Taschentelefon!
(November 2008)
Man kann aber auch ein ganzes Abteil gegen sich aufbringen. Vielleicht kennen Sie ja die Szene in Erich Kästners „Emil und die Detektive“? Der kriminelle Herr Grundeis wählt sich im Zug nach Berlin den Schüler Emil Tischbein zum Opfer. Vor dem Diebstahl bringt er das ganze Bahncoupé zum Kochen, indem er Emil Weisheiten wie die folgende erzählt: In Berlin gibt es neuerdings Häuser, die sind so hoch, dass man die Dächer am Himmel festbinden muss. Und wenn man kein Geld hat, geht man auf die Bank und lässt sein Gehirn als Pfand dort. Helle Aufregung über so viel Blödsinn unter den Mitfahrenden.
Ebensoviel Aufregung kann man heutzutage einfacher haben. Zum Beispiel so: Angeregtes Gespräch über die deutschen Mundarten. Das ist immer auch ein Gespräch über die deutschen Stämme. Als da sind Sachsen, Franken, Thüringer, Baiern, Schwaben … Was sind dann die Schweizer? „Die Deutschschweizer sind stammesmäßig Schwaben.” Wütender Blick vom Sitznachbarn, der besagt: Wie kann man nur solchen Unsinn erzählen! Ja, wie die meisten Österreicher stammesmäßig Baiern sind. Steigende Empörung jetzt ist es um den Herrn geschehen, er verlässt kopfschüttelnd das Abteil. So viel vermeintlichen Unsinn kann er nicht ertragen.
Dabei stimmt’s doch auffallend und kann auch (trotz leichter Schwankungen bei der Begrifflichkeit) in jedem besseren Lexikon nachgelesen werden. In seiner Nonsens-Suada sagt Kästners Herr Grundeis auch, warum man das Geld der Bank rasch zurückzahlen muss: „Der Mensch kann nämlich nur zwei Tage ohne Gehirn leben.“ Was für ein Quatsch! Manche kommen ganz ohne Hirn aus.
PS: Wenn Ihnen das Wort „Handy” nicht zusagt, Kästner wusste schon 1931 in „Der 35. Mai” vorausschauend Rat. „Taschentelefon”. Allgemein verständlich, funktioniert auf Anhieb. Und löst auch keine Empörung aus.
Gerhard Frey