„Die Herero sind objektiver als der Münchner Stadtrat“
Rechtsanwalt Wolf-Thilo von Trotha über berühmte Mitglieder seiner Familie und die Rolle des Generalleutnants von Trotha in Deutsch-Südwest
(Juli 2006)
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„Ausgerechnet an einem 20. Juli“
Herr von Trotha, am 20. Juli wurde im Münchner Rathaus entschieden, dass die Von-Trotha-Straße in München künftig Hererostraße heißen soll. Wie empfinden Sie das?
Von Trotha: Natürlich betrifft mich das als Träger des Namens besonders. Aber es ist nicht so, dass ich sage: Ich heiße Trotha, der Name soll verschwinden, also bin ich dagegen. Es ist etwas komplizierter. Diese Straße war einst nach unserem Vetter Generalleutnant Lothar von Trotha benannt worden, dem Kommandeur der deutschen Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika. 1993 wurde die Benennung aber neu fundiert und der Straßenname dem ganzen Geschlecht von Trotha gewidmet. Daher könnte ich die jetzige Umbenennung durchaus persönlich nehmen. Ich will aber sozusagen neben mich treten und drei bekannte Trothas herausgreifen: Thilo von Trotha, 14431514, war Bischof von Merseburg; seine Bautätigkeit findet noch heute im Stadtbild von Merseburg prächtigen Ausdruck. Admiral Adolf von Trotha, 18681940, war Chef des Stabes der Hochseeflotte und nahm 1916 maßgeblich an der Seeschlacht am Skagerrak teil. Später war er Bundesführer des im Juni 1933 verbotenen Großdeutschen Bundes, eines Zusammenschlusses der Bündischen Jugend. Mein Onkel Professor Carl Dietrich von Trotha, Sohn meiner Großeltern Generalmajor Dietrich von Trotha und Margarete von Moltke, war eines der ersten Mitglieder des 1940 von seinem Vetter Helmuth James Graf von Moltke begründeten Kreisauer Kreises, eines Zentrums des Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Er arbeitete damals an dem Entwurf einer Wirtschafts- und Sozialordnung für die Zeit nach dem Zusammenbruch der Hitler-Herrschaft. 1949 war er einer der Wiederbegründer der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin. Umso grotesker ist es, dass der Kommunalausschuss über die Neubenennung der Straße ausgerechnet an einem 20. Juli, dem Jahrestag des Attentats auf Adolf Hitler, beschloss.
„Anstoß zum Nachdenken über deutsche Geschichte“
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Von Trotha: Natürlich. Denn mit ihrem Rundumschlag scheuten die geifernden Verfechter der Umbenennung nicht einmal vor dem Versuch zurück, die Familie eines Widerstandskämpfers gegen Hitler herabzusetzen. Wobei ich Ihnen sagen muss, dass die Trothas ich bin nicht der Vorsitzende des Familienverbandes, aber diese Einschätzung wage ich abzugeben ebenso gut ohne diese Straße leben können. Das haben sie ja seit dem 11. Jahrhundert bewiesen.
Hier wird exemplarisch ein Name hervorgehoben aber wer soll in Wahrheit abgeurteilt werden? Doch nicht die Trotha-Familie die dient ja nur als Vehikel. Die Von-Trotha-Straße bot Anlass, sich aus den verschiedensten Blickwinkeln mit deutscher Geschichte zu befassen. Sie war ein Anstoß zum differenzierten Nachdenken in einer Zeit zunehmender Geschichtsunkenntnis. Wobei ich überhaupt nichts dagegen habe, wenn man sich mit den einzelnen Trothas kritisch auseinandersetzt. Stattdessen hat sich die Stadtratsmehrheit in eine platte Täter-Opfer-Dialektik geflüchtet, die so selbst in Bezug auf Generalleutnant Lothar von Trotha und die Herero überhaupt nicht haltbar ist.
„Ein Mindestmaß an Ehrlichkeit erwarte ich“
Inwiefern nicht haltbar?
