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Was Sie schon immer über Japan wissen wollten

Die Wahlmünchnerin Miki Sakamoto und ihr neues Buch „Die Kirschblütenreise”

(
April 2011)


Miki Sakamoto studierte in Tokio klassische japanische und chinesische Literatur und in München europäische Kulturanthropologie. Bei der Präsentation ihres neuen Buches wurde sie gefragt, wie Deutschland seine Anteilnahme an Japans aktuellem Unglück zeigen könne. Ihr Vorschlag: „Japaner lieben deutsche Musik. Wenn der Tölzer Knabenchor, die Regensburger Domspatzen oder ein Rundfunkorchester in Tokio ein Konzert gäben, es wäre ein überwältigendes Zeichen.”
Dass die japanische Literatur von Frauen sanft beherrscht wird, ist bekannt. Die Schriftstellerin Miki Sakamoto, geboren 1950 in Kagoshima auf Japans südlichster Hauptinsel Kiushu, entstammt einem alten Adelsgeschlecht, das in der Provinz Satsuma, der heutigen Präfektur Kagoshima, jahrhundertlang das Sagen hatte. Die mit dem Zoologen Josef H. Reichholf verheiratete Dichterin lebt seit 1974 in München. Sie schreibt auf Deutsch, und ihre Werke sind auch auf ein deutsches Publikum zugeschnitten. Bei ihrem 2007 erschienenen Buch „Münchner Freiheit“ hing das mit dem Gegenstand zusammen: Die „fernöstlichen Blicke auf die Weltstadt mit Herz“ enthielten, rechtzeitig zu deren 850. Geburtstag, eine Liebeserklärung an die bayerische Hauptstadt. Und Sakamotos neues Buch „Die Kirschblütenreise oder wie meine Großmutter Nao den Wandel der Zeit erlebte” erläutert vieles, das Japanern ohnehin geläufig ist. Das Werk ist gerade im Verlag „nymphenburger“ erschienen. Die Autorin hat es in dieser Woche in München präsentiert und daraus gelesen.

Die Folgen der „Öffnung”

Frühling 1895: Der Kunst- und Buchhändler Naotaro, ein gebildeter und vermögender Samurai, lebt seit einem Jahr mit seiner Frau Yoshi in Tokio. Er sieht eine große Zukunft für Japan heraufziehen. In seinem Studierzimmer erwartet er ungeduldig die Geburt seines ersten Kindes. Es ist im altjapanischen Stil eingerichtet, während Naotaros Empfangszimmer nach europäischer Art möbliert ist. „Auch die kaiserliche Familie pflegt nun auf Stühlen zu sitzen“, hatte der Tischlermeister gesagt. Und Naotaro hatte ergänzt: „Das Kaiserhaus ist unser Vorbild.“ Während Naotaro wartet, denkt er auch daran, wie es zu dem Wandel kam: „Als die Amerikaner kamen, saßen der Kaiser und die anderen Würdenträger auf dem Boden.“ Nicht nur was die Sitzgelegenheiten anging, wollte Japan fortan auf Augenhöhe mit dem Westen sein.

Um sich von der bangen Sorge abzulenken, wie die Geburt verlaufen werde, liest Naotaro in den „Gesprächen“ des Konfuzius: „Sich erheben durch die Dichtung, standfest werden durch die Sitte, sich vollenden durch die Musik“. Die Geburt verläuft gut. Mutter und Töchterchen sind wohlauf. Die Kleine soll Nao heißen – das bedeutet: edel, vornehm.

Hier – und dieser Aufbau durchzieht „Die Kirschblütenreise“ – schiebt Sakamoto einen Exkurs zu den geschichtlichen Fakten ein. Der Leser erfährt zum Beispiel:

„1853/54 erzwangen die Amerikaner die Öffnung Japans für den Handel mit dem Westen. Jahrhundertelang hatte sich das Inselreich abgeschottet und sich geweigert, Fremden Zutritt zu gewähren. Zu schlechte Erfahrungen hatte es mit den Europäern gemacht. Zu selbstherrlich gebärdeten sich diese. Zu sehr von oben herab behandelten sie die Japaner wie auch die Chinesen und andere Ostasiaten. Ein erster Versuch der Engländer, die japanische Blockadehaltung zu brechen, war Anfang des 19. Jahrhunderts gescheitert.“

Aus Edo wurde Tokio. Europäische Kleidung machte dem Kimono Konkurrenz. Und man aß plötzlich Fleisch: „Davor lebten die meisten Japaner fleischlos von Fisch und Soja, weil der buddhistische Kaiser Temmu im 7. Jahrhundert das Jagen und Fallenstellen untersagt und das Essen von Rindern, Pferden, Hunden, Affen und Hühnern weitestgehend verboten hatte, weil ihr Fleisch als unrein galt.“

Bushido – nicht nur ein Rapper!


