Stille Örtchen
Was die „öffentlichen Bedürfnisanstalten“
über (Raben-)Vater Staat verraten
(Mai 2008)
![]() Schöner Schein: Die öffentliche Bedürfnisanstalt am Münchner Bavariaring, 1894 als Volksbrausebad errichtet, beeindruckt mit ihren neuklassizistischen Formen und dem mächtigen Portikus noch heute, doch ist die „WC-Anlage geschlossen“. Während die beiden Fotos entstanden, erleichterte sich ein junger Mann an einem Baum, eine Dame drehte unter Verwünschungen ab, als sie feststellte, dass die Türen versperrt sind. |
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Kein Thema für einen Artikel?
Sie finden, das ist kein Thema für einen Artikel? Nein, keine Sorge, obwohl die leicht zu produzieren wäre, erwartet Sie hier keine schockierende Bildreportage. Man weiß ja, was sich gehört. Aber, leider, leider, der Staat, seine Gebietskörperschaften und sonstigen Verzweigungen, namentlich die Deutsche Bahn AG, wissen es nicht mehr. Oder sagen wir: deren Vertreter wissen es nicht mehr. Und sie gehen davon aus, dass die Öffentlichkeit die hanebüchenen Zustände aus falscher Scham nicht zum Thema macht: Man ärgert sich und schweigt.
Bei den Telefonzellen konnte man uns noch erzählen, dass deren Verringerung und Ersetzung durch „Basistelefone“ angesichts der zunehmenden Verbreitung des Taschentelefons vertretbar sei. (Basistelefone akzeptieren keine Münzen als Zahlungsmittel, auch keine herkömmlichen Telefonkarten, sondern können nur mit Anrufkarten die Telekom sagt „Calling Cards“ dazu benutzt werden.)
Bei den Postämtern wurde die Erklärungsnot schon größer: Den rasanten Abbbau von 30.000 Postämtern (1990) auf rund 12.000 fremd- und eigenbetriebene „stationäre Einrichtungen, in denen Verträge über Briefbeförderungsleistungen abgeschlossen und abgewickelt werden können”, wollte man uns mit „veränderten Kommunikationsgewohnheiten” schmackhaft machen. Alte oder in ihrer Mobilität eingeschränkte Bürger sollen sich da mal nicht so haben, wenn die Post in weite Ferne gerückt ist. Wo gehobelt wird, fallen Späne?
Geschlossen, teuer, schlecht mit welchem Recht?
Aber bei den Bedürfnisanstalten kann ja keiner behaupten, dass sie nicht mehr gebraucht würden. Mit welchem Recht also
- gibt es immer weniger solcher Anstalten in Funktion?
- wird dort von den Benutzern inzwischen teilweise mehr als ein Euro verlangt? (Der traditionelle, freiwillige „Toilettengroschen” für den Wärter/die Wärterin in öffentlichen Toiletten ist dagegen abgeschafft.)
- sind die Anlagen nicht selten in einem erbärmlichen, Übelkeit erregenden Zustand?
Wie ein Staat für seine Bürger sorgt
Ist der Stoffwechsel ein Luxus, den sich arme Leute, Menschen, die ohne Geld bzw. passende Münzen unterwegs sind, den sich auch empfindsame Naturen, Einwohner mit guter Nase und Kinder verkneifen sollen? Es gibt gewisse Indikatoren dafür, wie ein Staat für seine Bürger sorgt und wie ernst er ihre Bedürfnisse nimmt. Die Eisenbahnkilometer zählen dazu. Auch die öffentlichen Toiletten. Beides befindet sich seit langem im Rückbau. Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat, heißt es im Grundgesetz. In der Praxis jedoch leistet der Staat bei steigenden Steuern immer weniger. Seine Amtswalter haben zwar einiges für private Vorsorge, für die gemeinnützige Daseinsvorsorge aber wenig übrig.
Gerhard Frey