-> zurück

„Tomaten ja, aber bitte nur auf den Regisseur!“

Der Kritiker und Dramaturg Timo Fehrensen über Gegenwart und Zukunft der Salzburger Festspiele

(August 2005)

Am 31. August enden die 85. Salzburger Festspiele. Im Mittelpunkt des Interesses standen die Inszenierung von Grillparzers „König Ottokars Glück und Ende“ durch Schauspielchef Martin Kušej und die Premiere von Verdis "La Traviata". Rechtsanwalt Gerhard Frey hat mit dem 1970 geborenen Berliner Kritiker, Autor und Dramaturgen Timo Fehrensen, der seit Jahren von den Salzburger Festspielen berichtet, gesprochen.

„Die Pflicht, eine Vorstellung zu verlassen“

Herr Fehrensen, ist es banausenhaft, wenn ein Zuschauer in „König Ottokars Glück und Ende“ nach einer halben Stunde den Entschluss fasst, den Raum zu verlassen, weil er den Eindruck hat, er soll mit Pseudo-Provokationen schikaniert werden, die aus den achtziger Jahren zu stammen scheinen?

Fehrensen: Ich fürchte, dass die meisten dieser „Provokationen“ aus noch früheren Zeiten stammen und noch abgestandener sind. Solange er das gesittet und ruhig tut, hat der Zuschauer nicht nur das Recht, sondern vor sich selbst vielleicht sogar die Pflicht, eine Vorstellung zu verlassen, die er als künstlerisch nicht besonders bedeutend oder dem Stück gegenüber unangemessen erachtet. Ich finde nichts erbärmlicher als Zuschauer, die aus Angst vor der vermeintlichen Inkorrektheit meinen, drei Stunden ausharren zu müssen, sich innerlich winden oder, was dann die bessere Taktik ist, einschlafen. Ich hasse es allerdings, wenn Zuschauer türenknallend und brüllend eine Aufführung verlassen, denn das ist rücksichtslos. Nicht dem Regisseur gegenüber, der den Abend nicht durchzustehen hat, aber den Schauspielern gegenüber. Sie werden oft zu bestimmten Aktionen, die vielleicht dem Zuschauer missfallen, sehr energisch aufgefordert.

Wenn schon Konventionen verletzt werden, warum dann nur einseitig?

Fehrensen: Das Publikum hat immer seine Tomaten dazugegeben, und die dürfen dann sogar mal faul sein, aber bitte nur auf den Regisseur! Mit dem Wort „Konvention“ habe ich ein ganz großes Problem. In den letzten Jahren wurde ja gerade die vermeintliche Provokation zur Konvention. Man muss nur an Schlingensiefs Parsifal-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen denken, unter anderem mit solch appetitlichen Details wie einem im Zeitraffer verwesenden Hasen. Die Reaktion muss für Schlingensief sehr enttäuschend gewesen sein. Die „Provokation“ ist weder im Feuilleton noch bei den Zuschauern angekommen, weil man gar nichts anderes erwartet hat als Details, die vor zwanzig Jahren noch Entsetzen hervorgerufen hätten. Wenn Provokation zur reinen Pose erstarrt, hat sie ihren Sinn verloren.

„Was wirklich provoziert“

Das große Gähnen?

Fehrensen: Ja. Hätte Schlingensief wirklich provozieren wollen, hätte er eine naturalistische Dekoration wie vor hundert Jahren entwerfen müssen, die Leute in schöne Kostüme stecken – das wäre ein Kulturskandal des 21. Jahrhunderts geworden.

Was bringt es, wenn – das war jetzt hier bei der Grillparzer-Inszenierung der Fall – nach Art von Hermann Nitsch ein totes Reh von Tobias Moretti über die Bühne geschleift wird, wenn gewaltige Dezibel-Zahlen aufgebracht werden, so dass man sich in der 1989 von US-Truppen infernalisch beschallten Botschaft des Vatikans in Panama wähnt?

