sich keineswegs als bloßes Bindeglied. Dazu berechtigt sie auch der Umstand, dass es eine alte und reiche katalanische Literatur gibt. Und bedeutende Künstler waren Katalanen: Joan Miró (1893-1983), Antoni Gaudí (1852–1926) und übrigens auch sein Förderer, der Industrielle Eusebi Güell, oder der Cellist und Komponist Pau Casals (1876–1973). Mindestens genauso wichtig für das katalanische Bewusstsein ist heute aber der FC Barcelona („Barça“), dessen Präsident Joan Laporta in feurigen Worten „Vasallentum“ gegenüber dem spanischen Staat angreift.

Catalunya del Nord


Kundgebung in Barcelona. Vertreter der „Republikanischen Linken Kataloniens“ vor katalanischen Flaggen: vier rote Balken auf gelbem (goldenem) Grund.
Gesprochen wird „el català” nicht nur in der autonomen Gemeinschaft Catalunya mit ihrer Hauptstadt Barcelona, sondern auch in Valencia und auf den Balearen. Seinen Charakter zwischen dem Französischen und dem Spanischen unterstreicht der Umstand, dass das Katalanische die Staatssprache im Fürstentum Andorra ist, das ein französisch-spanisches Kondominium darstellt. Aber auch im französischen Staat ist Katalanisch präsent, denn seit dem Pyrenäenfrieden von 1659 ist Katalonien zwischen Frankreich und Spanien geteilt und die Gegend um Perpignan (katalanisch: Catalunya del Nord) fiel an Frankreich. Und selbst unter italienischer Hoheit leben Katalanen: in der Stadt Alghero auf Sardinien.

Zumal vor dem Hintergrund, dass die romanischen Sprachen letztlich lateinische Dialekte sind, weist das Katalanische zweifellos alle Merkmale eines selbständigen Idioms auf. Ein amigo ist ein amic, eine Kasse – caja – eine caixa, statt velocidad heißt es velocitat. Viele Wörter sind eher Französisch als Spanisch: Morgen heißt nicht mañana, sondern demà wie das französische demain. Käse nicht queso, sondern formatge wie das französische fromage. Manche Wörter sind ganz eigenständig: groc für gelb. Aber auch was schriftlich mit dem Spanischen übereinstimmt, wird noch lange nicht so gesprochen – statt dos (zwei) sagt man beispielsweise „dosch“. Wobei der 400 Kilometer lange Landstrich zwischen Valencia und Perpignan wie ein Spektrum anmutet, in dem viele Färbungen vorkommen.

Unduldsamkeit?

In der Zeit der Franco-Herrschaft (1939–1975) wurden regionalistische oder gar separatistische Bestrebungen unterdrückt. Die Pflege nichtkastilischer Sprachen war verboten. Erreicht wurde damit das Gegenteil. Wer nach dem Ende der Franco-Ära in Barcelona auf Spanisch beim Bäcker nach Brot fragte, musste damit rechnen, nicht „verstanden“ zu werden. Auch heute pochen die Katalanen auf den unbedingten Vorrang des Katalanischen, das auch Unterrichtssprache an Schulen und Universitäten ist. Wer gleichberechtigt mitreden will, macht einen Katalanisch-Kurs.

Was auf den ersten Blick als Unduldsamkeit erscheint, dürfte für die Katalanen der einzige Weg sein, um in Zeiten der Globalisierung der Auflösung zu entgehen. Durch die Zuwanderung aus anderen Teilen des spanischen Königreichs und aus Hispanoamerika würde das Katalanische sonst bald nicht mehr Verkehrssprache sein.

Immer wieder haben Katalanen die Selbständigkeit auf den Weg gebracht. 1641, 1873, 1931 und 1934 wurden katalanische Staaten ausgerufen. Die letzten beiden Male von Politikern der „Esquerra Republicana de Catalunya” (Republikanische Linke Kataloniens), deren heutiger Chef Joan Puigcercós vergangene Woche an alle Katalanen appellierte, dass sich nun die Aussicht auf Unabhängigkeit eröffne, wenn man nur furchtlos und einig sei.

Und die Katalanen werden wohl auch nicht aufgeben. Das lässt sich schon ihrem Lied „Els Segadors“ (Die Schnitter) entnehmen. Es wurde 1931 von der Generalitat (der katalanischen Regierung), 1992 vom katalanischen Parlament und 2006 erneut im Autonomiestatut zur Nationalhymne Kataloniens erklärt und endet mit den programmatischen Zeilen:

Der Feind soll zittern,
wenn er unsere Fahne sieht.
Wie wir die goldenen Ähren fallen lassen,
zersägen wir auch Ketten, wenn die Zeit gekommen ist.

Gerhard Frey