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„Mit Unrecht ist durch das Wort ‚Vandalismus’ dem Volke Geiserichs ein Brandmal aufgedrückt“

Wo die sensible Sprache leider endet

(Juli 2010)


Geiserich (Genserich), König der Vandalen, in dem 1842 erschienenen Führer "Walhalla's Genossen geschildert durch König Ludwig den Ersten von Bayern, den Gründer Walhalla's".
„Vandalismus in der Georg-Schad-Halle. Mit blinder Zerstörungswut haben bislang Unbekannte in der Nauheimer Georg-Schad-Halle gewütet und einen Schaden von mindestens 20 000 Euro verursacht. Der Zeitraum, in dem die Vandalen in die Halle eingebrochen waren, reicht vom heutigen Mittwoch (28.7.2010) bis zum Mittwoch vergangener Woche (21.7.2010) zurück. Die Liste der Zerstörungen ist lang … Auch die Kleiderkammer blieb vom Vandalismus nicht verschont.”

Diese Pressemitteilung des in Darmstadt ansässigen Polizeipräsidiums Südhessen wäre undenkbar, wenn sprachlicher Antigermanismus und Germanophobie ebenso geächtet wären wie andere diskriminierende Sprechweisen.

Alle möglichen Übertreibungen unter der Flagge „politischer Korrektheit“ ändern ja nichts daran, dass gedankenlose und abwertende Formulierungen über die Abstammung von Menschen abzulehnen sind. Problematisch wird es, wenn jeder Schritt vom korrekten Weg Denunziationen und Sanktionen nach sich zieht. Problematisch ist es aber auch, wenn die „sensible Sprache“ ganze Bereiche ausklammert. Wenn zum Beispiel eine germanophobe Wendung Triumphe feiert. Wie etwa das Wort vom Vandalismus, das für Zerstörungswut oder -lust stehen soll.

Das germanische Volk der Vandalen

William Lewis Hertslet, 1839 als Sohn des britischen Konsuls im ostpreußischen Memel geboren, ist eines der geist- und faktenreichsten Bücher über geschichtliche Irrtümer, Entstellungen und Erfindungen zu verdanken. Es trägt den Titel „Der Treppenwitz der Weltgeschichte“ und erfuhr auch nach Hertslets Tod (1898) zahlreiche Auflagen. Ein „Treppenwitz“ ist ein Witz, der einem erst im Nachhinein, auf der Treppe, beim Gehen einfällt – wenn die Unterhaltung schon beendet ist. Auch der Geschichte, so meinte Hertslet, fällt ein pikantes Wort „fast immer erst hinterher ein“. In seinem Buch belegte er, dass auch die Pointe vom „Vandalismus“ erst der Treppenwitz eines späteren Geschlechts war. Und das kam laut Hertslet so:

„Wort und Begriff ‚Vandalismus’ ist erst am 31. August 1794 durch den Bischof Grégoire von Blois, Mitglied des Nationalkonvents, in mutiger Anwendung auf die Zerstörungen der Jakobiner geprägt worden … Jedenfalls hat es das germanische Volk der Vandalen nicht auf seinem Gewissen, dass die meisten der herrlichen, in Rom zusammengeschleppten Kunstwerke – ‚ein zweites Volk aus Statuen’ (so noch Cassiodor!) – entweder gar nicht oder nur verstümmelt erhalten sind. Mit Unrecht ist durch das Wort ‚Vandalismus’ dem Volke Geiserichs ein Brandmal aufgedrückt worden. Auch der Ostgote Totila hat Rom nicht zerstört. Die schrecklichste Plünderung Roms soll die durch den öströmischen Kaiser Constans II. (641 – 668) gewesen sein, nach der nicht viel Bedeutendes übriggeblieben sein kann.“

Die Römer selbst?

Der eben erwähnte römische Staatsmann und Schriftsteller Cassiodor (485 – 580), berichtete auch (Variarum libri VII, 13), „die Römer selbst“ hätten die unermesslichen Schätze römischer Kunstwerke geleert,

„denn Theoderich oder sein Minister fand zu der Klage Grund, dass der Schmuck Roms in so entarteter Zeit nicht mehr dem Schutze des Schönheitsgefühls, sondern den Straßenwächtern anvertraut werden müsse. Diese Vigiles der Kunstwerke waren angehalten, die Straßen bei Nacht zu durchstreifen, um die Räuber an Bildsäulen, die man nicht mehr wie zu Verres’ Zeit nach dem Werte der Kunst, sondern nach dem des Metalls schätzte, zurückzuschrecken oder zu erfassen, und man fand einen Trost darin, dass die ehernen Statuen durch ihren Klang das Brecheisen des Diebes selber zu verraten imstande seien.“

Der Ostgote Theoderich (451 – 526), der demnach über die Verluste Roms durch Räuber klagte, herrschte über Rom Jahrzehnte nach dem Jahr 455, in dem Vandalen die Stadt kampflos eingenommen und zwei Wochen lang ohne Blutvergießen beherrscht hatten!

Wikipedianer „auf Vandalenjagd“

Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia hat der weltweiten Verbreitung der Vandalen-Lüge weiteren Vorschub geleistet, definiert sie doch in ihren Wartungsseiten „Vandalismus“ in allen möglichen Sprachen so:

„Vandalismus ist die vorsätzliche und bewusste Beschädigung von Inhalten der Wikipedia.“

„Vandalism is any addition, removal, or change of content made in a deliberate attempt to compromise the integrity of Wikipedia.”

„Vandalisme: Si vous contribuez à Wikipédia de façon délibérément destructive et répétée.”

Das Ganze angereichert um Tipps, wie Wikipedianer „auf Vandalenjagd“ gehen: „Was tun, wenn ein Vandale wütet“.

Da hilft es auch nichts, dass die Bearbeiter der Enzyklopädie schon einen Schritt weiter sind und es in dem Wikipedia-Artikel über „Vandalismus“ heißt:

„Der Begriff leitet sich auf historisch wenig begründete Weise von den Vandalen ab … Da die Vandalen die Stadt Rom für die damalige Zeit sehr gesittet, äußerst gezielt und ohne blinde Zerstörungswut plünderten, ist die Etymologie des Begriffs historisch gesehen nicht richtig … Wie wenig gerecht Grégoires Wortschöpfung den Vandalen wird, ergibt sich auch aus den Worten des Bischofs Salvanius von Massilia (Marseille), der noch quasi als Zeitzeuge im 5. Jahrhundert schrieb: ,Wenn unter Goten- oder Vandalen-Herrschaft jemand ein lasterhaftes Leben führt, dann ist es ein Römer. Denn die Goten und Vandalen setzen durch sittliche Reinheit und Gradlinigkeit einen so hohen Maßstab, dass sie nicht nur selber zuchtvoll waren, sondern sie haben auch die Römer geläutert.’”

Der Begriff „Vandalismus” gehört weg

Der Begriff „Vandalismus“ also hat keine Berechtigung. Er gehört zurückgedrängt. Dass das möglich ist, zeigt ein anderes Wort, das Henri Grégoire, Bischof von Blois, ein ausgesprochen eindrucksvoller Mann übrigens, verwendete: „De la littérature des nègres“ nannte er sein 1808 erschienenes Werk über Schwarze, die sich in Wissenschaft, Literatur und Kunst hervorgetan hatten, und mit dem er sich für die Sklavenbefreiung einsetzte. Das würde der Bischof heute mit gutem Grund auch anders formulieren.

Gerhard Frey