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Wien an der Adria:

Was meint ein Triestiner, wenn er „Mitteleuropa“ sagt?

Vor 50 Jahren kam die Hafenstadt zum zweiten Mal zu Italien –
aber ganz dort angekommen ist sie nie

(Januar 2005)

In Triest endeten gerade die Ausstellungen und Veranstaltungen zum 50. Jahrestag der Rückgabe der Stadt an Italien im Oktober 1954. Schon nähern sich neue Gedenktage: Im Mai und Juni jähren sich zum 60. Mal die vierzig Tage der Titoherrschaft, die viele Triestiner noch heute schaudern lässt. Und vor 30 Jahren verzichtete Italien auf alle Gebietsansprüche hinsichtlich der 1954 zu Jugoslawien geschlagenen Zone B des einstigen „Freien Territoriums Triest“.

„Wir sind hier nicht in Italien“

„Das erste, was Sie begreifen müssen, ist, dass wir hier nicht in Italien sind“, erklärt uns Herr Scapino. Der 71-jährige Triestiner Schiffsagent besteht darauf, dass die Hafenstadt, die sich (schon vorher Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation) 1382 freiwillig unter österreichische Herrschaft begab, die zur Beherrscherin des Adriatischen Meeres aufstieg, die der Zugang Deutschlands zum Mittelmeer und von 1818 bis 1866 Teil des Deutschen Bundes war und 1919 von Österreich an Italien abgetreten werden musste, auch noch im Januar 2005 eine Sonderstellung einnimmt. Dass er damit Recht hat, ist ebenso offensichtlich wie es im Widerspruch zur italienischen Staatsdoktrin steht.

Wenn da nicht das Meer wäre, könnte man meinen, man sei in Wien. Mal sieht es aus wie in Hietzing, mal wie am Ring. Kein Wunder, waren doch in Triest häufig dieselben Architekten am Werk, die auch die Hauptstadt der Donaumonarchie gestalteten. Heinrich Freiherr von Ferstel, Erbauer der Universität in Wien, plante den Palast des „Österreichischen Lloyd“ (des heutigen „Lloyd Triestino“). Friedrich Setz baute 1890 bis 1894 die Triestiner Hauptpost, die in verblüffender Weise dem eineinhalb Jahrzehnte früher errichteten Wiener Justizpalast ähnelt. Und den Hauptbahnhof schuf Wilhelm von Flattich, der auch den Südbahnhof in Wien gestaltet hat.

Zwar heißt der „Große Platz“, direkt am Meer gelegen, seit 1918 offiziell „Platz der Einheit Italiens“. Zwar beschwören Denkmäler die Treue Triests zum „Madrepatria“, zum Mutterland. Auch kündet der 1927 errichtete „Leuchtturm des Sieges“ von dem zweifelhaften Triumph, der Italien durch die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg zufiel, nachdem es in elf Isonzoschlachten trotz überlegener Kräfte das Ziel, Triest, nicht erreicht und die zwölfte Isonzoschlacht im Oktober 1917 zum Zusammenbruch der italienischen Front geführt hatte. Und einer der zentralen Plätze, die „Piazza Oberdan“, erinnert an „Guglielmo Oberdan“, der eigentlich Wilhelm Oberdank hieß und als Angehöriger der Irredentisten (Italia irredenta = unerlöstes Italien) 1882 beabsichtigte, Kaiser Franz Joseph I. zu ermorden.

Die Habsburger – präsent wie eh und je

Doch weitaus augenfälliger als die Namensgebungen im Sinne der „Italianità“ sind die Zeugnisse der Hingebung Triests an Österreich: Am Bahnhofsplatz empfängt einen die Statue der Kaiserin Elisabeth, deren Gatten Oberdank hatte ermorden wollen. Auf dem „Platz der Einheit Italiens“ steht die Ehrensäule Karls VI., des Vaters von Maria Theresia, der größten Förderin Triests. Nicht nur der 1751 errichtete Brunnen der Theresianischen Wasserleitung bezeugt den Aufstieg, den die damals nur wenige tausend Einwohner zählende Stadt dank ihr nahm. Auf dem Börsenplatz ist Kaiser Leopold I. in Stein verewigt. Und das Schloss Miramar schmückt eine Bronzestatue von Maximilian, dem Erzherzog von Österreich und unglücklichen Kaiser von Mexiko, der in Triest Konteradmiral war. In solcher Umgebung überrascht es nicht, dass am 27. November 2004 eine „Dankmesse der Stadt Triest für die Seligsprechung von Karl I. von Österreich“ stattfand.

Warum dann eine Piazza Oberdan? Dann könnte man doch gleich einen Platz nach Gavrilo Princip, dem Mörder des Thronfolgers in Sarajewo benennen? Herr Scapino meint augenzwinkernd, der Platz heiße so, weil Oberdank mit dem Mordkomplott scheiterte.

Eine „mitteleuropäische“ Stadt

Für die enge Verbindung mit dem deutschen Raum, insbesondere mit Österreich, hat sich in Triest eine Chiffre durchgesetzt: Man sieht sich dort ausdrücklich als eine „città mitteleuropea“, eine mitteleuropäische Stadt. Die einstige Führungsschicht wird als die „borghesia mitteleuropea“, mitteleuropäisches Bürgertum, bezeichnet. Und das 1997 errichtete Museum in der Hauptpost heißt „Museo Postale e Telegrafico della Mitteleuropa“. Das Wort „Mitteleuropa“ löst bei den Triestinern eine Menge Gefühle und manchmal auch ein hintergründiges Lächeln aus.

