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Winnenden:
BILD schoss mit

(16. März 2009)


„Computer BILD Spiele“, März 2009, setzt Trends: Der Junge mit der Beretta – trotz Winnenden weiter online.

Kopfschussszene bei „Computer BILD Spiele“, März 2009. Springer-Kommentar dazu: „Kopfsache“
„Computer BILD Spiele, Europas größte Zeitschrift für Computerspiele, veröffentlicht jeden Monat die neuesten Trends.“ Diese Eigenwerbung des Axel-Springer-Verlags kann man nur bestätigen, wenn man als neuesten Trend das Feuern mit einer 15-schüssigen US-Armeepistole vom Typ Beretta 92 auf die Köpfe vermeintlicher Widersacher ansieht.

Aufmacher der am ersten Mittwoch im März – eine Woche vor Winnenden – herausgekommenen Nummer 4/2009 von „Computer BILD Spiele“ ist das neue Killerspiel „Resident Evil 5“: „Wie gut ist der Horrorschocker?“ Niemand im Hause Springer kam nach dem Amoklauf von Winnenden auf die Idee, das „Resident Evil 5“-Bild von dem Jungen mit der Beretta für eine kurze Kunstpause wenigstens als Aufmacher der Internetseite www.computerbild.de/cbs zu entfernen. Ist das doch exakt die Waffe, die der 17-jährige Tim Kretschmer in Winnenden dazu benutzte, 16 Menschenleben, sein eigenes eingeschlossen, auszulöschen.

„Am schnellsten mit Kopfschuss“

Aber es kommt noch ärger. Mit 148 Bildern wird das „Ego-Shooter”-Spiel vom BILD-Computerspielblatt hymnisch beworben (Testergebnis: sehr gut – „Killzone 2” bekommt im selben Heft nur „gut”). Mehrfach preist die BILD-Dependance dabei die Vorzüge von Kopfschüssen an. „Kopfsache“ heißt es zu einem entsprechenden Bild zynisch. Die Widersacher – zu Zombies mutierte Menschen – „erledigen Sie am schnellsten mit einem Kopfschuss“. „Mit gezielten Schüssen auf die Köpfe” spare man Munition, erfährt man zu einem anderen Bild. Und noch manch anderen Tipp gibt es: „Bleiben Sie in Bewegung und lassen Sie sich nicht in die Enge treiben … Vorbei die Zeiten, in denen Sie pausieren und in aller Ruhe nachladen, sich heilen oder zu einer anderen Waffe wechseln.“ All das hat auch Tim Kretschmer bei seinem stundenlangen Massenmord beherzigt.

Damit nicht genug: Auch das Killerspiel, mit dem sich Tim Kretschmer noch am Abend vor dem Massenmord heiß machte, „Far Cry 2“, war Titelbild von „Computer BILD Spiele“ (Ausgabe 2/2008). Das Blatt lobte „aufregende Kämpfe“ und eine „lange Spieldauer“. Gegen das Spiel sprächen „lange Fahrwege“ und das Fehlen von Zivilisten im Spiel. Die Note für Tims Durchlauferhitzer: „gut“.

Der BILD-Ableger riet im Zusammenhang mit Kretschmers letztem Killerspiel:

„Wer genau treffen will, zielt am besten über Kimme und Korn.“ Tim hat es beachtet.

„Im Kampf gegen die verfeindeten Clans dürfen Sie nicht zimperlich sein. Mit dieser mächtigen Bleipuste zerlegen Sie ein Camp.“ Auch hier war Tim ein vorbildlicher Schüler.

„In Fahrzeugen herrscht klare Arbeitsteilung: einer fährt, einer ballert.“ Das hat Tim auch seiner Geisel Igor W. klargemacht.


Durchlauferhitzer: „Far Cry 2“, Tims letzter virtueller Kampfplatz, auf dem Titel des BILD-Computerspielblatts. „Aufregende Kämpfe“ und „lange Fahrwege“.

Vorher Video, nachher Video: So generiert BILD Nachahmungstäter.
So führt das BILD-Computerspielblatt junge Menschen millionenfach an diese Gemeinheiten heran. Gemäß der Einstufung der Unterhaltungssoftware-Selbstkontrolle (USK) dürfte die Vollversion der Zeitschrift erst an Menschen ab 16 und die abgespeckte Version an solche ab 12 Jahren verkauft werden, aber in der Praxis bekommen auch Achtjährige beide Fassungen problemlos im Supermarkt. Besprochen werden in beiden auch krass gewaltverherrlichende Spiele ab 18 wie „Resident Evil 5“.

Jetzt kommt der Profit-Clou: Niemand hat sich so an dem Massenmord von Winnenden geweidet, in den Details gesuhlt und damit so viel Kohle gemacht wie eben jener Springer-Verlag mit seinem Millionenblatt BILD. Nicht anders als zuvor schon bei Erfurt und Emsdetten. Von „Die letzten Sekunden des Amok-Killers“ über als Anteilnahme verbrämte Zudringlichkeiten bis hin zu „Amoklauf von Winnenden jetzt mit Video – der Ablauf als Flash-Grafik“ wurde keine Schweinerei ausgelassen. Nein, Schweinerei ist das falsche Wort. Schweine haben es nicht verdient, für solche Etikettierungen herhalten zu müssen.

Merkel deckt

Wer Angela Merkel auf dem Bussibussi-Sommerfest von BILD im Juni 2008 oder beim Neujahrsempfang im Springer-Verlag gesehen hat oder im herzlichen Einvernehmen mit ihrer Freundin Verlegerin Friede Springer, der weiß, dass sich bis auf Weiteres an dem Übel nichts ändern wird. Merkel gibt Springer „Rückendeckung” und „Feuerschutz”, um in der Sprache von „Computer BILD Spiele” zu bleiben. Uns riet sie, für die Opfer zu beten, und sie schlägt „unangemeldete Kontrollen“ in Privathaushalten vor, was schwerlich mit Artikel 13 des Grundgesetzes (Unverletzlichkeit der Wohnung) vereinbar sein dürfte. Die geistigen Urheber von Schulmassakern nach Killerspiel-Manier aber werden weiter hofiert, obwohl schon der Psychologe Willy Hellpach (1877–1955) das Ideo-Realgesetz entdeckte, wonach alle subjektiven Erlebnis- und Vorstellungsinhalte die Antriebe zu ihrer (objektiven) Verwirklichung einschließen. Was doch klar dagegen sprechen dürfte, Kindergehirne um des Mammons willen zu Müllhalden für perverse Gewaltphantasien zu degradieren.

Und auch an den noch tieferen Ursachen – Sinnentleerung, Identitätsverlust, subjektive Entwertung der eigenen, in Zeiten forcierter Globalisierung scheinbar austauschbaren Existenz – soll sich nach dem Willen der Mächtigen nichts ändern.

Gerhard Frey