Von Trotha: Der Herero-Aufstand und dessen ohne Zweifel harte Niederschlagung sind unter Historikern in vielen Punkten umstritten. Gesichert aber ist, dass der Aufstand gegen die deutsche Schutztruppe im Januar 1904 mit dem Niederbrennen deutscher Farmen und Siedlungen begann, dass dabei zwischen 123 und 150 Männer, Frauen und Kinder teilweise grausam ermordet wurden. Und dass die aus Zentralafrika stammenden Herero sich zuvor schon hundert Jahre lang blutige Kämpfe mit den Stämmen der Nama beziehungsweise Orlam geliefert hatten. Ein Mindestmaß an Ehrlichkeit erwarte ich auch, wenn man aus dem „Aufruf an das Volk der Herero“ des Generalleutnants Lothar von Trotha vom 2. Oktober 1904 zitiert, in dem es heißt: „Die Herero sind nicht mehr deutsche Untertanen. Sie haben gemordet und gestohlen, haben verwundeten Soldaten Ohren und Nasen und andere Körperteile abgeschnitten … Das Volk der Herero muss jedoch das Land verlassen. Wenn das Volk dies nicht tut, so werde ich es mit dem Groot Rohr (Gewehr; Anm. d. Redaktion) dazu zwingen.“ Man sollte dann auch den zweiten Absatz erwähnen, wonach der Erlass der Truppe mit dem Zusatz mitzuteilen war, dass über Frauen und Kinder hinwegzuschießen sei. Wörtlich heißt es darin: „Diese werden schon fortlaufen, wenn zweimal über sie hinweggeschossen wird. Die Truppe wird sich des guten Rufes des deutschen Soldaten bewusst bleiben.“ Ich könnte jetzt mit Betrachtungen über die zunächst sehr geringe Stärke der deutschen Schutztruppe und die gute Organisation und Bewaffnung der Aufständischen fortfahren oder einen Vergleich mit der Praxis anderer Kolonialmächte vornehmen. Aber erstens bin ich sozusagen Partei und überlasse das lieber den Historikern. Zweitens hänge ich der französischen Spruchweisheit „Qui s’excuse, s’accuse“ an: Wer sich entschuldigt, klagt sich an. Für beides sehe ich für meine Person keinen Anlass.
Das Versöhnungstreffen Maharero/von Trotha
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Von Trotha: Das Versöhnungstreffen von vor zwei Jahren beweist tatsächlich, dass die Nachfahren des Oberhäuptlings Samuel Maharero, der die Herero 1904 in den Aufstand gegen die deutsche Schutztruppe führte, meiner Familie weitaus unvoreingenommener und objektiver gegenüberstehen als der Münchner Stadtrat. Schon Ende der siebziger Jahre äußerte der Herero-Oberhäuptling Clemens Kapuuo auf die Frage, was er als Herero eigentlich den Deutschen gegenüber fühle: „Wir sind zwei Kämpfervölker, die besten hier in Südwest. Wir haben damals gegeneinander gekämpft, Ihr seid die Stärkeren gewesen. Gewiss, viele von uns starben auf der Flucht durch die Wüste aber was soll das? Schauen Sie sich heute meine Herero an. Die ziehen sich heute noch bei merkwürdigen Sonntagsübungen alte deutsche Uniformen an, haben Dienstränge, ,Leutnanti‘, ,Oberleutnanti‘, ,Hoppmann‘, ,Majora‘. Sie tragen sogar die ,Affenschaukel‘, die Schulterbänder der deutschen Generalstäbler. Im Grunde haben wir einen tiefen Respekt vor den Deutschen.“
Die Herero haben offenbar mehr Gespür dafür, dass man vergangene Epochen nicht mit den Maßstäben von heute zu messen, sondern aus der Zeit heraus zu begreifen hat. Bedenken Sie, dass Winston Churchill noch 1919 von der britischen Luftwaffe den Abwurf von Senfgasbomben in den Kolonien forderte und erklärte: „Ich verstehe nicht diese Zimperlichkeit wegen des Einsatzes von Gas. Ich bin sehr dafür, Giftgas gegen unzivilisierte Stämme einzusetzen.“ Mir ist nicht bekannt, dass es Bestrebungen gibt, Churchill den ihm 1953 verliehenen Literaturnobelpreis oder den Karlspreis der Stadt Aachen aus dem Jahr 1956 abzuerkennen. Und noch einen weiteren Weltkrieg später, im Mai 1945, also einen Monat vor Unterzeichnung der UNO-Charta, reagierte die französische Kolonialmacht im Norden der algerischen Provinz Constantine auf eine Rebellion mit Vergeltungsmaßnahmen und Massenerschießungen, die zwischen 20.000 und 40.000 Todesopfer forderten. Das ist für mich dann auch vor dem Hintergrund der mittlerweile herrschenden Zeitmaßstäbe unbegreiflich, setzte man doch zur selben Zeit dazu an, bei den Nürnberger und Tokioter Prozessen Verbrechen gegen die Menschlichkeit erstmals strafrechtlich zu verfolgen wenn auch nur in Bezug auf die Unterlegenen.