Sakamotos neues Buch umfasst 352 Seiten und kostet 19,95 Euro. Der Umschlag zeigt ein Familienfoto von 1910, auf dem Nao mit ihren Kindern zu sehen ist.
Naos Kindheit und Erziehung wird dann zum Lehrstück für den Leser. Wie sie mit dem Gang zum Schinto-Schrein den Ahnen vorgestellt wird, wie sie die 46 Zeichen des japanischen Alphabets, die Blumenkunst Ikebana, das Spiel auf der Koto, der alten japanischen Zither, und die Kalligrafie lernt. Wie sie mit „Bushido“, der Philosophie der Samurai, vertraut gemacht wird. Und was es mit den schönen und kunstsinnigen Geishas auf sich hat.

Dann wendet sich die Autorin wieder der großen Geschichte zu. Auf knapp zwei Seiten beschreibt sie unter der Überschrift „Die Teilung der Welt”, dass zuerst Portugal und Spanien den Erdball untereinander aufteilten, dann Holländer und Franzosen auf den Plan traten und schließlich die Briten „alle übertrumpften“. Dass die britische Hegemonie das Deutsche Reich „bedrohte“ und Englands einstiger Ableger, die USA, „großspurig mitmischte“. Und: „Russland wagte es sogar, die neue Großmacht im Fernen Osten in der Mandschurei herauszufordern. Auf ureigenstem Boden der Ostasiaten!“ Der russisch-japanische Konflikt endete 1905 mit Moskaus Niederlage.

Doch im Kapitel „Der erste Krieg“ kommt Sakamoto auch darauf zu sprechen, wie Japan 1894/95 seine Herrschaft auf den Nordosten Chinas ausdehnte. Naotaro ist damit gar nicht glücklich: „Seit diesem leichten Sieg über China gehören wir auch zu den Unterdrückern anderer Völker.“ Schon einmal war China erobert worden, im 14. Jahrhundert von den Mongolen. Japan blieb dieses Schicksal erspart, denn zweimal scheiterte die Mongoleninvasion an einem Taifun, genannt Kamikaze, der Wind der Götter.

Nao lernt ihren künftigen Mann Eiichi bei einem Besuch im Nō-Theater kennen. Die Familien haben es so arrangiert. Eine Einladung zur Teezeremonie folgt und 1915 heiratet Nao. Der Erste Weltkrieg ist in vollem Gang, Japan hatte von Deutschland den Stützpunkt Tsingtau verlangt und ihm den Krieg erklärt.

Pearl Harbor: „Japan wurde getäuscht“

Miki Sakamoto verfolgt das Leben ihrer Großmutter weiter, lässt dabei die Besetzung der Mandschurei 1931/32, den japanischen Angriff auf China von 1937 und das anschließende Massaker von Nanking nicht aus.

Wie es zum Krieg mit Amerika kam, beschreibt Sakamoto so:

„Vorausgegangen war, dass am 7. Dezember 1941 Japan in einem beispiellosen Luftschlag vermeintlich ganz überraschend die amerikanische Kriegsflotte in Pearl Harbor vernichtet hatte. Vermeintlich, denn es lagen in dem Hafen der hawaiianischen Insel O’ahu zwar zahlreiche, aber eher veraltete Kriegsschiffe. Die modernen Schlachtschiffe befanden sich in sicheren Häfen an der nordamerikanischen Küste. Im Ränkespiel der Geheimagenten war Japan getäuscht worden. Der Angriff auf Pearl Harbor gab den bestmöglichen Grund für den offiziellen Kriegseintritt der USA.“


