Was Sie schon immer über Japan wissen wollten
Die Wahlmünchnerin Miki Sakamoto und ihr neues Buch „Die Kirschblütenreise”
(April 2011)
![]() Miki Sakamoto studierte in Tokio klassische japanische und chinesische Literatur und in München europäische Kulturanthropologie. Bei der Präsentation ihres neuen Buches wurde sie gefragt, wie Deutschland seine Anteilnahme an Japans aktuellem Unglück zeigen könne. Ihr Vorschlag: „Japaner lieben deutsche Musik. Wenn der Tölzer Knabenchor, die Regensburger Domspatzen oder ein Rundfunkorchester in Tokio ein Konzert gäben, es wäre ein überwältigendes Zeichen.” |
Die Folgen der „Öffnung”
Frühling 1895: Der Kunst- und Buchhändler Naotaro, ein gebildeter und vermögender Samurai, lebt seit einem Jahr mit seiner Frau Yoshi in Tokio. Er sieht eine große Zukunft für Japan heraufziehen. In seinem Studierzimmer erwartet er ungeduldig die Geburt seines ersten Kindes. Es ist im altjapanischen Stil eingerichtet, während Naotaros Empfangszimmer nach europäischer Art möbliert ist. „Auch die kaiserliche Familie pflegt nun auf Stühlen zu sitzen“, hatte der Tischlermeister gesagt. Und Naotaro hatte ergänzt: „Das Kaiserhaus ist unser Vorbild.“ Während Naotaro wartet, denkt er auch daran, wie es zu dem Wandel kam: „Als die Amerikaner kamen, saßen der Kaiser und die anderen Würdenträger auf dem Boden.“ Nicht nur was die Sitzgelegenheiten anging, wollte Japan fortan auf Augenhöhe mit dem Westen sein.
Um sich von der bangen Sorge abzulenken, wie die Geburt verlaufen werde, liest Naotaro in den „Gesprächen“ des Konfuzius: „Sich erheben durch die Dichtung, standfest werden durch die Sitte, sich vollenden durch die Musik“. Die Geburt verläuft gut. Mutter und Töchterchen sind wohlauf. Die Kleine soll Nao heißen das bedeutet: edel, vornehm.
Hier und dieser Aufbau durchzieht „Die Kirschblütenreise“ schiebt Sakamoto einen Exkurs zu den geschichtlichen Fakten ein. Der Leser erfährt zum Beispiel:
„1853/54 erzwangen die Amerikaner die Öffnung Japans für den Handel mit dem Westen. Jahrhundertelang hatte sich das Inselreich abgeschottet und sich geweigert, Fremden Zutritt zu gewähren. Zu schlechte Erfahrungen hatte es mit den Europäern gemacht. Zu selbstherrlich gebärdeten sich diese. Zu sehr von oben herab behandelten sie die Japaner wie auch die Chinesen und andere Ostasiaten. Ein erster Versuch der Engländer, die japanische Blockadehaltung zu brechen, war Anfang des 19. Jahrhunderts gescheitert.“
Aus Edo wurde Tokio. Europäische Kleidung machte dem Kimono Konkurrenz. Und man aß plötzlich Fleisch: „Davor lebten die meisten Japaner fleischlos von Fisch und Soja, weil der buddhistische Kaiser Temmu im 7. Jahrhundert das Jagen und Fallenstellen untersagt und das Essen von Rindern, Pferden, Hunden, Affen und Hühnern weitestgehend verboten hatte, weil ihr Fleisch als unrein galt.“
Bushido nicht nur ein Rapper!
![]() Sakamotos neues Buch umfasst 352 Seiten und kostet 19,95 Euro. Der Umschlag zeigt ein Familienfoto von 1910, auf dem Nao mit ihren Kindern zu sehen ist. |
Pearl Harbor: „Japan wurde getäuscht“
Miki Sakamoto verfolgt das Leben ihrer Großmutter weiter, lässt dabei die Besetzung der Mandschurei 1931/32, den japanischen Angriff auf China von 1937 und das anschließende Massaker von Nanking nicht aus.
Wie es zum Krieg mit Amerika kam, beschreibt Sakamoto so:
„Vorausgegangen war, dass am 7. Dezember 1941 Japan in einem beispiellosen Luftschlag vermeintlich ganz überraschend die amerikanische Kriegsflotte in Pearl Harbor vernichtet hatte. Vermeintlich, denn es lagen in dem Hafen der hawaiianischen Insel O’ahu zwar zahlreiche, aber eher veraltete Kriegsschiffe. Die modernen Schlachtschiffe befanden sich in sicheren Häfen an der nordamerikanischen Küste. Im Ränkespiel der Geheimagenten war Japan getäuscht worden. Der Angriff auf Pearl Harbor gab den bestmöglichen Grund für den offiziellen Kriegseintritt der USA.“
![]() Auch dem Röntgenarzt Takashi Nagai (1908 1951) setzt Miki Sakamoto in der „Kirschblütenreise“ ein Denkmal. Sein Leben und seine Bücher „Die Glocken von Nagasaki“ und „Jungfrauental“ (Otome Toge) hatten die Autorin schon in ihrer Jugend begeistert. Der 1934 katholisch getaufte Mediziner erlitt beim Atombombenabwurf auf Nagasaki schwere Verletzungen, seine Frau starb. Trotzdem formte er eine Hilfsmannschaft und versorgte wochenlang Überlebende, bis er zusammenbrach. 1948 wurden auf seine Initiative hin tausend Kirschbäume in der Stadt gepflanzt als Zeichen der Zuversicht und als Sieg des Lebens. Das Foto Nagais entstand 1946. |
„Sie wollen ganz Japan vernichten“
„Asien lässt sich seinen Weg nicht vorschreiben”
Masaru ist überzeugt, dass Japan und das von ihm bewunderte Deutschland niemals als Sieger aus einem weltweiten Krieg hervorgehen konnten, doch er glaubt: „Asien wird sich seinen Weg nicht vom Westen vorschreiben lassen, auch wenn Japan jetzt so hoffnungslos darniederliegt.“
Und Nao? „Ihre Abneigung gegen die Sieger hatte sich massiv verschärft.” Miki Sakamoto im Epilog: „Als ich ihr sagte, dass ich nach Amerika gehe, wenn ich groß bin, antwortete sie nur: ‚Nach Amerika’.“ Die Großmutter starb 1959. Ihre Enkelin ist nicht in die USA gegangen, sondern zu unserem Glück nach Deutschland. „Das Buch, das meine Großmutter im Herzen trug, nahm ich als Auftrag mit. Ich schrieb es nicht als Biografie, sondern als Nachempfindung ihres Lebens.“
Gerhard Frey