Fehrensen: Herr Noriega ist damals rausgegangen. Aber im Ernst: Wenn ein Bühnenschaffender dem Text nicht mehr vertraut, fürchtet, dass ihm die Zuschauer wegsacken, meint er, das mit Videos, Trommelmusik, Kreischereien und ähnlichen Aktionen aufhalten zu können. Das ist ein Vorgehen, das mangelnde Phantasie verrät, wie man einen Text so erzählt, dass er für heutige Zuschauer verständlich wird. Indem ich den Text zu Tode brülle, vernichte ich nicht nur ihn, sondern oft auch das Interesse der Zuschauer, die das nun einfacher auf „mtv“ haben können.

1997 hat Peter Stein in Salzburg eine sehr interessante Neuinszenierung des Grillparzer-Trauerspiels „Libussa“ auf die Bühne gebracht. Was hat sich seither geändert?

Fehrensen: Das war der schon damals von vielen meiner Kollegen kritisierte Ausläufer einer Ära, die sich zwar sehr politisch verstanden hat – gerade Peter Stein war ein typischer Exponent des 68er-Theaters – die aber dennoch sehr auf den Text gesetzt hat. Stein nahm mit Libussa seinen Abschied als Schauspielchef in Salzburg. Die Inszenierung war noch einmal der Versuch, uns ein Drama durchaus zeitgenössisch, ohne Burgtheater-Pathos und vor allen Dingen nicht rein naturalistisch erklärbar zu machen. Ein sehr sperriger Grillparzer-Text wie Libussa, dessen Geschichte heute, da wir keine universell gebildeten Menschen mehr sind, wie es sie noch im 19. Jahrhundert gab, sehr fremd geworden ist, wurde damals sehr eindrucksvoll dargebracht. Seither hat die Tendenz weg vom Text, hin zur reinen Aktion, zur übersteigerten Pose auf der deutschen Bühne stark zugenommen.

„An Salzburg wird nie gerüttelt werden“

In Salzburg sind alle Sparten vertreten – Oper, Schauspiel, Konzert, am Rande auch Ballett. "La Traviata" hat allgemeinen Zuspruch gefunden.

Fehrensen: Nun muss man natürlich sagen, dass auch im Bereich der Opernregie in Salzburg schon unter der Intendanz von Gérard Mortier das ehemalige Karajansche „Palastarchitekturtheater“, wie ich es immer genannt habe, abgelöst worden ist. Salzburg ist mittlerweile – übrigens ähnlich wie Bayreuth – ein Fels der modernen Musikregie geworden. Die Traviata ist jedoch, was in den letzten Jahren kaum noch vorkam, ein Sängertheater, auch wenn ein Exponent des zeitgenössischen Musiktheaters, Willy Decker, inszeniert hat. Wenn man drei Leute wie Anna Netrebko, Thomas Hampson und Rolando Villazon hat, dann ist der Regisseur beinahe schon an die Wand gespielt. Da kann gar nichts schief gehen.

In welche Richtung sollte man die Festspiele entwickeln?

Fehrensen: Ich glaube, Salzburg wird das bleiben, was es immer war. Das wird man vor allem nächstes Jahr sehen, wenn das Mammut-Projekt stattfinden wird, zum 250. Todestags Mozarts bei den Salzburger Festspielen alle 22 Opern aufzuführen, die er komponiert hat. Salzburg wird ein Podium der Reichen und der Schönen und wahrscheinlich das bedeutendste vielleicht nicht Schauspiel-, aber doch Opernfestival des Sommers bleiben. Man darf auch nicht vergessen, dass das Salzburger Publikum sich von dem normalen Stadttheater- oder Staatstheaterpublikum insofern unterscheidet, als Salzburg eben das hat, was man heute „Event-Charakter“ nennt: Sehen und gesehen werden. Die Festspiele haben unter dem Intendanten Peter Ruzicka, ein sehr kluger Mann und selbst Komponist, einen beachtlichen Aufschwung genommen. Man wird sehen, wie das in den nächsten Jahren unter seinem designierten Nachfolger Jürgen Flimm weitergehen wird. Ich denke: An Salzburg wird nie gerüttelt werden – bei allem Unmut über gelegentliche Ausfälle in der Regie.