Wobei diese Triestiner gelegentlich nicht sehr italienisch sind. Der berühmteste aus Triest stammende Schriftsteller, Italo Svevo (1861–1928), hieß eigentlich Schmitz. Unser Herr Scapino ist slowenischen Ursprungs. Sein Name wurde in der faschistischen Zeit ebenso italienisiert wie der seines 1939 geborenen Freundes Luciano, dessen Vater noch mit dem Namen Ritterbeck zur Welt kam.

Im Jahre 1900 waren von 178.599 Einwohnern des Ballungsraumes Triest 24.679 Slowenen und 8.880 Deutsche. Aber jeder Triestiner sprach mindestens Italienisch und Deutsch, die Slowenen außerdem noch Slowenisch. Heute ist das Deutsche weitgehend verdrängt. „Uns fehlt die Kultur von früher“, kommentiert diese Entwicklung ein mit einem grünen Lodenmantel bekleideter Herr im traditionsreichen „Cafe degli Specchi“. Und doch bemühen sich sehr viele der heute 210.000 Triestiner, wenn sie einem Deutschen begegnen, mindestens einige Worte auf Deutsch zu sagen.

Operationszone „Adriatisches Küstenland“

Im Park des einst von Erzherzog Maximilian selbst entworfenen Schlosses Miramar treffen wir Emilio, einen 76-jährigen ehemaligen Feinmechaniker, der zuerst für die deutsche Kriegsmarine, später für die britische Flotte und schließlich für die italienische Handelsmarine nautische Instrumente hergestellt hat. Wie die meisten älteren Triestiner ist er erfüllt von großer Geschichte und kleinen Geschichten. Alles was wir in Triest sähen, sei von Kopf bis Fuß habsburgisch, erklärt er. Den Krieg hat Emilio als Jugendlicher erlebt. „Später“, fasst er seine Eindrücke zusammen, „habe ich Bilanz gezogen. Von allen, mit denen ich zu tun hatte, Deutsche, Partisanen, Faschisten, Titoisten, Engländer und Amerikaner, waren die Deutschen die anständigsten.“

„Molto positiva“ gar ist die Erinnerung, die Herr Scapino an die Deutschen hat, die nach dem Abfall Italiens Triest besetzten und es zum Mittelpunkt der kurz darauf – am 29. September 1943 – errichteten „Operationszone ‚Adriatisches Küstenland‘“ machten. Dagegen ergrimmt es ihn bis heute, dass die Bomber der 15. US-Luftflotte am 10. Juni 1944 unter anderem die Kirche in der Via Rosetti einäscherten, in der er getauft worden war. Luciano, sein Freund, pflichtet Herrn Scapino bei: „Mein Vater erlitt 1944 bei einem Luftangriff auf Triest schwerste Verbrennungen. Er hat überlebt, war aber für immer gezeichnet.“

Vierzig Tage unter dem Titostern

Auch Luciano waren „die Deutschen immer sympathischer als die Partisanen“. Und erst recht als Titos Freischärler, die am 1. Mai 1945 Triest besetzten. 40 Tage, bis zum 12. Juni, regierten Tito-Partisanen die Stadt. Die „quaranta giorni“, die Zeit der jugoslawischen Besetzung und die damals verübten Untaten, sind der Hauptgrund dafür, dass 1945 als „das tragischste Jahr“ der Geschichte Triests gilt, wie es im fünften Band des zwölfteiligen Werks „Trieste 1900–1999“ (Verlag Publisport, Triest) heißt.

Die Rede ist vor allem von den „Foibe“, wie die Triestiner die tiefen Felsspalten im nahegelegenen Karst nennen. In diese Abgründe wurden im Mai 1945 von den jugoslawischen Besatzern politisch missliebige Italiener und Slowenen und auch ungezählte deutsche Gefangene gestürzt, teils schon tot und teils lebendig. 1992 erklärte man eine der Massenhinrichtungsstätten, die „Foiba di Basovizza“, zum Nationaldenkmal. Mit einem Gesetz vom März 2004 wurde schließlich der 10. Februar zum Gedenktag zur Erinnerung an alle Opfer der Foibe und an den Exodus der Italiener aus Istrien, Fiume und Dalmatien nach dem Zweiten Weltkrieg erhoben. Der 10. Februar, weil an diesem Tag 1947 der Pariser Friedensvertrag unterzeichnet wurde, durch den Italien Istrien verlor, dessen Bevölkerung damals zu einem Viertel aus Italienern bestand.

Mit dem Friedensvertrag war 1947 ein als „Freies Territorium Triest“ bezeichneter Freistaat begründet worden, der die amerikanisch-britisch besetzte „Zone A“ mit Triest und dem westlichen und nördlichen Umland und die südlich von Triest gelegene „Zone B“ unter jugoslawischer Besatzung umfasste. Die Neugründung ward niemals handlungsfähig. Aufgrund des Londoner Memorandums vom 5. Oktober 1954 kam dann der Großteil der Zone A einschließlich Triests wieder zu Italien, während die erweiterte Zone B trotz von italienischer Seite laut gewordener Proteste Jugoslawien zufiel.

In diesem Zusammenhang steht 2005 noch ein weiterer Jahrestag ins Haus. Vor 30 Jahren, am 10 November 1975, schlossen die Außenminister Italiens und Jugoslawiens den „Vertrag von Osimo“. Darin verzichtete Italien auf alle Gebietsansprüche hinsichtlich der einstigen Zone B und anerkannte die Demarkationslinie zwischen den beiden Zonen mit einigen Korrekturen als italienisch-jugoslawische Staatsgrenze. Die schon 1891 aus der Taufe gehobene „Lega Nazionale di Trieste“ läuft dagegen noch immer Sturm. Sie nutzt das Jahr 2005, um daran zu erinnern, dass die Regierung in Rom mit diesem Vertrag „ohne jede Bedingung oder Gegenleistung“ Tausende Italiener verraten habe.

Gerhard Frey