Auch dem Röntgenarzt Takashi Nagai (1908 – 1951) setzt Miki Sakamoto in der „Kirschblütenreise“ ein Denkmal. Sein Leben und seine Bücher „Die Glocken von Nagasaki“ und „Jungfrauental“ (Otome Toge) hatten die Autorin schon in ihrer Jugend begeistert. Der 1934 katholisch getaufte Mediziner erlitt beim Atombombenabwurf auf Nagasaki schwere Verletzungen, seine Frau starb. Trotzdem formte er eine Hilfsmannschaft und versorgte wochenlang Überlebende, bis er zusammenbrach. 1948 wurden auf seine Initiative hin tausend Kirschbäume in der Stadt gepflanzt – als Zeichen der Zuversicht und als Sieg des Lebens. Das Foto Nagais entstand 1946.
Das Jahr 1943 habe die Wende zulasten der Achsenmächte gebracht.

„Doch der Höhepunkt des Schreckens, das Unvorstellbare und Einmalige, stand noch bevor. Der Krieg hatte alle Maße von Menschlichkeit gesprengt. Als Übersteigerung seiner selbst hatte er noch die wahre Hölle zu bieten. Und auch dieses finsterste Angebot aus der Natur des Menschen wurde von Militärs angenommen. ‚Ich werde dafür sorgen’, so soll der amerikanische General Douglas MacArthur gesagt haben, ‚dass Japanisch nur noch in der Hölle gesprochen wird’.“

„Sie wollen ganz Japan vernichten“

Amerikanische Bomber zerstören im Juni und Juli 1945 auch Sakamotos Heimatstadt Kagoshima: „Sie machten die Stadt dem Erdboden gleich – wie die meisten Städte Japans auch.“ „Tiefflieger über Reisfeldern“ und „Dr. Nagai und die Atombombe auf Nagasaki“ sind die Kapitel überschrieben, in denen zum Ausdruck kommt, was sich Japaner damals dachten: „Sie wollen ganz Japan vernichten.“ Ein Verdacht, der auch später nicht so rasch weichen wollte:

„Die Besatzer stellten Japan zwar große Verbesserungen der Gesellschaft durch Demokratisierung in Aussicht, aber wer mochte das schon glauben, wenn doch das unmittelbare Ziel, alle noch vorhandenen Strukturen zu schwächen oder abzuschaffen, überall höchst augenscheinlich zutage trat. Erst wenn Japan von Grund auf vernichtet war, ließ sich auf den Inseln der ‚little yellow monkeys’, der ‚kleinen gelben Affen’, wie die Japaner genannt wurden, etwas Neues gestalten. Viele bereiteten ihrem Leben selbst ein Ende, weil sie die Schmach nicht ertrugen. Sie vollzogen meistens die schlichte, vom Westen ‚Harakiri’ genannte Selbsttötung und nicht das zeremonielle Seppuku.“

Diesen Ausweg sieht Masaru, Naos Schwager und Mitarbeiter des Tokioter Außenministeriums, freilich kritisch:

„Es nützt Japan nichts, zusätzlich zu den immensen Verlusten noch Selbstmordhelden zu bekommen! Dass sie sich den Folterungen durch Harakiri entziehen, kann ich verstehen. Gut ist es aber nicht. Wir brauchen aufrechte Menschen, die ihr Samurai-Ethos im Innern tragen! Was uns weiterbringt, ist Stärke, nicht die Schwäche der Selbstaufgabe!“

„Asien lässt sich seinen Weg nicht vorschreiben”

Masaru ist überzeugt, dass Japan und das von ihm bewunderte Deutschland niemals als Sieger aus einem weltweiten Krieg hervorgehen konnten, doch er glaubt: „Asien wird sich seinen Weg nicht vom Westen vorschreiben lassen, auch wenn Japan jetzt so hoffnungslos darniederliegt.“

Und Nao? „Ihre Abneigung gegen die Sieger hatte sich massiv verschärft.” Miki Sakamoto im Epilog: „Als ich ihr sagte, dass ich nach Amerika gehe, wenn ich groß bin, antwortete sie nur: ‚Nach Amerika’.“ Die Großmutter starb 1959. Ihre Enkelin ist nicht in die USA gegangen, sondern – zu unserem Glück – nach Deutschland. „Das Buch, das meine Großmutter im Herzen trug, nahm ich als Auftrag mit. Ich schrieb es nicht als Biografie, sondern als Nachempfindung ihres Lebens.“

Gerhard Frey