Es war alles ganz anders
Am 15. Mai 2006 war ich als bekennender Italophiler empört (siehe unten 1.). Am 18. Mai 2006 war ich es aus anderen Gründen wieder (siehe unten 2.). Zahlreiche Organe unterschlugen, welche Wendung der Fall des in Berlin „überfallenen“ Italieners genommen hatte oder versteckten den Bericht hierüber so gut es ging im Innenteil der Zeitung. Der Vorgang zeigt, wie vorsichtig man mit Medienberichten umzugehen hat:
1.
(15. Mai 2006)
Überfall auf einen Italiener in Berlin:
Was geht in den Köpfen krimineller Blindgänger vor?
Die Reuters-Meldung vom 15. Mai lautet:
„Offenkundig aus rassistischen Motiven ist in Berlin ein Italiener überfallen und schwer verletzt worden. Der 30-Jährige sei sofort nach Aufnahme im Krankenhaus operiert worden, meldete die Polizeipressestelle am Sonntag. Die Angreifer hätten ihr Opfer nach seiner Nationalität gefragt, ehe sie ihn mit einem Baseballschläger geschlagen hätten. Er sei am Kopf und am rechten Knie verletzt worden. Zudem hätten die Männer den Italiener mit den Worten ‚Scheiß-Ausländer‘ beschimpft. Der Überfall ereignete sich laut Polizei in der Nacht zum Sonntag in der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg. Die Angreifer wurden den Angaben zufolge als kahlköpfig beschrieben und trugen schwarze Kleidung.“
Gehen wir bis auf weiteres davon aus, dass es so war! Setzen wir voraus, dass niemand gleich welcher Hautfarbe und Nationalität angegriffen, geschlagen, verletzt werden darf! Denn das darf man als Mindeststandard erwarten.
Auf welchem Niveau?
Man reibt sich die Augen. Auf welchem menschlichen und intellektuellen Niveau mögen sich die Täter befinden? „Aus rassistischen Motiven“ haben sie einen Italiener angegriffen.
Haben diese Verbrecher wir gehen wie gesagt mangels entgegenstehender Anhaltspunkte von der Richtigkeit der Meldung aus schon einmal vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gehört? Von der translatio imperii, also dem Übergang der römischen Kaiserwürde auf die römisch-deutschen Könige? Haben sie je von dem 1194 in Apulien geborenen und in Palermo aufgewachsenen Kaiser Friedrich II. dem Staufer gehört? Haben sie eine Ahnung davon, dass bis zum Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuchs im Jahre 1900 in Deutschland unmittelbar römisches Recht galt und viele seiner Regeln heute im BGB fortleben.
Wissen diese kriminellen Verrückten etwas von der Tatsache, dass Lorenzo da Ponte die Texte zu Mozarts Opern „Figaros Hochzeit“, „Don Giovanni“ und „Così fan tutte“ schrieb? Haben diese Wahnsinnigen schon einmal von Goethes Italienischer Reise und seinen Römischen Elegien gehört?
Wissen sie etwas vom Kampf der deutsch-italienischen Panzerarmee unter Rommel in Nordafrika? Ahnen sie, dass von 1943 bis 1946 in Hereford in der texanischen Wüste 5000 italienische Kriegsgefangene darbten, weil sie sich geweigert hatten, sich am Krieg gegen ihre früheren deutschen Verbündeten zu beteiligen. Ihren US-Bewachern verdeutlichten sie ihre Haltung, indem sie ostentativ deutsche Lieder sangen: „Rosamunde, schenk’ mir dein Herz und dein Ja!“
Winckelmann bis Gregorovius,
Nietzsche bis Rilke: Italien!
Ahnen die rohen Schläger, warum es die Deutschen von Winckelmann bis Gregorovius, von Meier bis Müller immer nach Italien zog? Warum Nietzsche nach Rapallo und Rilke nach Duino und Florenz? Warum sie nach dem Krieg wieder keine andere Sehnsucht hatten und diese zuerst mit Motorrad und -roller, später mit Käfer, Goggomobil und BMW 700 verwirklichten? Warum umgekehrt seit den 20er- und 30er-Jahren italienische Restaurants und Eisdielen in Deutschland Einzug hielten?
