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Wie der Brockhaus gesäubert wurde

Umfassende Lehre oder Spiegel des Zeitgeists?

(Mai 1997)


Keineswegs im Sinne des Brockhaus-
Begründers Friedrich Arnold Brockhaus (1772 - 1823) sind die Manipulationen und Unterschlagungen in der aktuellen Brockhaus-Enzyklopädie. Als Freisinniger war er in der Zeit von Restauration und Reaktion verdächtig, erlitt Zensur seitens der Behörden und kämpfte entschieden gegen alle Beschränkungen geistiger Freiheit.
Deutsche Lexika, insbesondere die des Brockhaus- und des Meyer-Verlags, stellen nach wir vor fabelhafte Wissensspeicher dar. Betrüblich nur, dass mehr und mehr Manipulationen, die manchmal fast die Bezeichnung Fälschung verdienen, von den Redaktionen vorgenommen werden, um einem kurzlebigen Zeitgeist entgegenzukommen. Das hohe Maß an Objektivität und Scheuklappenfreiheit, das für die Lexika der Weimarer Republik (besonders informativ: Meyers Lexikon, 7. Auflage, 1924-1930) und der früheren und mittleren Bundesrepublik kennzeichnend ist, fiel zunehmend politischer Korrektheit zum Opfer. Troff einst die braune Soße aus manchen Artikeln der Nachschlagewerke der NS-Zeit, werden heute Informationen bewusst unterschlagen.

Bezeichnend ist die Diskrepanz zwischen dem „Großen Brockhaus" aus den Jahren 1952-1957 (12 Bände) und der „Brockhaus Enzyklopädie" von 1986-1994 (24 Bände). Letztere tritt mit einem enormen Anspruch an: Als Enzyklopädie (übersetzt etwa: umfassende Lehre) will sie den Gesamtbestand des Wissens ihrer Zeit darstellen. Bereits der Umfang der Werke verdeutlicht, dass das Fehlen bestimmter Informationen im aktuellen Werk nicht mit Raummangel begründet werden kann.

Liedtke, Kayssler, Breitscheid – nicht mehr ermordet?

Über den 1945 von Rotarmisten ermordeten Schauspieler Harry Liedtke etwa hieß es im 50er-Brockhaus: „von sowjet. Soldaten ermordet“. Im 90er-Brockhaus verschleiert – bei im übrigen erweiterten Informationen über Liedtke! – ein bloßes Kreuz das gewaltsame Ende des großen Liebhabers im deutschen Stummfilm. Ebenso bei dem bedeutenden Mimen und Schriftsteller Friedrich Kayssler, der sich als über Achtzigjähriger sowjetischen Vergewaltigern entgegenstellte: „von Russen ermordet“ hieß es im 50er-Brockhaus und übrigens auch noch im Großen Brockhaus von 1979. Auch dass der SPD-Politiker Rudolf Breitscheid 1944 im KZ Buchenwald Opfer eines alliierten Bombenangriffs wurde, fiel – wiederum bei im übrigen umfangreicheren Eintrag – der Zensur zum Opfer.

Was Opfer westalliierter Gewalt angeht, hatte übrigens schon der 50er-Brockhaus blinde Flecken: So verzeichnet das damalige wie das heutige Nachschlagewerk bei dem Komponisten Anton von Webern, der von einem US-Besatzungssoldaten am 15. September 1945 erschossen wurde, lediglich ein Kreuz für gestorben.

Wie die Ermordung einzelner wurden auch kollektive Gewaltakte sorgsam getilgt. So hieß es im Lexikon der frühen Bundesrepublik zu Breslau: „Die gesamte deutsche Bevölkerung wurde nach 1945 vertrieben...“, während man nun nur noch die Einwohnerzahl der Jahre 1811,1890,1984 erfährt.

Prozesse nicht mehr mangelhaft?

Beispiel Nachkriegsprozesse: Der 50er-Brockhaus führt die „schweren Mängel", unter denen die nach 1945 von den Alliierten durchgeführten Kriegsverbrecherprozesse litten, an. Weiter: „Die Mängel der Kriegsverbrecherprozesse sind auch von unvoreingenommenen Angehörigen der Westmächte entschieden getadelt worden.“ Außer Zweifel sei, dass auch Unschuldige hingerichtet oder in langer Haft gehalten worden seien. Die 90er-Enzyklopädie schweigt hierzu; gestrichen auch die umfangreichen Angaben der kritischen Literatur.

Beispiel Dönitz: Die Mitteilung des 50er-Brockhaus, dass die Verhaftung der Regierung Dönitz durch Engländer am 23. Mai 1945 „in unwürdigen Formen“ erfolgte, wurde – trotz viel längeren Eintrags – gestrichen.

Beispiel Weltkriege: Hat man die Lexikonartikel des 50er-Brockhaus über die beiden Weltkriege und ihre Vorgeschichte gelesen, glaubt man beim 90er-Werk, im falschen Film zu sein. Bemerkenswert insbesondere, wie offen der frühere Brockhaus über die Entwicklungen berichtet, die zum Zweiten Weltkrieg führten. Ohne deutsche Schuld zu beschönigen, finden sich darin Mitteilungen wie die, dass die deutsche Führung an ein Eingreifen Großbritanniens und Frankreichs in einen deutsch-polnischen Krieg nicht glaubte, dass sie am 29. August 1939 in die Entsendung eines polnischen Unterhändlers in Berlin einwilligte, welcher nicht erschien etc. pp.

Beispiel Partisanen: Der 50er-Brockhaus teilte die Tatsache mit, dass die Tätigkeit der Widerstands- und Partisanengruppen im Zweiten Weltkrieg zu erheblichem Umfang nicht vom Kriegsvölkerrecht gedeckt war, worüber die Enzyklopädie der 90er nichts mehr zu berichten weiß.

Die Diderot-Methode

In der berühmten von Diderot und d'Alembert herausgegebenen Enzyklopädie der Jahre 1751 bis 1780 formulierten die Enzyklopädisten an prominenten Stellen linientreu, um dann an abgelegenen Stellen, auf die verwiesen wurde, das Gedankengut der Aufklärung zu verbreiten. Enttäuscht wird, wer hofft, diese Methode werde auch heute noch angewandt. Gleichwohl enthält auch der aktuelle Brockhaus in zeithistorischer Hinsicht Aufschlussreiches. Dass Kardinal Graf Galen sich nach Kriegsende zum Anwalt der Bevölkerung gegenüber den Besatzungsmächten machte, ist dort ebenso noch verzeichnet wie der Umstand, dass die Wehrmacht Bibliothek und Kunstschätze von Montecassino vor den alliierten Bomben rettete. Auch beispielsweise Näheres über das Sykes-Picot-Abkommen von 1916, in dem Großbritannien und Frankreich das Osmanische Reich in Einflusssphären aufteilten. Oder etwa, dass Exotismus (die Verherrlichung des Fremden schon weil es fremd ist) ebenso wie Fremdenfeindlichkeit eine „Regressionsform menschlichen Weltverstehens“ ist.

Gerhard Frey


Keine Einzelfälle: Schauspieler Liedtke, Kayßler, SPD-Politiker Breitscheid – der zwölfbändige Brockhaus der jungen Bundesrepublik verzeichnete noch ihr Schicksal, im aktuellen Brockhaus doppelten Umfangs ist es getilgt.