„Festspiele für das Volk!“

Die Begründer Hofmannsthal, Reinhardt und Strauss würden die Festspiele heute wiedererkennen und als ihr Kind akzeptieren?

Fehrensen: Das ist die schwierige Frage nach denen, die im Grab rotieren. Mir ist schon nicht wohl, wenn mir jemand sagt: So hat das Schiller nicht gesehen. Ich habe keine Ahnung, wie Schiller es gesehen hat. Ich weiß nicht, ob Schiller heute mit einem Castorf zusammenarbeiten und Mozart Rockopern komponieren würde. Eines kann ich aber doch sagen: Die Intention vor allem von Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal war es, auch dem Volk die Möglichkeit zu geben, in die Aufführung zu gehen. Und wenn man auf Bildern aus den zwanziger Jahren das Publikum auf dem Domplatz beim Jedermann oder auch im Festspielhaus sieht, die Leute in ihrer Tracht, dann war das der Fall. Wirklich dem Volk Festspiele zu bieten, ist heute sicherlich in den Hintergrund getreten. Die Karten sind eindeutig zu teuer, gerade wenn man bedenkt, wie hoch dieses Festival – zu Recht – subventioniert wird.

Warum durfte eigentlich an der Wiener Staatsoper – "Herodiade" von Jules Massenet – .ein Mann wie Nitsch ausstatten und sich an der Regie beteiligen?

Fehrensen: Weil dieser Mann keine Ahnung von Regie hat, braucht er einen Koregisseur. Im Hintergrund finden sich riesige blutverschmierte Wände und vorne stellen sich die Sänger an die Rampe und bleiben dort. Nitsch ist für das Rote zuständig – und das ist nicht einmal politisch zu verstehen! Ähnliche Phänomene haben wir ja auch bei Doris Dörrie und jetzt bei Bernd Eichinger erlebt. Wenn man opernfremde Personen zur Regie einlädt, die teilweise sogar stolz darauf sind, dass sie keine Ahnung haben, ist das fast eine Garantie für einen vollkommen misslungenen Abend.

„Tosca in Disneyland“

Die Zuschauer bleiben nicht fern.

Fehrensen: Nein, die Menschen wollen Kultur und haben auch ein Recht darauf. Wenn irgendeine Tosca in Strumpfhosen in Disneyland gezeigt wird, wird die Oper trotzdem Erfolg haben, weil die Leute die Tosca hören wollen.

Sind wir kulturell erschöpft?

Fehrensen: Es gibt immer noch hervorragendes Theater. Max Reinhardt sagte in seiner berühmten „Rede über den Schauspieler“: Das Theater gehört dem Schauspieler! Und das ist in den letzten Jahren zu kurz gekommen. Man hat viel zu sehr darauf geachtet, was will uns der Regisseur erzählen? Ich plädiere für die Rückkehr zu einem Theater der Schauspieler. Beispielsweise gelingt es Dieter Dorn am Münchner Residenztheater sehr gut, modern zu interpretieren und gleichzeitig die Liebe seiner Zuschauer zu einzelnen Schauspielern zu befriedigen.

Woher nimmt zum Beispiel ein Regisseur wie Leander Haußmann das Selbstbewusstsein, einen Shakespeare so dominant zu überprägen, wie er es mit „Romeo und Julia“ getan hat?

Fehrensen: Haußmann ist für mich in der Tat ein Schaumschläger. Kleine Geister reiben sich immer gerne an großen Geistern. Und wenn die großen Geister dann auch noch tot sind, ist das ideal.

Was sagen Sie zu Massenereignissen wie „Turandot“ im Münchner Olympiastadion und in der Arena AufSchalke in Gelsenkirchen mit jeweils fast 30.000 Zuschauern?

Fehrensen: Im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen freue ich mich darüber, wenn Menschen wieder mal einige Takte von Puccini hören. Es war eine sehr voluminöse, goldbrokatverliebte, dekorative Inszenierung. Darüber kann man verschiedener Meinung sein. Aber es führt dazu, dass der eine oder andere mit Musik in Berührung kommt. Mir ist immer noch eine Turandot lieber als eine Boy-Group, die Sülze runterschleudert.