Warum Italiener nicht erst seit dem Anwerbeabkommen von 1955, sondern schon im Mittelalter, im wilhelminischen Reich und verstärkt ab 1937 zur Arbeit nach Deutschland kamen, ohne dass dies je zu Problemen geführt hätte? Und warum die etwas mehr als 600.000 italienischen Staatsangehörigen, die heute in Deutschland leben, von den meisten Deutschen überhaupt nicht als Ausländer empfunden werden? Und die Deutschen in Italien ebenso wenig.
Die in Berlin verübte Gewalttat so die Meldung sich bestätigt ist nicht nur ein nicht hart genug zu bestrafendes Verbrechen an dem Opfer, sondern auch eines an der Geschichte und der aufrichtigen Zuneigung zwischen dem deutschen und dem italienischen Volk. Sicher, unter 80 Millionen gibt es vermutlich für fast jede Abartigkeit eine Handvoll Subjekte, die sich zu ihr bereit finden. Trotzdem die Frage: Was kann solche kriminellen Blindgänger stoppen? Ein Funken Bildung vielleicht?
Gerhard Frey
2.
(18. Mai 2006)
Ins Gleisbett gefallen:
Gianni C. erfand den „fremdenfeindlichen Überfall“
An dieser Stelle zitierte ich vor drei Tagen folgende auf Polizeiangaben gestützte Meldung: Aus Fremdenfeindlichkeit sei in Berlin ein Italiener überfallen und schwer verletzt worden, hatte die Polizeipressestelle der Hauptstadt mitgeteilt. Die Angreifer hätten ihr Opfer nach seiner Nationalität gefragt, ehe sie ihn mit einem Baseballschläger geschlagen hätten. Der Überfall habe sich laut Polizei in der Nacht zum Sonntag in der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg ereignet.
Ich wollte aus diesem Anlass die deutsch-italienische Freundschaft kurz Revue passieren lassen. Aber wie rangehen? „Gehen wir bis auf weiteres davon aus, dass es so war!“, begann der Beitrag. Und noch einmal: „Wir gehen wie gesagt mangels entgegenstehender Anhaltspunkte von der Richtigkeit der Meldung aus“. Und dann nochmals der Vorbehalt: „wenn die Meldung sich bestätigt“.
Zum Glück hat sie sich nicht bestätigt. Zwei Tage später ging eine neue Nachricht über den Ticker und gab der Sache eine völlig andere Wendung:
| „Der fremdenfeindliche Übergriff auf einen Italiener in Berlin war nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft nur vorgetäuscht. Nach derzeitigen Erkenntnissen sei das vermeintliche Opfer angetrunken in ein Gleisbett der S-Bahn gefallen und habe sich dabei verletzt. Dies sei auf Überwachungskameras vom S-Bahnhof Alexanderplatz zu sehen. Gegen den Mann seien Ermittlungen wegen Vortäuschens einer Straftat eingeleitet worden.“ |
Der so harmlos dreinblickende Gianni C. hatte also alles erfunden! Juristisch gesehen hat er nur ein Vergehen „Vortäuschen einer Straftat“ begangen. Moralisch ist er es, der sich des „Verbrechens an der deutsch-italienischen Freundschaft“ schuldig gemacht hat, das ich aufgrund der ursprünglichen Meldungen in anderer Form befürchtet hatte.
Merkwürdig, dass der Bundesausländerbeirat (der Zusammenschluss der Landesarbeitsgemeinschaften der kommunalen Ausländerbeiräte und Ausländervertretungen) beinahe frohlockte, der vermeintliche Übergriff auf den Italiener sei „nur die Spitze eines Eisberges“. Und dass er dabei auf seiner Internetseite (siehe http://www.bundesauslaenderbeirat.de/Presse/Presse.htm) auch noch bleibt, nachdem die Täuschung längst aufgeflogen ist.
Gerhard Frey